Gesichter der Stadt: Polizist Ullrich Panzer

Umstrittener Schutzmann

Es ist schon eine Weile her, aber der Mann galt mal als Bremens berühmtester Polizist. Oder besser: als „bekanntester Schläger Bremens“, wie es der Spiegel im Sommer 1984 über Ullrich Panzer schrieb.
27.05.2015, 00:00
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Umstrittener Schutzmann
Von Ralf Michel
Umstrittener Schutzmann

Ullrich Panzer hat frühere Aufzeichnungen wieder hervorgeholt und zu einem Buch verarbeitet: „Polizei intern“.

Frank Thomas Koch

Es ist schon eine Weile her, aber der Mann galt mal als Bremens berühmtester Polizist. Oder besser: als „bekanntester Schläger Bremens“, wie es der Spiegel im Sommer 1984 in einem Artikel über Ullrich Panzer formulierte.

In jedem Fall war er eine schillernde Figur, der Mann, der das Spezial-Einsatzkommando (SEK) der Bremer Polizei aufbaute. Mit militärischem Drill geformt, ging das SEK als „Panzer-Truppe“ in die Annalen der Bremer Polizeigeschichte ein. Vor allem im Einsatz gegen Demonstranten arbeiteten die 31 Männer an ihrem Ruf als knallharte und kompromisslose Einsatzgruppe. Und ihr Gründer und Chef dabei immer vorneweg.

Gut 30 Jahre ist das her, aber nicht vergessen. Schon gar nicht bei Ullrich Panzer selbst. Jetzt hat er hat ein Buch über seine Geschichte geschrieben: „Polizei intern – Meine Dienstjahre in Bremen“. Darin listet er in anekdotenhaften Episoden drei Jahrzehnte Dienstzeit auf, von der Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei 1963 bis zum unrühmlichen Dienstende und seinem vorzeitigen Abschied in den Frühruhestand 1993.

Er habe keinesfalls den Anspruch, die Geschichte der Bremer Polizei wiederzugeben, betont der heute 70-Jährige. Und schiebt sofort einen anderen Satz hinterher, der ihm wichtig ist: „Und ich wollte auch keine Rechtfertigung schreiben.“

Den Eindruck könnte der Leser seines Buches durchaus bekommen. Körperverletzung im Amt, Alkohol im Dienst, Anstiftung zur Urkundenfälschung, Missbrauch von Dienstwagen und nicht weniger als zwölf disziplinarische Verfehlungen wurden Panzer seinerzeit zur Last gelegt. Wegen der angeblichen Körperverletzung stand er sogar vor Gericht. Folgt man nun seinen Ausführungen, war wenig bis nichts an diesen Vorwürfen. Panzer spricht von „lang eingefädelten Intrigen“ gegen sich und davon, Bauernopfer gewesen zu sein. „Am Ende wollten ja alle möglichen Leute von mir verprügelt und verhaftet worden sein.“

Als junger Polizist Ende der 60er Jahre.

Als junger Polizist Ende der 60er Jahre.

Foto: privat/Panzer

Ja, er habe verkehrte Sachen gemacht, räumt Panzer ein, der von sich selbst sagt, ein „schwieriger Mensch“ gewesen zu sein. Und er sei auch nicht stolz gewesen auf seinen Ruf. „Aber ich wusste ja, das stimmte nicht“, sagt er mit fester Stimme. Vor Gericht habe es einen glatten Freispruch gegeben, und auch die polizeiinternen Vorwürfe seien letztlich fast alle fallen gelassen worden.

Warum insbesondere seine Vorgesetzten „heilfroh waren, als ich raus war“, wie er selber sagt? Anfang der 1990er Jahre legte nach zweijähriger Krankheit niemand mehr Wert auf seine Rückkehr in den Polizeidienst und Panzer wurde mit 48 Jahren in den Ruhestand verabschiedet. Könnte an seiner – vorsichtig ausgedrückt – direkten Art gelegen haben. Die findet sich auch in seinem Buch wieder, zumeist, wenn er Kollegen beschreibt. Ob es denn damals nur Idioten gegeben habe, habe ihn ein Schulfreund nach der Lektüre des Buches gefragt. Er habe das verneint. „Aber soll ich in meinem Buch denn die Harmlosen beschreiben?“

Dabei könne er schon diplomatisch sein, sagt Panzer. „Wenn ich will, geht das. Aber meistens wollte ich nicht.“ Die gewalttätigen Auseinandersetzungen auf der Sielwallkreuzung in der Silvesternacht von 1988/89 waren so ein Moment, wo er nicht wollte. Da diktierte der bei den Krawallen schwer verletzte Polizist einem Journalisten in die Feder, dass der Polizeipräsident bei den Auseinandersetzungen mit linken Chaoten „den Schwanz eingezogen“ hätte. Im Vorwort zu seinem Buch wird trotz allem davor gewarnt, oberflächliche Vorurteile aus dem Namen Panzer und der dazu passenden Erscheinung zu ziehen. Von „einer beeindruckenden Spannweite seiner Interessen, seines Einfühlungsvermögens, seiner Taten und Untaten“, ist die Rede. Das Vorwort stammt ausgerechnet von einem, der seinerzeit bei Demonstrationen stets auf der anderen Seite stand – dem rot-grünen Aktivisten Olaf Dinné, einem langjährigen Freund Panzers. Allerdings warnt Dinné auch: „Wer das politisch Korrekte liebt, sollte hier aufhören zu lesen.“

Wer weiterliest, erfährt etwas über das Bremen der 1960er bis 80er Jahre, über die Bürger dieser Stadt und deren Verhältnis zur Obrigkeit. Und natürlich über die Polizei, wie Panzer sie sah und sieht. Die Kollegen hätten ihre Tätigkeit nicht so sehr gesehen, dem gesetzlichen Auftrag zu genügen, sondern sich vielmehr als US-Friedensrichter oder als mit unabhängiger Entscheidungskompetenz ausgestattete Sheriffs empfunden, schreibt er.

Er selbst, da lässt der Pensionär nicht dran rütteln, sei bis zum letzten Tag mit Leib und Seele Schutzmann. Eine Bezeichnung, die er bewusst verwendet. Sie steht für ihn, für einen Polizeibeamten der „seinen Dienst bürgernah und sozial verträglich dem Bürger gegenüber versieht“. Mit der Polizei von heute habe dies nichts mehr zu tun, findet Ullrich Panzer. „Die ganze Bürgernähe ist verloren gegangen.“ Die heutigen Polizisten kämen alle von der Hochschule, seien rechtlich ohne Frage erheblich besser ausgebildet. „Aber das Menschliche fehlt.“

Ullrich Panzers Buch ist in fünf Buchhandlungen erhältlich – Storm, Humboldt, Albatros, B. Wassmann, Buchladen Ostertor – und kostet 18 Euro.

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