„Soundwalk 2016“ in der Neustadt Urbaner Spaziergang durch die Lärm-Landschaft

Der Verkehrsclub Deutschland und das Autonmome Architektur Atelier luden zum urbanen Spaziergang "Soundwalk 2016" durch die Neustadt ein und gingen dem Thema "Lärm" auf den Grund.
06.05.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Joschka Schmitt

Der Verkehrsclub Deutschland und das Autonmome Architektur Atelier luden zum urbanen Spaziergang "Soundwalk 2016" durch die Neustadt ein und gingen dem Thema "Lärm" auf den Grund.

Lärm erzeugt Stress, kann nachweislich krank machen, zu Schlaflosigkeit und Bluthochdruck führen. In Großstädten wie Bremen gibt es viel davon, insbesondere die Neustadt hat durch Hauptverkehrsstraßen und den Flughafen mit viel Krach zu tun. Geräusche werden schon ab 55 Dezibel als Lärmbelästigung empfunden, Werte ab 65 bewirken Stress. 75 Dezibel misst Wilfried Lietzau vom Bremer Landesverband des Verkehrsclub Deutschland dort, wo Neuenlander und Duckwitzstraße aufeinandertreffen. Vor ihm steht eine Gruppe Menschen, die erstaunt auf die Zahlen seines Messgerätes blickt. Sie sind Teilnehmer des „Soundwalk 2016“, eines vom VCD und dem Autonomen Architektur Atelier (AAA) mit Unterstützung des Beirats angebotenen urbanen Spaziergangs. Anlass ist der Internationale Tag gegen Lärm. Immer mehr Menschen trudeln an diesem nasskalten Nachmittag trotz widrigster Bedingungen am Treffpunkt ein. Als sich der Tross in Bewegung setzt, zählt er um die 35 Personen.

Oliver Hasemann vom AAA muss zur Begrüßung die Stimme erheben, fast schreien, um gegen den Lärmpegel des Durchgangsverkehrs anzukommen. Der Ausgangspunkt ist bewusst gewählt, denn auf dem Weg zum Güterverkehrszentrum sei dies trotz Entlastung durch die neue Autobahn A 281 immer noch eine viel befahrene Bundesstraße. Aus der genauen Route macht er ein Geheimnis, aber eben jene Autobahn wird eine der Stationen der Tour durch die Airport-City werden. „Wir veranstalten diese Spaziergänge seit längerem, um die Umgebung anders wahrzunehmen. Diesmal geht es darum, Lärm und seine Auswirkungen bewusst zu machen.“ Ob hohe oder tiefe Frequenzen, die subjektive Empfindung des Gehörten sei dabei so unterschiedlich, wie die Geräuschquellen selbst, die Bezeichnung Lärm jedoch stets negativ, sagt der Raumplaner, der auch zur Zwischen-Zeit-Zentrale gehört.

Dann setzt sich die Gruppe in Bewegung, um kurz darauf bereits wieder anzuhalten. Als sie etwa 100 Meter von der Neuenlander in die Essener Straße einbiegt, zückt Wilfried Lietzau wieder sein Messgerät. Trotz Verkehr in Sichtweite ist der Wert auf 65 zurückgegangen. Inzwischen ist der Akustiktechniker Markus Tetens zur Gruppe gestoßen und ergreift das Wort. Er hatte es bezeichnenderweise wegen des hohen Verkehrsaufkommens nicht rechtzeitig geschafft. „Zehn Dezibel mehr oder weniger nimmt man als Verdoppelung oder Halbierung wahr“, bestätigt der Sachverständige den bereits empfundenen Geräuschrückgang. Diesseits der Neuenlander Straße ist die Essener Straße historisch eine der wenigen Wohnstraßen. Eine durch die Ansammlung aufgeschreckte Anwohnerin kann auf Nachfrage bestätigen, dass sie dort sonst sehr ruhig wohnt.

Der nächste Stopp liegt bereits am anderen Straßenende. Dort rauscht die A 281 auf Stelzen vorbei. Auch hier zeigt das Messgerät stressige 75 Dezibel an, allerdings ist die Hochstraße in Richtung Wohnhäuser mit Schallschutzwänden versehen. Oliver Hasemann kündigt ab 18 Uhr einen regen Flugverkehr und somit eine weitere permanente Lärmquelle an. Alle fünf Minuten soll ein Flugzeug über die Gruppe hinwegfliegen. Am Eingang der sogenannten Schwäbisch-Hall-Siedlung lärmt dann die erste große Transportmaschine über den Köpfen der Teilnehmer. Die Dezibelzahl schnellt von ruhigen 60 auf 68 hoch, was wesentlich lauter wirkt. Während ein Kinderhaus im Hintergrund um die Zeit bereits geschlossen hat, erklärt Ingenieur Markus Tetens die Sonderstellung einer solchen Geräuschkulisse: „Kinderlärm unterliegt keinem Richtwert mehr und ist erstmal von Anwohnern hinzunehmen. Allerdings gilt Minimierungsgebot.“ Ohnehin betont er abermals die unterschiedliche Wahrnehmung von Geräuschen: „Im Viertel klingt es etwa so, als führe die Straßenbahn direkt durchs Wohnzimmer, aber das stört keinen. Oft steigern sich Anwohner da auch in etwas herein.“

Weiter geht es zum Flughafen, der längst ein wichtiger Verkehrs- und Wirtschaftsfaktor für Bremen und als Verbindung zur Welt Anziehungspunkt für Touristen und Unternehmen ist. Fast sei es anders gekommen, denn es gab Pläne für einen gemeinsamen Flughafen mit Niedersachsen und Hamburg. Man habe sich jedoch gar nicht erst auf einen Standort einigen können, woraufhin alle Beteiligten ihre eigenen Projekte weiterverfolgten. Oliver Hasemann hat zahlreiche solcher Anekdoten zum Stadtteil auf Lager, auch abseits des Lärmmottos. Inzwischen ist die Neustadt-Polizeiwache am Flughafen angesiedelt, wobei der Standort im Industriegebiet laut Markus Tetens nichts mit der Störung durch Sirenen zu tun hat. Bis zu 100 Dezibel können diese immer und überall erreichen, die Frequenz mit erhöhter Störwirkung sei schließlich gewollt.

Nach exakt zwei Stunden urbanem Spaziergang geht der dritte Soundwalk das erste Mal in der Neustadt zu Ende. Augenscheinlich ist unterwegs kein Teilnehmer erkrankt, weder aufgrund des Lärms noch der Wetterlage. Die Sensibilität für das Thema und den Stadtteil sollte hingegen bei allen Spaziergängern gestiegen sein.

Der nächste urbane Spaziergang des AAA findet am 5. Juni in Gröpelingen statt, weitere Informationen unter www.aaa-bremen.de.

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