Zwei alte Frauen überfallen Ungewöhnliche Vernehmung einer alten Dame

Ein 63-Jähriger steht vor Gericht, weil er zwei alte Frauen überfallen haben soll. Eine von ihnen sagte am Dienstag als Zeugin aus. Eine in mehrfacher Hinsicht nicht alltägliche Vernehmung.
05.06.2018, 15:57
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Ungewöhnliche Vernehmung einer alten Dame
Von Ralf Michel

Auf einen Stock gestützt betritt die kleine, weißhaarige Frau in gebückter Haltung den Gerichtssaal. Vor einem halben Jahr wurde die 90-Jährige Opfer eines schweren Verbrechens. Ein Überfall in ihrer Wohnung, bei dem der Täter sie bedrohte, mehrfach schlug und fast mit einem Kissen erstickte. Das Gehen fällt ihr schwer, aber von ihrer Anwältin und einer Begleitung vom Weißen Ring flankiert schafft sie den kurzen Weg zu dem kleinen Tischchen, an dem in Saal 231 die Zeugen sitzen.

Ein wenig außer Atem ist sie, aber ansonsten bereit, sagt sie. Und dass der Richter doch bitte ein wenig lauter sprechen möge. „Eigentlich bräuchte ich ein Hörgerät“, lacht sie. Hilft aber nichts. Die Akustik im Landgericht stellt selbst jüngere Menschen vor Probleme. „Was hat er gesagt, ich kann ihn nicht verstehen“, sagt sie zu ihrer Anwältin.

„Wenn der näher dran wäre, wär‘s besser.“ Für den Vorsitzenden Richter Thorsten Prange kein Problem. Statt länger auf die durchaus vorhandene Mikrofonanlage zu setzen, kommt er hinter der leicht erhöhten Richterbank hervor, schnappt sich einen Stuhl und setzt sich direkt vor den Zeugentisch. „So besser?“, fragt er und die 90-Jährige nickt dankbar.

Lesen Sie auch

So ungewöhnlich, wie sie begonnen hat, geht die Vernehmung weiter. Denn wer aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes der Zeugin eine eher fahrige Aussage erwartet hatte, voller Erinnerungslücken und vorgebracht mit zittriger Stimme, wird eines Besseren belehrt. Mit resoluter Stimme erzählt die Seniorin, was ihr am 7. November 2017 widerfahren ist.

Wortreich und auf Nachfrage bis in die Details präzise. Gelegentlich hat der Richter sogar Schwierigkeiten, mit seinen Fragen dazwischenzukommen. Und als er den Namen ihrer Nachbarin falsch ausspricht, wird er prompt korrigiert. Noch dazu stimmen die Aussagen der 90-Jährigen zu fast 100 Prozent mit ihren Angaben überein, die sie vor einem halben Jahr direkt nach dem Überfall gegenüber der Polizei gemacht hatte.

"Ich dachte, ich sterbe"

Sie sei auf dem Nachhauseweg von der Apotheke gewesen, dann noch eben beim Bäcker, als ihr kurz vor ihrem Haus ein Mann aufgefallen sei, der ihr entgegenkam. „Sonst war da weit und breit niemand zu sehen. Es war ja um die Mittagszeit.“ Als sie die Haustür eingehakt habe, um ihren Rollator in den Flur des Mehrfamiliengebäudes zu schieben, sei der Mann an ihr vorbei und die Treppe hochgegangen.

Sie sei dann mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock gefahren. Gerade als sie die Tür zu ihrer Wohnung hinter sich schließen wollte, sei der Mann plötzlich von oben die Treppe heruntergekommen und habe sie zurückgedrängt. Er habe ihr den Mund zugehalten, erst mit der Hand, dann mit einem Tuch, und sie immer wieder angeherrscht: „Hör auf zu schreien.“ Das habe sie nämlich immer wieder versucht. Auch mit einer Pistole habe er sie bedroht. Sie könne sich aber nicht mehr erinnern, wie die aussah.

Schließlich habe der Mann sie auf einen Sessel zurückgedrängt und mehrfach geschlagen. Er habe sich nach Bargeld und ihrer EC-Karte erkundigt, doch sie habe weder das eine noch das andere gehabt. Daraufhin habe er sie so heftig geschlagen, dass sie vom Sessel auf den Boden gefallen sei. Dort habe er ihr dann ein Kissen auf den Kopf gedrückt. „Ich konnte nicht mehr schreien, auch kaum noch atmen.“ Und, auf die Frage des Richters: „Ja, ich hatte Angst. Ich dachte, ich sterbe.“

Fortsetzung am 19. Juni

Dann jedoch ließ ihr Peiniger von ihr ab und verschwand unerkannt. Sie habe um Hilfe geschrien, ihre Nachbarin sei gekommen und habe die Polizei alarmiert. Vier Tage lang musste die 90-Jährige anschließend mit Kopfverletzungen und Prellungen am Körper ins Krankenhaus. Nach dem Überfall habe sie sich mehrere Wochen nicht mehr aus dem Haus getraut, aber heute gehe es ihr wieder gut. „Ich habe mir fest vorgenommen, dagegen zu kämpfen. Ich will da auch gar nicht mehr dran denken.“

Der Tathergang ist damit weitgehend geklärt. Ob aber der 63-jährige Angeklagte tatsächlich der Täter war, bleibt ungewiss. Die Frau kann nur eine sehr vage Täterbeschreibung geben. Angeklagt ist der Mann aber nicht nur wegen dieses Verbrechens. Schon im Januar 2016 soll er eine 92-Jährige in ihrer Wohnung überfallen haben und dabei nach fast identischem Tatmuster vorgegangen sein.

Der Prozess wird am 19. Juni um 9.15 Uhr fortgesetzt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+