IQB-Bildungstrend

Ursachen für schlechtes Bremer Abschneiden im Bildungsvergleich

Bremen landet beim IQB-Bildungstrend erneut hinten. Die Ursachen sind aus Sicht des Bildungsressorts vielfältig - neben der Armutsgefährdung spielen auch Sprachkenntnisse eine entscheidende Rolle.
18.10.2019, 20:22
Lesedauer: 5 Min
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Ursachen für schlechtes Bremer Abschneiden im Bildungsvergleich
Von Lisa-Maria Röhling
Ursachen für schlechtes Bremer Abschneiden im Bildungsvergleich

Laut Bildungsressort habe sich die Ausgangslage in Bremen seit dem IQB-Bildungstrend im Jahr 2012 verschlechtert.

Sebastian Gollnow /dpa

Erneut letzter Platz, erneut Ernüchterung: Die Leistungen der Bremer Neuntklässler haben sich in den vergangenen sieben Jahren nicht verbessert. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler verfehlen die Mindest- und Regelstandards, um den mittleren Schulabschluss zu schaffen. Das Bildungsressort von Claudia Bogedan (SPD) aber sagt, es hätte schlimmer kommen können: Die Risikolagen für Schülerinnen und Schüler in Bremen hätten sich in den vergangenen Jahren deutlich verschärft.

Dass sich seit dem IQB-Bildungstrend im Jahr 2012 die „Fesseln der sozialen Herkunft“ nicht gelöst haben, erklärt das Bildungsressort, sei schon vor Bekanntwerden der Studie klar gewesen. Während die Ergebnisse weitgehend ähnlich ausfallen, habe sich die Ausgangslage in Bremen verschlechtert. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, sei um elf Prozentpunkte auf 42,3 Prozent im Schuljahr 2017/18 gestiegen. Zudem habe die Hälfte der Schülerinnen und Schüler einen Zuwanderungshintergrund, in keinem anderen Bundesland ist der Anteil so hoch. In ganz Deutschland ist die Quote um sieben Prozentpunkte auf knapp 34 Prozent gestiegen.

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Besonders gravierend haben sich laut Bildungsressort die Risikolagen verschärft. Diese betreffen Familien, in denen die Eltern entweder von Armut bedroht sind, arbeitslos sind oder einen niedrigen Bildungsabschluss haben. In Bremen ist ein Drittel der Schülerinnen und Schüler von allen drei Risikolagen betroffen. Das seien zehn Prozentpunkte mehr als in Berlin, in Hamburg liege diese Quote bei 22,4 Prozent. Der IQB-Bildungstrend sage außerdem nichts darüber aus, aus welchem Elternhaus die Jugendlichen kommen oder ob sie eine Kita besucht haben. „Der Test beschreibt nicht den Lernfortschritt, sondern einen Sachstand“, sagt Bogedan. Diese Faktoren sind aus Sicht des Bildungsressorts nicht unerheblich für die Auswertung der Ergebnisse: Die Aufgabenstellung in Mathematik sei nicht nur wegen der Rechenaufgaben, sondern wegen der Formulierung der Fragen herausfordernd. „Die Schülerschaft ist mit einem Test konfrontiert, wo neben Mathematik auch Deutsch getestet wird“, sagt Bogedan. „Das ist ein Nachteil.“

Bildungsressort will Konsequenzen ziehen

Die Ergebnisse des IQB-Bildungstrends zu interpretieren ist laut den Machern der Studie nun Aufgabe der Länder. Das Bremer Bildungsressort will Konsequenzen ziehen. Zum einen sei es wichtig, eine Durchmischung der Schülerschaft zu erreichen, damit Lernerfolge nicht vom Stadtteil abhängig sind. „Dagegen arbeiten wir an“, sagt Bogedan. Langfristig will sie deshalb Kindern mehr Lernzeit einräumen, auch soll die Bildungsarbeit schon in der Kita beginnen. „Die Schere zwischen den Stadtteilen geht früh auf“, so Bogedan. „Jedes Jahr in der Kita ist ein Bildungsjahr mehr.“ Deswegen gelte es jetzt, den Kitaplatzmangel abzubauen. Entscheidend sei aber, mithilfe des Bremer Qualitätsinstituts (IQHB) gerade den Matheunterricht auszubauen, um Schülerinnen und Schüler besser zu fördern.

Da soll die Lernentwicklung eine entscheidende Rolle spielen: Ein Beispiel sei die Lernausgangslagenerhebung (Lale 5), mit der die Kompetenzen von Fünftklässlern geprüft wurden. Die gleichen Schülerinnen und Schüler sollen dann in zwei Jahren in der siebten Klasse noch einmal getestet werden, um ihren Fortschritt zu untersuchen. In den Grundschulen werde seit den Ergebnissen des IQB-Tests 2016 zusätzlicher Matheunterricht angeboten, in der Sekundarstufe I sei in diesem Jahr das Projekt „Mathe sicher können“ gestartet. Das habe sich bewährt, sagt die Behörde, deswegen sollen beide Maßnahmen ausgebaut werden.

