Im kommenden Jahr sollen die ersten Flüchtlinge in die Findorffer Polizeistation einziehen Ungewöhnliche Hausgemeinschaft

Im kommenden Jahr werden voraussichtlich zehn junge Flüchtlinge ins Findorffer Polizeihaus an der Fürther Straße einziehen. Die Sozialbehörde geht davon aus, dass sie das Haus etwa zwei Jahre lang nutzen werden. Was anschließend mit dem Gebäude passiert, ist unklar. Die Kosten für den Umbau werden auf 350 000 Euro geschätzt. Die Verantwortlichen der Stadt Bremen sind dankbar für die Möglichkeit, hier Flüchtlinge unterbringen zu können. Es werden aber dringend weitere Unterkunftsmöglichkeiten gesucht. Die unmittelbare Nachbarschaft von Polizei und Flüchtlingen ist eine Premiere.
18.05.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anke Velten

Im kommenden Jahr werden voraussichtlich zehn junge Flüchtlinge ins Findorffer Polizeihaus an der Fürther Straße einziehen. Die Sozialbehörde geht davon aus, dass sie das Haus etwa zwei Jahre lang nutzen werden. Was anschließend mit dem Gebäude passiert, ist unklar. Die Kosten für den Umbau werden auf 350 000 Euro geschätzt. Die Verantwortlichen der Stadt Bremen sind dankbar für die Möglichkeit, hier Flüchtlinge unterbringen zu können. Es werden aber dringend weitere Unterkunftsmöglichkeiten gesucht. Die unmittelbare Nachbarschaft von Polizei und Flüchtlingen ist eine Premiere.

Im Januar war bekannt geworden, dass Sozialsenatorin Anja Stahmann auf der Suche nach möglichen Flüchtlingsunterkünften nun doch in Findorff erfolgreich war: Ins Polizeihaus an der Fürther Straße sollen voraussichtlich Anfang kommenden Jahres zehn junge Flüchtlinge einziehen können. Ein erfahrener Träger ist gefunden, die Planungen für den Umbau laufen. Die ungewöhnliche Hausgemeinschaft wird für alle Beteiligten eine neue Erfahrung, hieß es im Findorffer Stadtteilbeirat. Die Nutzungsdauer soll begrenzt sein. Was anschließend mit dem Gebäude passieren wird, kam nicht zur Sprache.

Bei der öffentlichen Sitzung des Beirates wurde über den aktuellen Stand der Dinge informiert. Diana Göhmann, Mitarbeiterin der Sozialsenatorin, sagte, dass man in ihrer Behörde von einer Nutzung von zwei Jahren „oder mehr“ ausgehe. Untergebracht werden sollen zehn minderjährige Flüchtlinge, die ohne Familie in Deutschland angekommen sind. Es werden laut Göhmann vermutlich männliche Jugendliche aus westafrikanischen Ländern sein. Dafür muss das Haus an der Fürther Straße aber noch vorbereitet werden: In der ersten und zweiten Etage des Verwaltungsgebäudes müssen Wohn-, Gemeinschafts- und Sanitärräume für die Jugendlichen und deren Betreuer geschaffen werden.

350000 Euro Umbaukosten

Eine Kostenschätzung gibt es bereits: Die Umbaumaßnahmen werden laut Göhmann mit rund 350 000 Euro zu Buche schlagen. Die Kosten für den Umzug der Polizeistation, die künftig komplett im Erdgeschoss untergebracht werden soll, sind dabei noch nicht eingerechnet, erklärte die Behördenvertreterin auf Nachfrage. Zurzeit prüfe die zuständige Abteilung der Behörde die Wirtschaftlichkeit des Projektes. Sollten die Entscheidungsträger ein positives Votum fällen, werde mit dem Umbau begonnen. Mit dem Einzug der Wohngruppe rechnet die Behörde aber nicht mehr in diesem Jahr.

Das Findorffer Projekt betrachte sie als „spannendes Experiment“, so Göhmann. Eine Hausgemeinschaft von Polizei und Flüchtlingen, so etwas habe es in der Stadt bislang noch nicht gegeben.

Die Betreuung der Jugendlichen wird die „Reisende Werkschule Scholen“ übernehmen. Der freie Träger habe bereits 35 Jahre Erfahrung in der Jugendarbeit, sagte Friederike Kley, Geschäftsführerin der Einrichtung, die inzwischen an sieben Standorten mit 92 Beschäftigten tätig sei. Mit Afrika verbindet den Verein seit Jahren eine enge Beziehung: Die Werkschule ist seit 1982 auch eigenständige Entwicklungshilfeorganisation, engagiert sich für gemeinnützige Bauprojekte in afrikanischen Ländern und ist Bauherr und Träger mehrerer afrikanischer Schulen.

Die Findorffer Wohngruppe soll rund um die Uhr von je zwei pädagogischen Fachkräften betreut werden, berichtete Stephanie Seeber, die die Leitung übernehmen wird. Die Jugendlichen bekommen eine feste Tagesstruktur, ein gruppentherapeutisches Angebot und bei Bedarf zusätzliche individuelle Unterstützung. Nahziele seien die Stabilisierung der jungen Flüchtlinge, der Spracherwerb und die Integration in das deutsche Bildungssystem, sagte Stephanie Seeber.

Wie dankbar die Behörde der Sozialsenatorin dafür sei, dass sich die Findorffer dem Vorhaben „so positiv und konstruktiv gewidmet“ hätten, das hatte zuvor Bernd Rein betont. Zurzeit leben rund 275 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Bremen, berichtete der Referent der Sozialsenatorin. Jeden Monat kämen durchschnittlich 15 dazu, und wann der Flüchtlingsstrom abebbe, das sei derzeit nicht abzusehen. Diejenigen Minderjährigen, die nicht mit ihren Familien zusammengeführt werden können und keinen der raren Plätze in Pflegefamilien bekommen, nehmen die Träger der Kinder- und Jugendhilfe in Obhut. Geeignete Immobilien zu finden, sei allerdings ein Problem, so Rein.

Im Domizil der Polizeistation ist jedenfalls genug Platz: Die Zahl der Beamten ist in den vergangenen Jahren stetig gesunken, ein großer Teil des Hauses schon lange ungenutzt. Die Findorffer Beamten stünden den Plänen grundsätzlich positiv gegenüber, hatte Stationsleiter Uwe Grote den Verantwortlichen schon früh signalisiert. Für die gemeinsame Nutzung spreche auch, dass separate Eingänge, Treppenhäuser und Notausgänge eine strikte räumliche Trennung ermöglichen, so Grote.

Die Vorbereitung des Erdgeschosses für die verbliebenen sieben Beamten der Polizeistation sei mit relativ geringen Mitteln möglich. Auch der Zugang und die Nutzung von Sozialraum, Garagenhof und Keller seien weiter gewährleistet.

Obwohl auch er „guter Dinge“ sei, dass das Zusammenleben funktionieren werde, meldete Dieter Krieg Bedenken an: Nach seinen Erfahrungen aus seiner 15-monatigen Tätigkeit in Afghanistan sei ihm bewusst, dass viele Menschen in Konfliktgebieten heftige traumatische Erlebnisse mit Polizei und Militär haben, so der Leiter des Waller Reviers und direkte Vorgesetzte des Findorffer Stationsleiters. Er wünschte sich daher eine gewissenhafte, intensive Absprache unter den Behörden.

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