Spaziergänger unter Druck

Kaum öffentliche Toiletten in der Pandemie zugänglich

Die vielen „Netten Toiletten“ in Bremen sind geschlossen, die wenigen öffentlichen WCs in der Stadt schwer zu finden. Wen es ins Freie zieht, der muss seine Route sorgfältig planen.
13.01.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Kaum öffentliche Toiletten in der Pandemie zugänglich
Von Justus Randt

Die Bewegungsfreiheit soll eingeschränkt werden, falls die Infektionszahlen wieder steigen. Tatsächlich begrenzen die Folgen der Pandemie schon jetzt den Aktionsradius. Naturgemäß, könnte man sagen, auch wenn es nicht normal ist, dass Menschen beim Spaziergang oder Einkaufen aufpassen müssen, dass sie sich nicht zu weit von der heimischen Toilette entfernen. Öffentliche oder öffentlich zugängliche WCs sind derzeit schwer zu finden.

Rund 100 Betriebe und Lokale beteiligen sich nach Angaben der Bremer Stadtreinigung am Projekt „Nette Toilette“ und gewähren allen Zutritt zu ihren stillen Örtchen. Nur nicht jetzt, im Lockdown: Gaststätten und Kaufhäuser sind geschlossen, Kundentoiletten von Supermärkten oder Tankstellen ebenfalls. Und öffentliche Toiletten? „Wo sind sie? Da gibt es in Bremen eine echte Unterdeckung“, hat Leserbriefschreiber Richard Witt nach einem Spaziergang durch die Wallanlagen und entlang der Weser schon vor einiger Zeit festgestellt. „Früher ist man schnell eingekehrt in ein Restaurant, egal wo, und das Problem war gelöst. Im wahrsten Sinne des Wortes. Aber nun ist alles zu.“ Und das Flanieren für viele die einzige Freiluftdisziplin in Zeiten der Beschränkung.

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Hans-Wolfram Stein beklagt das ebenfalls. Der 70-Jährige aus der Neustadt ist viel an der frischen Luft unterwegs. „Seit mehr als einem Jahr ist das nicht mehr nur ein Riesenproblem für Touristen, sondern für alle. Das ist etwas, das ich einfach nicht akzeptieren kann.“ Seit Waldschlösschen, Café am Emmasee und Waldbühne geschlossen hätten, sei im Bürgerpark und im Stadtwald keine Toilette zu finden. Seit auch die Bürgerhäuser dicht sind, verschärfe sich die Lage: „Auf dem Weg von der Wilhelm-Kaisen-Brücke bis zur Erdbeerbrücke gibt es nichts. Nicht mal die Toilette am Weserstadion ist zugänglich, auf der anderen Weserseite war das Café Sand immer die Rettung.“

Nur noch drei öffentliche Toiletten gibt es in der Bremer City: das selbstreinigende Automaten-WC an der Schlachte, die Markthalle 8, deren Toiletten allerdings zurzeit sonntags geschlossen bleiben, und die WC-Anlage im Hauptbahnhof. „Leider gibt es nirgendwo Schilder, die auf die Toiletten hinweisen“, ärgert sich Leserin Lilo May. Nach der Schließung des – auch beim Bund der Steuerzahler – legendären „Palazzo Pisso“ auf dem Domshof vermisst die Lilienthalerin Alternativen: „Die Stadt könnte einen Toilettenwagen aufstellen, es muss ja nicht auf dem Marktplatz sein“, sagt sie und denkt auch an eine Zeit nach Corona. Gegenwärtig, räumt sie ein, sei in der Bremer Innenstadt „fast weniger los als in Lilienthals Ortskern“. Da gebe es auch keine Toiletten, „aber mehr Gebüsch“. Am Stadtgraben in den Wallanlagen sei ihr aufgefallen, wie viel Papier da entlang der Trampelpfade im Grünen liege.

Die Planungen laufen bereits

„Man kann einen zusätzlichen Toilettenwagen aufstellen. Aber für wen?“, sagt Jens Tittmann, Sprecher des Bau- und Umweltressorts, und verweist auf die Leere in der City. „Es sind keine Touristen da.“ Zudem sei im Aktionsprogramm Innenstadt eine weitere öffentliche Toilette vorgesehen – wenn wieder Betrieb herrsche. „Die Zeichen der Zeit sind erkannt. Die Planungen laufen bereits, um dauerhaft einen großen Toilettencontainer aufzustellen.“ Derzeit hielten sich fast ausschließlich Personen in der City auf, die dort ihren Arbeitsplatz und damit auch sanitäre Anlagen zur Verfügung hätten.

Das bezweifelt Lilo May. „Früher hat man sich geärgert, dass Männer an den Dom pinkeln.“ Und der Bremer Johann-Günther König, Autor des Buches „Das große Geschäft. Eine kleine Geschichte der menschlichen Notdurft“, hat schon vor Jahren als Gastkommentator im WESER-KURIER Klage darüber geführt: „Es ist höchste Zeit, dass die Politik aufhört, so wild zu sparen, dass unser Harndrang wie im vorhygienischen Zeitalter in dunklen Ecken Erleichterung sucht. Not tut die Wiederanlage öffentlicher Toilettenanlagen an allen einschlägigen Brennpunkten der Stadt.“ Seine Arbeit stellte er vor als „Versuch einer Geschichtsschreibung der Erleichterung“. Der menschliche Umgang mit dem Thema spiegelt für ihn „die kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsschritte von Gesellschaften“.

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Hans-Wolfram Stein, der schwerbehindert ist, hält Klo-Container und -wagen für „keine gute Idee, weil sie in den seltensten Fällen barrierefrei sind“. Das treffe auch auf viele „Nette Toiletten“ zu, die deshalb keine echte Alternative zu öffentlichen Örtchen seien.

Wildpinkeln deutlich zurückgegangen

Trotz Not mit der Notdurft scheint kein ernstes Disziplinproblem zu entstehen: Im gesamten vergangenen Jahr hat der Ordnungsdienst laut Innenbehörde sieben Fälle von Urinieren in der Öffentlichkeit festgestellt. „Drei Personen“ seien mit Verwarngeld belegt, drei wegen einer Ordnungswidrigkeit angezeigt und eine mündlich verwarnt worden. Das Wildpinkeln sei mangels Großveranstaltungen „deutlich“ zurückgegangen, teilt die Behörde mit.

Andererseits konzentriere sich der Ordnungsdienst seit Pandemiebeginn im Frühjahr darauf, die Einhaltung der Corona-Regeln zu kontrollieren. „Dass viele Toiletten aktuell nicht mehr zugänglich sind, hat hier keine signifikante Auswirkung gezeigt“, heißt es. Dennoch: „Wer sich öffentlich erleichtert, muss mit einem Bußgeld in Höhe von 50 Euro rechnen.“

Info

Zur Sache

Geringere Passantenzahl

Das Bau- und Umweltressort geht davon aus, dass kein akuter Bedarf besteht, zusätzliche Toiletten zur Verfügung zu stellen, weil die Zahl der Passanten in der Innenstadt pandemiebedingt weit heruntergegangen sei. Frequenz-Messungen des Kölner Unternehmens Hystreet hätten demnach für den Zeitraum vom 16. bis 23. Dezember vergangenen Jahres 55.000 Passanten in der Obernstraße ergeben, im Vergleichszeitraum 2019 seien es 327.000 gewesen. In der Zeit von 1. bis 7. Januar dieses Jahres waren es demnach 31.000, im selben Vorjahreszeitraum 106.000.

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