Streit der Familienclans Ursache für Massenschlägerei noch unklar

Die Ermittlungen zur Massenschlägerei in Huchting zwischen Angehörigen zweier arabischer Großfamilien laufen weiter. Ob es zu Anklagen kommen wird und wie diese lauten, ist noch völlig offen.
23.05.2018, 18:01
Lesedauer: 3 Min
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Ursache für Massenschlägerei noch unklar
Von Ralf Michel

An der gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen zwei arabischen Großfamilien in Huchting am Pfingstmontag – Bilanz: 17 Festnahmen und acht Verletzte – scheiden sich die politischen Geister.

"Man gewinnt immer mehr den Eindruck, dass die organisierte Kriminalität in Bremen nicht mehr bekämpft, sondern nur noch verwaltet wird", kritisiert Jan Timke, Sprecher der Gruppe Bürger in Wut (BIW) in der Bürgerschaft. Die Polizei habe mit ihrem energischen Einschreiten ein gutes Signal gesetzt, meint dagegen der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sükrü Senkal. Schließlich seien 17 Festnahmen keine Kleinigkeit. Mit dem weiteren Verlauf der Ermittlungen ist allerdings auch Senkal nicht zufrieden. "Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass nicht alle sofort wieder auf freien Fuß gesetzt werden."

50 Polizisten im Einsatz

Gegen 19.15 Uhr wurde am Montag die Polizei alarmiert. Vor einer Shisha-Bar in der Obervielander Straße war es zu einer Massenschlägerei zwischen Angehörigen zweier Großfamilien libanesischer Herkunft gekommen. Dabei wurden acht Personen im Alter zwischen 21 und 61 Jahren durch Stich- und Schnittverletzungen verletzt. Sie mussten in Krankenhäuser gebracht werden. Laut Polizei handelte es sich aber nur um leichte Verletzungen. Um die Auseinandersetzung unterbinden zu können, war die Polizei mit rund 50 Beamten im Einsatz.

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Die Ursache für den Streit war auch zwei Tage später noch unbekannt. Hierzu und zum Ablauf des Geschehens vernimmt die Staatsanwaltschaft weiterhin Zeugen. Im Fokus steht dabei insbesondere ein Verdächtiger, der mehrere Schüsse mit einer Pistole abgegeben haben soll. Der Mann wurde am Dienstag festgenommen. Zur Frage, ob er in Untersuchungshaft kommt, war am frühen Mittwochabend noch keine Entscheidung gefallen.

Alle anderen Festgenommenen wurden bereits am Dienstag freigelassen. Bei drei von ihnen war zuvor ebenfalls die Möglichkeit einer U-Haft geprüft worden. Auch sie kamen letztlich aber wieder auf freien Fuß. Er respektiere diese Entscheidung des Gerichts, halte sie aber für ein falsches Signal, kommentierte dies Sükrü Senkal. "Die U-Haft-Variante wäre gerade hier sehr gut gewesen." Zumal die Polizei mit ihren umfangreichen Festnahmen und der anschließenden akribischen Spurensuche – ein Teilstück der Obervielander Straße blieb den gesamten Dienstag über zur Beweismittelsicherung gesperrt – ein klares Zeichen gesetzt habe. Er hoffe nun, dass es, sobald dies rechtsstaatlich möglich sei, zu einem schnellen Verfahren komme.

"Am Anfang der Ermittlungen"

"Wir stehen erst am Anfang der Ermittlungen", bremst der Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft, Frank Passade, an dieser Stelle. Noch müsse sich erst zeigen, wovon rechtlich überhaupt auszugehen sei, wie viele Beschuldigte es gebe und was konkret dem Einzelnen vorzuwerfen sei. Immerhin, bislang seien die vermeintlich Geschädigten durchaus aussagewillig, berichtet Passade.

Was bei Auseinandersetzungen dieser Art keine Selbstverständlichkeit sei. Die Erfahrungen der Staatsanwaltschaft zeigten, dass der Aufforderung zur Zeugenaussage bei solchen Familienstreitigkeiten höchst unterschiedlich nachgekommen werde. "Manche kommen, tun sich dann aber schwer, Angaben zu machen. Andere kommen gar nicht. Wieder andere kommen zwar, können sich aber nicht mehr erinnern", gewährt Passade Einblicke in die Ermittlungsarbeit seiner Behörde. "Ohne dritte Zeugen, die das Geschehen von Anfang an gesehen haben, bekommen Sie Probleme." Und wenn es diese Zeugen tatsächlich gebe, bedeute dies nicht, dass sie auch aussagen. "Viele fürchten Repressalien und schweigen lieber."

Jan Timke von Bürger in Wut verortet die Probleme an anderer Stelle. Die bewaffnete Auseinandersetzung in Huchting habe einmal mehr gezeigt, dass von diesem Milieu ein erhebliches Gefährdungspotenzial für die öffentliche Sicherheit ausgehe. Polizei und Justiz stünden deshalb in der Pflicht, diesem Personenkreis besondere Aufmerksamkeit zu widmen, betont Timke. Dafür aber bedürfe es der Unterstützung durch die Politik, doch an der fehle es in Bremen.

Forderung nach Informationsstelle

Dies zeige unter anderem die personelle Verkleinerung der Informationsstelle ethnische Clans (ISTEC) von vier auf nur noch einen Mitarbeiter, die von SPD-Innensenator Mäurer veranlasst wurde. "Durch diese Maßnahme ist die Beobachtung der stark abgeschotteten Szene als wichtiger Baustein der Straftatenprävention zusätzlich erschwert worden", kritisiert Timke.

Nach der bevorstehenden Polizeireform solle die ISTEC in ein anderes Dezernat eingebunden werden. Damit würde die eigenständig arbeitende Einheit faktisch aufgelöst. Dabei zeige die erneute Auseinandersetzung, wie wichtig der Fortbestand der ISTEC sei. "Wir fordern deshalb Innensenator Maurer auf, die Informationsstelle als eigenständige Organisationseinheit in die neue Polizeistruktur zu überführen und sie personell mit vier Beamten auszustatten, so wie das die Bremische Bürgerschaft bereits 2011 beschlossen hat."

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