Olaf Dinné wird 80 Jahre alt

"Urgroßvater ging auf die Barrikaden"

Der ehemalige bremische Politiker Olaf Dinné erzählt seine bewegte Familiengeschichte zwischen Revolution und Reichtum. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag.
16.12.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Frank Hethey
"Urgroßvater ging auf die Barrikaden"

Persönlichkeit mit vielen Facetten: Olaf Dinné war einer der ersten Grünenpolitiker, die in ein Landesparlament einzogen. Heute züchtet er in seinem Garten Ziegen.

Christina Kuhaupt

Der ehemalige bremische Politiker Olaf Dinné erzählt seine bewegte Familiengeschichte zwischen Revolution und Reichtum. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag.

Sich mit Olaf Dinné zu verabreden, ist erstaunlich unkompliziert. Eine Mail, ein Telefonat, und schon ist die Sache geritzt. Sein Haus befindet sich auf dem Stadtwerder, es thront auf einer Anhöhe. „Das hier war mal eine Gaststätte“, erklärt Dinné zur Begrüßung. Mit seinen Fußballerfreunden sei er früher Stammgast gewesen. Der Wirt habe das arg lädierte Gebäude loswerden wollen. „Das war die Chance meines Lebens.“ Ein Haus, das er als studierter Architekt selbst renovieren konnte – und das einen Garten hat mit ausreichend Platz für seine Ziegenzucht.

Der Mann, der Rudi Dutschke in Bremen empfing, der als streitbarer Querdenker gilt, als politischer Paradiesvogel, feiert heute seinen 80. Geburtstag. Als er mich empfängt, trägt er eine Art Kutte und eine Wollmütze. Die ist so etwas wie sein Markenzeichen. Erst beim Abschied erfahre ich, dass diese Mütze auch schon den Kopf von Franz Radziwill wärmte. Mit der Tochter des Malers ist Dinné befreundet.

Der Widerspruch hat in seiner Familie eine gewisse Tradition. Als alter Achtundsechziger verweist Dinné gern auf seinen Urgroßvater, einen Achtundvierziger. Einen Vorkämpfer der bürgerlichen Revolution. „Der hat 1849 mit Richard Wagner in Dresden auf den Barrikaden gestanden.“ Freilich söhnte sich der Mann später mit den Mächtigen aus, kam zu Reichtum, ging mit Bismarck jagen.

„Flüchtlingskind"

Vom Erbe konnte sich der Großvater ein Gut in Schlesien leisten. Dort ist Dinné aufgewachsen. Seinen Vater hat er früh verloren, der kam bei Stalingrad ums Leben. „Und als sich die Rote Armee näherte, sind wir reumütig in den Schoß der Familie nach Bremen zurückgekehrt.“ Weshalb sich Dinné auch als „Flüchtlingskind“ bezeichnet.

Zur Politik ist Dinné aus Protest gegen den geplanten Abriss des Schnoorviertels gekommen, wo er seit 1959 wohnte. „Da sollte ein Park hin und als städtebauliche Dominante ein Hochhaus.“ Um das zu verhindern, sei er 1962 in die SPD eingetreten. Der Protest hatte Erfolg, ähnlich wie wenige Jahre später das Aufbegehren gegen den Bau der berüchtigten „Mozart-Trasse“, die das Ostertor nicht nur brutal durchschnitten, sondern in weiten Teilen zerstört hätte.

Eine von den Trassengegnern initiierte Umfrage verhinderte den schon beschlossenen Bau im Dezember 1973. Für Dinné eine politische Lektion. Das Erfolgsrezept: „Es kommt immer darauf an, wie viele Leute man mobilisieren kann.“ Man müsse die „kulturelle Hegemonie“ gewinnen. Ein politischer Kampfbegriff, der auf den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci zurückgeht und im Grunde nichts anderes meint, als sich im öffentlichen Diskurs die mehrheitliche Zustimmung zu sichern.