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Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht nur einen Weg vom letzten Platz: mehr Investitionen, bessere Lernbedingungen. „Seit Pisa wird viel geredet, viel verglichen, aber zu wenig Notwendiges und Richtiges getan“, sagt GEW-Sprecher Christian Gloede. „Seitenfüllende Debatten über Geno, Flughafen und ‚Seute Deern’ verbessern nicht die Ausgangslagen unserer Kinder und Jugendlichen.“ Es sei keine Lösung, die Verantwortung in den Schulen auf immer weniger Personal zu schieben. Bremen brauche kleine Klassen, mehr Fachkräfte sowie neu definierte Arbeitszeiten für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Schulen. „Rot-Grün-Rot ist jetzt gefordert und nicht erst bei der Haushaltsaufstellung im kommenden Sommer“, so Gloede.

Maßnahmen kommen für viele zu spät

All diese Maßnahmen kommen allerdings für die im vergangenen Jahr getesteten Jugendlichen zu spät: Die meisten von ihnen haben inzwischen die zehnte Klasse abgeschlossen. Deswegen will das Bildungsressort kurzfristig die sogenannten Übergangssysteme an berufsbildenden Schulen stärken. Dazu gehören Praktikumsklassen, in denen Schülerinnen und Schüler Defizite aufholen können, um den Übergang zwischen Schule und Beruf zu erleichtern. Welche Maßnahmen das konkret sind, erklärte das Bildungsressort nicht.

Nach Ansicht der Handelskammer-Präses Janina Marahrens-Hashagen müssen diese Defizite schon in den Schulen ausgeglichen werden: „Die mangelnde Qualität der schulischen Allgemeinbildung gefährdet die Fachkräftesicherung und ist eine schwerwiegende Hypothek für den Wirtschaftsstandort Bremen.“ Die im Schulkonsens vereinbarte Leistungsfähigkeit des Schulsystems müsse endlich umgesetzt werden, damit Kinder und Jugendliche Grundfertigkeiten lernen. Eine Lösung für Marahrens-Hashagen: „Die personelle und sachliche Ausstattung muss an das Niveau der anderen Stadtstaaten angeglichen werden.

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Martin Stoevesandt, Vorstandssprecher der Zentralen Elternbeirats (ZEB), führt die Ergebnisse auf Unterrichtsausfall und Überforderung des Personals zurück. „Wir brauchen mehr Ressourcen, mehr Fokus und weniger Veränderungen.“ Die Übergangssysteme zu stärken ist aus seiner Sicht ein wichtiger Schritt. Dringender als ein auf langfristige Lösungen angelegtes Qualitätsinstitut brauche Bremen eine Schulinspektion, um den Lehrkräften zu helfen. „Wir brauchen mehr Personal und mehr Unterstützung“, so Stoevesandt. Dazu gehöre auch, verbeamtete Lehrkräfte in besonders belastete Stadtteile abzuordnen.

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Was hinter der Studie steckt

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Wie genau werden die Schüler geprüft?

Mit den verschiedenen Aufgaben haben die Studienmacher 2018 die sogenannten Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz für Mathematik, Physik, Chemie und Biologie für den mittleren Schulabschluss getestet. Konkret wurde dabei geprüft, wie viele der Kompetenzen, die Schülerinnen und Schüler bis zum Abschluss der zehnten Klasse haben sollen, bereits während des Tests erreicht sind. Dafür mussten ausgewählte Schüler an unterschiedlichen Schulen Aufgaben in den verschiedenen Prüfungsfächern lösen. Die Ergebnisse wurden in einem umfangreichen Punktesystem zusammengefasst, die ein Länderranking ergeben. Dabei zählen nicht nur die erreichten Punkte in den verschiedenen Fächern, sondern auch die Spannbreite der Ergebnisse in der Schülerschaft.

Wer hat in Bremen mitgemacht?

Beteiligt waren zwölf Gymnasien, 39 Oberschulen und eine Werkschule. Lediglich Jugendliche, die weniger als ein Jahr in Deutschland leben, haben nicht an den Tests teilgenommen.

Wer führt die Studie durch?

Der Bildungstrend wird von der Kultusministerkonferenz in Auftrag gegeben und damit von den 16 Bundesländern finanziert. Hinter der Abkürzung IQB verbirgt sich das ausführende Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2004 werden dort Untersuchungen durchgeführt, mit denen die Bildungsstandards weiterentwickelt werden sollen.

Wie genau ist der Bildungstrend?

Auch wenn die IQB-Studie weitgehend anerkannt ist, stehen einige Aspekte in der Kritik. Zum einen, weil die Jugendlichen in der neunten Klasse an Kompetenzen gemessen werden, die sie erst ein Jahr später erworben haben müssen. Das gilt es bei den Ergebnissen zu berücksichtigen. Zum anderen besteht die Leiterin der Studie, Petra Stanat, darauf, dass der Fokus weniger auf einem Ranking der Ländern und mehr auf einer Momentaufnahme der Bildung in Deutschland liegen solle. Denn damit würden Grundlagen für mögliche Verbesserungen geliefert.

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