Interview mit Landeskonservator Georg Skalecki "Uns geht es nicht nur um das Schöne"

Das Landesamt für Denkmalpflege kümmert sich nicht nur um das Rathaus und verschnörkelte Jugendstil-Villen, sondern auch um Industriebauten. Silke Hellwig sprach mit Landeskonservator Georg Skalecki über Bremens Industriekultur.
06.02.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Silke Hellwig

Das Landesamt für Denkmalpflege kümmert sich nicht nur um das Rathaus und verschnörkelte Jugendstil-Villen, sondern auch um Industriebauten. Erst vor Kurzem wurde die ehemalige Halle der Lloyd-Motoren-Werke unter Schutz gestellt – als eines der raren Bremer Beispiele für historische Fertigungsstätten. Silke Hellwig sprach mit Landeskonservator Georg Skalecki über Bremens Industriekultur.

Herr Skalecki, Ihre Behörde kümmert sich seit einiger Zeit besonders intensiv um den Schutz von Industriearchitektur. Warum?

Georg Skalecki: Wir haben auch in der Vergangenheit immer wieder Objekte der Industriegeschichte berücksichtigt, aber es war uns wichtig, dort einen Schwerpunkt zu setzen. Bremen ist ja nicht nur eine Renaissance-Stadt, sondern die bremische Geschichte hat sich auch maßgeblich durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert entwickelt. Also müssen wir auch Denkmäler aus dieser Phase schützen. Wir legen großen Wert darauf, dass wir Industrie nicht nur mit Direktorenvillen dokumentieren können, sondern es geht uns auch um die Produktionsstätten, dort wo die Arbeit geleistet wurde.

Gibt es solche Produktionsstätten überhaupt noch?

Viel ist uns in seiner Ursprungsform nach dem Zweiten Weltkrieg, dem Wiederaufbau und Stilllegungen tatsächlich nicht geblieben, aber oft reicht es noch, um den Produktionsablauf anzudeuten – in der Wollkämmerei in Blumenthal, bei Kaffee Hag, bei Koch und Bergfeld oder auch in der Überseestadt im Schuppen 1. Im Prinzip hat gerade die Entwicklung der Überseestadt, wo zunächst viele historische Spuren überplant worden waren, dazu geführt, dass wir uns gezielt mit Bauten der Hafenwirtschaft und der Industrie beschäftigt haben.

Über die Überseestadt hinaus . . .

Selbstverständlich. Wir würden gerne für alle Industriezweige, die Bremen groß gemacht haben, aussagekräftige Objekte finden, die wir der Nachwelt erhalten können. Dazu gehören unter anderem die Getreideverkehrsanlage, die Tabakbörse, Reidemeister und Ulrichs Weinkontor auf der Muggenburg, die Silberwarenmanufaktur Koch & Bergfeld, die Union-Brauerei, die Stuhlrohrfabrik in Findorff und die Wollkämmerei in Blumenthal. Wir haben versucht, die ganze Palette der bremischen Industrie abzubilden. Das jüngste Beispiel steht für die bremische Automobil-Industrie: die Lloyd-Motoren-Werke in der Neustadt.

Zu befürchten ist doch auch, dass gerade solche Gebäude ohne neue Nutzung im Laufe der Jahre verfallen und irgendwann gar nicht mehr zu retten sind.

Sicher, aber die Eigentümer sind schon in der Pflicht. Das Kaffee-Hag-Gebäude beispielsweise wurde zumindest in Teilen saniert. Es ist „dicht und zu“, wie wir das nennen. So kann es noch ein paar Jahre stehen, ohne dass es zu sehr in Mitleidenschaft gezogen wird. Industriebauten sind da meist robuster als andere Gebäude. Trotzdem ist es natürlich von Vorteil, wenn historische Gebäude neu genutzt werden. Das ist manchmal hochproblematisch, aber es gibt in Bremen beeindruckende Beispiele, wie gut das gelingen kann – zum Beispiel in der Überseestadt. Auch die Lloyd-Motoren-Werke-Halle hat eine neue Aufgabe bekommen.

Vielleicht sind Sie manchmal zu streng und die Auflagen zu hoch.

Es liegt uns sehr daran, mit den Eigentümern Kompromisse zu finden, damit wir die Bauten nicht durch langfristigen Leerstand ganz verlieren. Aber jede Veränderung muss in einem gewissen Rahmen bleiben, sonst verfehlt der Denkmalschutz sein Ziel. Eigentlich gibt es immer irgendeine Lösung. Uns ist schließlich klar, dass eine neue Nutzung auch wirtschaftlich tragfähig sein muss. Überspitzt formuliert: Es darf kein Denkmaleigentümer durch zu strenge Auflagen in den Ruin getrieben werden.

Auch wenn Bremen mehr ist als Rathaus, Dom und Schütting – es gibt schon schönere Gebäude als Industriehallen.

Das stimmt. Aber uns geht es nicht um das Schöne, sondern darum, Zeugnisse unsere Vergangenheit zu erhalten und dabei alle Aspekte unseres Lebens zu berücksichtigen. Dazu gehören Rathäuser, Kirchen und Wohngebäude aller Bevölkerungsschichten sowie Arbeitsstätten. Zudem kann man Fabrikhallen ästhetisch durchaus etwas abgewinnen. Das Kaffee-Hag-Gebäude beispielsweise wurde schon von dem berühmten Architekten Walter Gropius als Meilenstein der Industriearchitektur gewürdigt.

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Dann könnten Sie doch eigentlich schon nach Abschluss der Bauarbeiten Gebäude unter Schutz stellen. Das Universum zum Beispiel oder spektakuläre Wohnneubauten.

Im Prinzip wäre das möglich. Aber unter den Denkmalpflegern der Bundesrepublik gibt es den Konsens, davon abzusehen, weil man befangen sein könnte. Man braucht eine gewisse zeitliche Distanz, um ein objektives fachliches Urteil fällen zu können.

Wie alt müssen Gebäude sein, damit Sie sich mit ihnen befassen?

Sie sollen eine Generation überdauert haben – also etwa 30 Jahre. Nach dieser Vereinbarung könnten wir jetzt mit einer Bewertung von Gebäuden der frühen 1980er-Jahre anfangen. Aber wir hinken noch etwas hinterher, wir sind teilweise noch mit den 60er- und 70er-Jahren beschäftigt. Wir arbeiten aber kontinuierlich eine Dekade nach der anderen ab.

Wie kann man sich das vorstellen?

Wir beauftragen Mitarbeiter, in Form von Sonderprojekten ganze Stadtbezirke Straße für Straße abzulaufen, Fotos zu machen, zu recherchieren und eine Vorauswahl zu treffen. Daraus entsteht eine Vorschlagsliste. So arbeiten wir Bremen nach und nach auf. Bremerhaven und Bremen-Nord haben wir so bereits abgeschlossen, momentan sind wir in Bremen-Süd unterwegs. Als nächstes ist der Westen dran.

Und manche Eigentümer hoffen, dass ihr Haus nicht fotografiert wird . . .

Ich glaube, dass die Zeiten vorbei sind, in denen wir als Blockierer verschrien waren. Wir verstehen uns als Berater und berücksichtigen dabei auch die Belange der Eigentümer, und wir versuchen unser Anliegen nachdrücklich zu erklären. Mit uns kann man über alles reden.

Zur Person: Professor Georg Skalecki (55) ist seit 2001 Landeskonservator. Seit 2014 ist er zudem Vize-Vorsitzender der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger auf nationaler Ebene.

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