Zentrum für Baukultur führt durch die Nachkriegs-Architektur der Innenstadt

Urbane Utopien

Bahnhofsvorstadt. Bremens Stadtbild wandelt sich ständig. Neue Gebäude werden gebaut und verändern manchmal das Aussehen eines ganzen Ortsteils. Andere wiederum verschwinden von der Oberfläche und oft auch aus dem Bewusstsein der Menschen. Zu einem Rundgang mit Blick auf Bremens Nachkriegs-Architektur, vom amerikanischen Generalkonsulat der 50er-Jahre bis zur Erweiterung der Kunsthalle, lud das Bremer Zentrum für Baukultur (b.zb) ein.
29.11.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Sandra töbe

Bahnhofsvorstadt. Bremens Stadtbild wandelt sich ständig. Neue Gebäude werden gebaut und verändern manchmal das Aussehen eines ganzen Ortsteils. Andere wiederum verschwinden von der Oberfläche und oft auch aus dem Bewusstsein der Menschen. Zu einem Rundgang mit Blick auf Bremens Nachkriegs-Architektur, vom amerikanischen Generalkonsulat der 50er-Jahre bis zur Erweiterung der Kunsthalle, lud das Bremer Zentrum für Baukultur (b.zb) ein.

Am Hillmannplatz ging es los, und da gab es für Eberhard Syring, den wissenschaftlichen Leiter des b.zb, auch gleich einiges zu erzählen. "Was wir Hillmannplatz nennen, ist ein Produkt der 80er-Jahre", sagte er. Früher hätten dort mal ein Gebäudekomplex und ein Gymnasium gestanden, später sei das Gelände als Parkplatz genutzt worden. Ein Schicksal, das viele öffentliche Plätze ereilte, da man nicht mehr wusste, wohin mit der ansteigenden Zahl von Autos. Das ging so weit, dass jemand 1970 auf die Idee kam, eine unsichtbare Parkgarage unter den Wallanlagen zu bauen, mit 1400 Stellplätzen. Eine Idee, die zum Glück der Natur ein unvermitteltes Ende fand durch den Beschluss des Senats von 1971, keine Parkhäuser mehr in der Innenstadt zu errichten.

Das am Hillmannplatz liegende Hotel hat ebenfalls eine lange und abwechslungsreiche Planungsgeschichte. "40 Jahre ist dieser Platz nicht bebaut worden", erzählte Syring. Man sei sich über die Nutzung nicht einig geworden. Und wer glaubt, der eher massive Bau des heutigen Hotels aus den 80er-Jahren sei unschön, hat die ursprüngliche Variante nicht gesehen. "Man wollte eine Hochhausscheibe errichten, mit einem zweigeschossigen Vorgebäude", sagt Syring und zeigt den interessierten und leicht entsetzten Bremern ein paar Fotos. Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters.

Nicht unbedingt schön, aber praktisch sollte in den 60er-Jahren auch das so genannte "City-Erweiterungsgebiet" rund um das Siemens-Hochhaus gestaltet werden. "Man muss sich das nicht solitär vorstellen, sondern als Ensemble", erläuterte Syring, und dazu gehören auch das Tivoli- Hochhaus und die beiden Parkhäuser. Dazwischen entstand Bremens erste Fußgängerzone mit dem Pflaster, das auch vor dem Bahnhof verlegt war. Ladengeschäfte sollten zum Bummeln einladen, eine unterirdische Straße war zur Versorgung der Geschäfte angelegt worden.

"Die schöne, neue, urbane Welt der 60er-Jahre", nennt Syring diesen Traum der Gestalter. Denn ein Traum ist es geblieben. Niemand verirrt sich heute freiwillig in die verwaisten Ladenzeilen zu Füßen des Siemens-Hochhauses, wo der Boden mit Glasscherben bedeckt ist und die ehemaligen Geschäfte verbarrikadiert sind. "Aber wenn man die Augen zusammenkneift, ist das Raumideal noch in Spuren zu sehen", sagt Syring mit dem positivistischen Blick des Architekten.

Kennedy-Platz

Am Musicaltheater vorbei führt der Weg zu einem der ältesten Gebäude auf der Tour: dem ehemaligen amerikanischen Generalkonsulat am Präsident-Kennedy-Platz. Gebaut in den 50er-Jahren mit einem Stahlskelett nach der Architekturschule von Mies van der Rohe, zeichnet sich dieses Gebäude durch eine Leichtigkeit im Stil aus, sagt Syring. Mit den heute notwendigen Dämmtechniken wäre dies jedoch nicht mehr zu machen. Dafür steht das Gebäude inzwischen unter Denkmalschutz. Mit ein wenig Fantasie kann man sich noch vorstellen, wie hier unter der Überdachung Empfänge gefeiert wurden - wie aus einer anderen Zeit.

Eines der letzten Gebäude auf der Rundgang ist die Kunsthalle. Während die Architektur früher Wert auf Fenster legte, also "immer wieder auch den Blick nach draußen gesucht hat", wie Syring betont, setzt man beim Anbau eher auf ideale Raumtemperaturen und künstliches Licht für die teuren Exponate. Dass die Kunsthalle an beiden Seiten einen Anbau erhält, liegt für ihn "im Sinne des klassizistischen Grundgebäudes." Die Symmetrie ist wieder hergestellt. Am Domshof, wo es noch in den späten 70er-Jahren einen Kulturkampf um die sogenannte "topologische Woge" gegeben hatte, endet die Führung durch die Nachkriegsarchitektur Bremens. Hier hatte man den Dom, der ja bekanntermaßen auf einer Düne steht, als höchsten Punkt der Innenstadt betonen wollen, in dem man das Pflaster treppenförmig ansteigen ließ. Nach vielen Protesten wurde diese Idee jedoch wieder fallen gelassen. Manchmal ist es auch ganz schön, wenn die Dinge so bleiben dürfen, wie sie sind.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+