Applaus statt Buh-Rufe

Umstrittener Historiker darf nicht an Uni reden

Der Historiker Jörg Baberowski wollte am Donnerstagabend in den Räumen der Universität Bremen über sein im Jahr 2015 publiziertes Buch „Räume der Gewalt“ sprechen. Doch daraus wurde nichts.
21.10.2016, 00:00
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Umstrittener Historiker darf nicht an Uni reden
Von Eike Wienbarg
Umstrittener Historiker darf nicht an Uni reden

Auf der Suche nach den Ursachen der Gewalt: Der Berliner Historiker Jörg Baberowski sprach am Donnerstag bei der Bremer Konrad-Adenauer-Stiftung.

Christina Kuhaupt

Eigentlich wollte der Historiker Jörg Baberowski am Donnerstagabend in der Universität Bremen über sein im Jahr 2015 publiziertes Buch „Räume der Gewalt“ sprechen. Doch daraus wurde nichts.

Das war passiert: An einigen Aussagen Baberowskis hatten sich bereits im Vorfeld der Veranstaltung heftige Kontroversen entwickelt. In einer Erklärung warf der Asta der Universität Bremen Baberowski vor, „in der jüngeren Vergangenheit wiederholt gewalttätige Ausschreitungen gegen Geflüchtete und Anschläge auf deren Unterkünfte gerechtfertigt“ zu haben.

In mehreren Beiträgen hatte sich Baberowski kritisch zur Einwanderungspolitik der Bundesregierung geäußert. Der Studierendenausschuss hatte dazu aufgerufen, gegen den Vortrag Baberowski zu protestieren, um „zu verhindern, dass rechtsextreme Ideologen ihre Lehren an dieser Universität propagieren“, hieß es in dem Schreiben des Asta. Aufgrund dieser Ankündigung und „aus Sicherheitsgründen“ verlegte die Konrad-Adenauer-Stiftung den Vortrag in ihre eigenen Räume am Domshof. Dieses sei in Abstimmung mit der Polizei und dem Staatsschutz geschehen, sagte KAS-Leiter Ralf Altenhof. Und so wurden die Gäste des Vortrages von zwei Mannschaftswagen der Polizei und einem privaten Sicherheitsdienst empfangen. Der angekündigte Protest blieb allerdings aus.

Applaus für Baberowski

Als Baberowski den Raum der KAS betrat, brandete stellenweise Applaus auf. „Das haben wir ja noch nie gehabt“, sagte Altenhof, stellte aber auch gleich klar: „Wir hätte die Veranstaltung gern an der Uni gemacht.“ Die Vorfälle im Vorfeld der Veranstaltung nannte er „erschreckend“. „Wir wollen diskutieren – auch kontrovers“, sagte er und berichtete über eine Einladung, die er an den Bremer Asta versandt habe. Danach startet Baberowski mit seinen Ausführungen und merkte sogleich an, dass er aufgrund der Vorfälle dem Rektor der Uni Bremen mitgeteilt habe, dass er die Universität nicht mehr betreten werde.

Der 55-jährige Baberowski studierte Geschichte und Philosophie an der Universität in Göttingen. Seit 2002 ist er Professor für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität in Berlin. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählt unter anderem der Stalinismus. Er gilt als einer der besten Kenner des Systems. Seine Bücher erschienen bei renommierten Verlagen wie S. Fischer, C.H. Beck oder der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA). Für sein Buch „Verbrannte Erde“ erhielt er im Jahr 2012 den Preis der Leipziger Buchmesse.

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In dem Buch „Räume der Gewalt“ beschäftigt sich Baberowski mit der Frage, warum Menschen Schwellen überschreiten und Gewalt ausüben.„Gewalt ist dynamisch“, erklärte er den Besuchern seine These. Sie brauche entsprechende Situationen, um zum Ausbruch zu kommen. Jeder Mensch habe manchmal Gewaltfantasien, aber nicht jeder setze sie auch in Taten um. „Menschen agieren immer so, wie es in ihrem Handlungsraum erwartet wird“, sagte Baberowski und nannte als Beispiel die Einsatzgruppen im Zweiten Weltkrieg, die hinter der Front massenweise Menschen erschossen. „Natürlich haben Gewalttaten immer Ursachen, aber nicht die, die wir uns vorstellen“, sagte Baberowski. So seien die Motive der Täter nicht so wichtig, und Ideologien bildeten nur den Rahmen für Gewalthandlungen. Wolle man aber den Gewaltakt wirklich verstehen, so müsse man sich die konkrete Situation der Handlung anschauen, so der Historiker in seinen Ausführungen.

Auch in friedlichen Gesellschaften sei Gewalt immer vorhanden. Sie könne nicht „wegzivilisiert“ werden, sagte Jörg Baberowski. „Wir haben ein Ur-Vertrauen, dass unsere Mitmenschen die Grenzen des Körpers respektieren“, erläuterte er. Sei dieses Vertrauen nicht vorhanden, ginge eine Gesellschaft kaputt.

"Merkel hat große Fehler gemacht"

Angesprochen darauf, ob seine Äußerungen zur Flüchtlingsthematik, nicht den Rahmen für Gewaltanwendungen nach rechts verschiebe, antwortete Jörg Baberowski klar: Er habe nie zu Gewalt aufgerufen. Seine Kritik an der Flüchtlingspolitik erneuerte er aber. „Merkel hat große Fehler gemacht“, sagte Baberowski. Sie hätte sagen müssen, dass sie sich geirrt habe, oder einen Plan vorstellen müssen, wie genau sie die kommenden Jahre gestalten möchte, so Baberowski. Bundeskanzlerin Merkel setze mit ihrer Politik den sozialen Zusammenhalt in der liberalen Demokratie aufs Spiel. „Man sollte Probleme benennen. Das entspannt die Situation“, sagte Baberowski.

KAS-Leiter Ralf Altenhof widersprach dem Referenten in einem Punkt. Er sehe die freie und liberale Gesellschaft in Deutschland nicht in Gefahr. Und betonte: „Das Schöne ist: Bei der KAS darf man auch an Frau Merkel Kritik üben.“

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