Vom Schielen nach Mehrheiten

Bis heute beherzigt er diese Devise als Koordinator der Bremer Bürgerinitiativen. „Glauben Sie ja nicht, dass Rationalität oder vernünftige Argumente in der Politik irgendeine Rolle spielen. Es ist immer nur ein Schielen nach den Mehrheiten.“ Das klingt ein wenig frustriert, ist aber eigentlich nur die nüchterne Bilanz seiner parteipolitischen und parlamentarischen Arbeit. Und zwar nicht nur bei der SPD, der er 1978 den Rücken kehrte. Sondern auch bei der Bremer Grünen Liste (BGL), mit der er und seine Mitstreiter 1979 in die Bürgerschaft einzogen – als bundesweit erste grüne Partei, die bei einer Landtagswahl den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde schaffte.

„Was haben wir da nicht alles gemacht“, sagt Dinné, „auch mal tote Fische vom Podium hochgehalten“. Gebracht habe es nichts, zumal die BGL schon bald im politischen Abseits gestanden habe. Bei der Gründung der Bundesgrünen im Januar 1980 seien die kommunistischen Splittergruppen noch abgewehrt worden, gegen Jahresende nicht mehr. Für ihn der maßgebliche Grund, die Grünen zu verlassen. „Zusammen mit Herbert Gruhl von der ,Grünen Aktion Zukunft’ und anderen.“

Das ist der andere Dinné. Nicht der Bürgerschreck, sondern das genaue Gegenteil. Einer, der seine bürgerlichen Wertmaßstäbe nicht leugnen kann – und es auch gar nicht will. Kopfschüttelnd erinnert er sich daran, wie er einst beim allmächtigen SPD-Fraktionschef Richard Boljahn vorgelassen wurde. Sein Freund Claus Grobecker, der frühere Senator, habe ihm zuvor gesagt, als frisch gebackener Genosse müsse er den jetzt duzen. „Ich dachte, das kann ja wohl nicht wahr sein!“ Dinné lacht. Wie so oft bei unserem Gespräch amüsiert er sich über Stationen seines Lebens.

„Es sieht vielleicht nicht so aus“, sagt er, „aber ich bin ein vorsichtiger Mensch“. Zur Begründung taucht Dinné tief in die Vergangenheit ein, verweist auf die Inflation von 1923: den rapiden Wertverlust der deutschen Mark nach dem Ersten Weltkrieg, das Urtrauma des bürgerlichen Deutschlands. Der Schwager seines Großvaters habe just zum falschen Zeitpunkt seinen Hof verkauft, um sich einen neuen zuzulegen. „Und plötzlich waren seine 50 000 Mark nur noch zwei Brötchen wert.“

Immobilien als sichere Geldanlage

Das hat ihn geprägt, ein überlieferter Erfahrungswert aus der Familiengeschichte. Deshalb will Dinné von Aktien nichts wissen. Stattdessen schwört er auf Immobilien, getreu dem alten Motto, dass einzig Immobilienbesitz eine sichere Geldanlage sei. „Jede Mark, die ich verdient habe, habe ich immer sofort in Bautätigkeit gesteckt. Und zwar so, dass man es auch vermieten konnte.“ Ein Vorsatz, den er auch beim Bau der „Lila Eule“ an der Bernhardstraße umsetzte. Unten die Disko, oben Appartements für Musiker.

Von den Einkünften lebt der Freigeist noch heute. Muss er auch, weil er keine Rente bezieht, noch nicht einmal für seine Zeit als Bürgerschaftsabgeordneter. Doch auf staatliche Zahlungen legt er ohnedies keinen Wert. Nicht ohne Stolz erklärt er, nie in einem Abhängigkeitsverhältnis gestanden zu haben. „Ich bin nie im öffentlichen Dienst gewesen, in meinem ganzen Leben habe ich nie einen Pfennig von der öffentlichen Hand gekriegt.“

Seinen Geburtstag feiert der leidenschaftliche Hobbymusiker Dinné heute mit über 100 geladenen Gästen, darunter Grobecker, Altbürgermeister Klaus Wedemeier, Bürgerschaftspräsident Christian Weber und Bernd Rabehl, den Dutschke-Gefährten aus Berlin. Geplant ist ein skurriles Varietéprogramm mit viel Musik. Dabei wird sicher so manch eine alte Schlacht zur Sprache kommen. Und vielleicht auch die eine oder andere aktuelle Debatte. Denn fürs politische Altenteil fühlt sich Dinné noch viel zu jung.

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