Helmut Klaßen im Interview „Unterricht braucht Strukturen“

Es fehlt Fachpersonal; viele Lehrer fühlen sich überlastet. Was kann Bremen tun, um den Beruf attraktiver zu machen? Helmut Klaßen vom Bundesarbeitskreis Lehrerbildung spricht über die Probleme.
21.08.2017, 20:08
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
„Unterricht braucht Strukturen“
Von Kristin Hermann

Herr Klaßen, Sie beobachten in Bremen, dass immer mehr Klassen von Studierenden ohne Staatsexamen unterrichtet werden sollen. Leidet darunter die Unterrichtsqualität?

Helmut Klaßen: Das kann durchaus passieren. Qualitativ hochwertiger Unterricht braucht klare Strukturen. Die nötige Fachdidaktik und die bildungswissenschaftlichen Grundlagen werden angehenden Lehrern im Studium und im Referendariat vermittelt. Studentinnen haben zwar erste Eindrücke davon, nehmen aber noch oft ihre eigenen Erfahrungen aus Schülersicht als Basis für ihren Unterricht.

Lesen Sie auch

Hinzu kommen die Quereinsteiger.

In Bremerhaven können Seiteneinsteiger teilweise ohne Qualifizierung arbeiten, in Bremen ist das anders. Grundvoraussetzung ist ein universitäres Studium und eine berufliche Praxis. Wichtig wären aus Sicht des BAK zusätzlich ein Auswahlverfahren, in dem persönliche und fachliche Kompetenzen überprüft werden, sowie die Verfügbarkeit der deutschen Sprache. Außerdem sollte die Ausbildung mindestens zwei Jahre lang dauern.

Wie lange ist das jetzt der Fall?

Seiteneinsteiger erhalten in der Regel weniger Ausbildung als Referendare. Das Referendariat ist vor einigen Jahren von 24 Monaten auf 18 gekürzt worden. Dafür ist an der Universität ein Praxissemester eingeführt worden. Diese sechs Monate fehlen den Seiteneinsteigern.

Werden in Bremen aktuell alle Kräfte eingestellt, die man kriegen kann?

In einigen Mangelbereichen ist das sicherlich der Fall. Das wäre in ähnlich verantwortungsvollen Berufen undenkbar. Man stelle sich nur vor, so etwas würde bei Ärzten oder Piloten passieren.

Warum fehlt in Bremen Fachpersonal? Sind die Arbeitsbelastungen für Lehrer gestiegen?

Das Arbeitsprofil eines Lehrers ist in den vergangenen 20 Jahren viel umfangreicher geworden. Es gilt nicht mehr nur zu unterrichten, es sind viele neue Arbeitsfelder hinzugekommen: Heterogene Lerngruppen, Inklusion, mehr Konferenzen und Ähnliches. Das wirkt sich natürlich auf die Attraktivität des Lehrberufes aus, weil es die Kollegen in den Schulen zunehmend belastet.

Werden Studenten nicht verheizt, wenn man ihnen direkt so viel Verantwortung überträgt?

Der Wille einer guten Betreuung ist in den Schulen vorhanden. Doch bedingt durch die gestiegene Belastung des Kollegiums kann sie teilweise nur noch eingeschränkt gewährleistet werden. Es stehen einfach zu wenige Ressourcen zur Verfügung. Deshalb muss man versuchen, die Attraktivität in Bremen wieder zu steigern, damit Studenten für ihr Referendariat nicht nach Niedersachsen abwandern.

Die Fragen stellte Kristin Hermann.

Zur Person: Helmut Klaßen ist Bremer Landessprecher des Bundesarbeitskreis Lehrerbildung (BAK) und in Arbeitsgruppen auf Bundesebene involviert. Klaßen ist seit 20 Jahren im Schuldienst aktiv, davon zwölf Jahre in der Lehrerbildung.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+