Neustädter Frauenprojekt „Tessa“ erstellt Kurzfilme und sucht noch weitere Teilnehmerinnen

Ungewöhnliche Berufsbiografien

Neustadt. Aus der Krankenschwester wird eine Theaterpädagogin, ein ehemaliger Chemielaborant arbeitet als Tanzlehrer, eine Ergotherapeutin als Bestatterin – die Teilnehmerinnen des Frauenprojekts „Tessa“ fangen in ihren Kurzfilmen ungewöhnliche Berufsbiografien mit der Kamera ein. Die Regie, Planung und Produktion übernehmen arbeitssuchende Frauen aus Bremen.
09.10.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Insa Lohmann
Ungewöhnliche Berufsbiografien

SÜD / BRAS-Arbeitslosenprojekt Beginenhof

Walter Gerbracht

Neustadt. Aus der Krankenschwester wird eine Theaterpädagogin, ein ehemaliger Chemielaborant arbeitet als Tanzlehrer, eine Ergotherapeutin als Bestatterin – die Teilnehmerinnen des Frauenprojekts „Tessa“ fangen in ihren Kurzfilmen ungewöhnliche Berufsbiografien mit der Kamera ein. Die Regie, Planung und Produktion übernehmen arbeitssuchende Frauen aus Bremen. Sie lernen dabei nicht nur dem Umgang mit der richtigen Technik, sondern werden auch auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt unterstützt. Derzeit sucht das Neustädter Projekt sowohl weitere Teilnehmerinnen als auch Protagonisten für die Berufsfindungsfilme.

„Wie es dazu kam, dass ich den Weinladen übernahm, ist eine ganz ungewöhnliche Geschichte“, erzählt Gabriele Greger in die Kamera. Die Bremer Unternehmerin ist eigentlich studierte Sozialpädagogin. Inzwischen führt sie seit sieben Jahren einen Weinladen in Findorff. Durch einen Zufall kam sie dort vor einigen Jahren mit der ehemaligen Inhaberin des Geschäfts ins Gespräch, die damals eine Nachfolgerin für ihren Weinhandel suchte. Der rund sieben Minuten lange Kurzfilm erzählt davon, wie aus der Sozialpädagogin Greger eine Weinhändlerin wurde. Die Bremerin ist eine von mehreren Protagonistinnen des Frauenprojekts „Tessa“, die vor der Kamera über ihre Berufsbiografien berichten.

Filme zur Berufsfindung

„In erster Linie produzieren wir Berufsfindungsfilme über Menschen, die ungewöhnliche Wege gegangen sind, um ihren Berufstraum zu verwirklichen“, sagt Betriebsleiterin Marion Touray. Mit den Porträts wollen die Initiatorinnen anderen Menschen Mut machen, eigene Wege zu gehen und so ihre persönliche Erfüllung im Berufsleben zu finden. „Tessa“ ist ein Projekt für arbeitssuchende Frauen des Beschäftigungsträgers Bras mit Sitz auf dem Beginenhof, das vom Jobcenter finanziert wird. Ziel des Beschäftigungsprojekts ist die Produktion von Kurzfilmen. Die Teilnehmerinnen lernen, wie ein Film entsteht, von der Idee und dem Storyboard über den Dreh bis zum Schnitt. Im Anschluss an das einjährige Projekt kann beispielsweise eine Umschulung oder Qualifikation erfolgen.

Neben dem Handwerk in Sachen Mediengestaltung geht es den Initiatorinnen von Tessa aber auch darum, durch die kreative Arbeit das Selbstbewusstsein der Frauen zu stärken. Die meisten Teilnehmerinnen des Projekts haben aufgrund ihrer fehlenden Berufsqualifizierung oder ihres Alters Schwierigkeiten, auf dem klassischen Bewerbungsweg einen Arbeitsplatz zu finden. „Viele Teilnehmerinnen sind inzwischen mutlos, weil sie schon häufig Ablehnung erfahren haben“, sagt Touray. „Tessa ist daher auch ein Stabilisierungsprojekt.“ In dem Projekt sollen die Frauen lernen, neuen Mut zu schöpfen, eigene Stärken zu entwickeln und durch das Miteinander im Team ihre sozialen Kompetenzen zu stärken. Gerade das gegenseitige Stärken ist für die Betriebsleiterin einer der großen Pluspunkte des Beschäftigungsangebots: „Das ist die Essenz eines Frauenprojekts.“

Zahlreiche Frauen haben aus ihrer Sicht beeindruckende Werdegänge, die in einer klassischen Bewerbung nicht zur Geltung kommen würden. Touray kritisiert in diesem Zusammenhang, dass viele Arbeitsgeber auch in Bremen mehr Wert auf Zertifikate und Abschlüsse legen als auf Lebensläufe und Persönlichkeit. Durch Lebenskrisen wie Tod oder Scheidung kann ein Lebensweg schnell aus dem Gleichgewicht geraten, wie die Betriebsleiterin weiß: „Wir haben es hier auch mit Schicksalen zu tun.“ Während der Zusammenarbeit auf die unterschiedlichen Befindlichkeiten der Teilnehmerinnen Rücksicht zu nehmen, ist auch für Touray immer wieder eine Herausforderung: „Es ist ein Spagat, die Frauen einerseits so anzunehmen, wie sie sind – ihnen gleichzeitig aber auch weiterhin entsprechende Qualifikationsangebote zu machen.“

Auch Flüchtlinge sind dabei

Jährlich bekommen zehn Frauen aus Bremen die Möglichkeit, im Rahmen des Filmprojekts für ein Jahr an dem Beschäftigungsangebot teilzunehmen. Zwei weitere Plätze stehen für Flüchtlinge, Migranten und EU-Ausländer mit geringen Sprachkenntnissen zur Verfügung. Derzeit suchen die Initiatoren von „Tessa“ noch Teilnehmerinnen, die Lust haben, bei der Produktion der Berufsfindungsfilme mitzuwirken. Voraussetzung ist der Bezug von Arbeitslosengeld II, die Zuweisung durch das Jobcenter sowie natürlich ein Interesse an Mediengestaltung. Touray: „Man sollte auf jeden Fall Lust auf Kameraarbeit haben.“ Die Arbeitszeit ist auf 30 Wochenstunden angelegt, eine geringere Stundenanzahl ist möglich.

Neben weiteren Projekt-Teilnehmerinnen werden Männer und Frauen aus Bremen gesucht, die sich als Protagonisten für die Berufsfindungsfilme zur Verfügung stellen möchten und vor der Kamera von ihren beruflichen Werdegängen berichten.

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