Artistik und Comedy im Einkaufszentrum

"Vahrieté" begeistert Zuschauer

Neue Vahr Südost. So macht Einkaufen viel mehr Spaß: Wilde Luftakrobatik, waghalsige Sprünge und Klamauk haben das Einkaufszentrum Berliner Freiheit erneut in ein "Vahrieté" verwandelt.
18.04.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Hasan Gökkaya

Neue Vahr Südost. So macht Einkaufen viel mehr Spaß: Wilde Luftakrobatik, waghalsige Sprünge und Klamauk haben das Einkaufszentrum Berliner Freiheit erneut in ein "Vahrieté" verwandelt. 18 professionelle Straßenkünstler aus ganz Deutschland auf zwei Bühnen brachten das Publikum zum Staunen. Die künstlerische Leitung des Spektakels hatten wieder Rüdiger Schmitz und Ralf Schucht, die vielen Bremern als "Tante Luise und Herr Kurt" bekannt sind.

Petra Lange ist keine 1,50 Meter groß, aber als das Publikum ihre muskulösen Arme und Beine sieht, kann es nur erahnen, was die Luftakrobatin gleich vorhat. Selbstbewusst stellt sich die Berlinerin in die Mitte der Bühne, die in der Passage des Einkaufszentrums Berliner Freiheit für das zweitägige"Vahriete" aufgebaut worden ist.

Vor der Künstlerin hängt ein langes weißes Tuch, das mit einem Seil am Dach des Einkaufszentrums befestigt ist. Dann geht alles ganz schnell, die rockige Musik beginnt und Petra Lange springt hoch, hält sich an dem Tuch fest und zieht sich bis an die Spitze hoch. In sechs Metern Höhe begeistert die Akrobatin die große Menschenmasse mit abwechselnd sinnlichen und wilden Bewegungen. Da nur ihre Muskelkraft die Künstlerin vor einem Fall auf den harten Steinboden schützt, ist schon das Zusehen alleine eine Zitterpartie für die vielen Gäste. Nach fast zehn Minuten wickelt sich Petra Lange das Tuch mehrmals um ihre Oberschenkel und stürzt sich plötzlich mit vielen Überschlägen aus der Höhe in die Tiefe. Die Menge schreckt auf, doch kurz bevor die Artistin den Boden berühren kann, fängt sie sich gekonnt ab und beendet mit einem Grinsen ihre Show. Das Publikum johlt und belohnt sie mit großem Applaus.

"Ganz eigener Charakter"

Unter den begeisterten Zuschauern ist auch der Centermanager des Einkaufszentrums, Frank Springer. Er ist froh, dass das "Vahrieté" auch im vierten Jahr in Folge so gut bei den Besuchern ankommt. "Dieses Event hat bei uns seinen ganz eigenen Charakter", sagt er. Springer ist ebenfalls an der Auswahl der 18 auftretenden Künstler, darunter Jongleure und Trampolinspringer, beteiligt gewesen. Ausschau nach geeigneten Kandidaten hat er auch auf der Künstlerbörse in Paderborn gehalten. "Die Luftakrobatin zum Beispiel passt wirklich gut in unser Vahrieté, weil die Besucher ihre Show von beiden Ebenen des Einkaufszentrums aus sehr gut beobachten können", sagt Springer. In der unteren Ebene des Einkaufszentrums bieten neben den zwei Hauptbühnen noch das Marionettentheater "Zirkus Gelinde" und der Kinderzirkus "Beate Schweers & Finn Lichtenberg" Abwechslung.

In der oberen Ebene sind vor allem die "Walk Acts" unterwegs. Wer hier nicht aufpasst, kann schnell von dem kleinen Hund "Bellmondo" angekläfft werden. Es entsteht fast der Eindruck, dass der Stoffhund meistens schneller ist als seine beiden Besitzerinnen "Wilma" und "Berta" vom Scharniertheater. Die beiden erinnern in ihren Kostümen an zwei rüstige alten Damen, die vor allem durch ihre groß proportionierten Köpfe und Gesäße auffallen.

Unter den vielen Besuchern sind auch Juri Angelusch und seine kleine Tochter Elin aus der Neuen Vahr Süd. Verwundert guckt die Dreijährige in den Fahrstuhl, der zum "Vahriete" mit Badewanne und Duschvorhang in ein Badezimmer umdekoriert wurde. "Eigentlich bin ich gekommen um hier einzukaufen, aber das ist ja schön, wenn meine Tochter auch mal was von dem Ausflug hat", sagt der 29-jährige Fertigungsmechaniker.

Zurück an einer der beiden Hauptbühnen bringen mittlerweile Rüdiger Schmitz und Ralf Schucht die Menge zum Lachen. Das Akrobatik-Duo ist in Bremen besser bekannt als "Tante Luise und Herr Kurt". Mit flotten Sprüchen, bei dem es das Publikum einbezieht, überrascht das Duo Kinder und Erwachsene. Zuschauerin Erika Menke aus der Vahr lehnt die Einladung, auf die Bühne zu kommen, nicht ab und findet sich nach einigen kurzen Ausführungen festklammernd auf dem Rücken von "Tante Luise" wieder. Dann legt sich "Herr Kurt" auf den Boden und lässt "Tante Luise", samt der 70-jährigen Erika Menke auf dem Rücken, auf seine Hände und Knien steigen – fertig ist eine der vielen Parodien.

Später erzählt die Seniorin, dass sie "völliges Vertrauen in Tante Luise" gehabt habe, da sie seit vier Jahren zu jedem"Vahriete" komme und die beiden Künstler gut kenne. Für das Akrobatik-Duo ist die veranstaltung eine doppelte Leistung. Denn sie sind nicht nur an beiden Tagen Teil des Bühnenprogramms, sondern haben auch erneut die künstlerische Leitung für das "Vahrieté" übernommen. Ralf Schucht alias "Herr Kurt" hält es für mutig und lobenswert vom Einkaufszentrum Berliner Freiheit und dem Bürgerzentrum Neue Vahr, die das Event finanzieren, so vielen Straßenkünstlern in dieser Umgebung eine Plattform zu bieten. "Das traut sich nicht jeder". Die Herausforderung bestehe auch darin, den Menschen "nichts von der Stange zu bieten", vor allem da es nicht die erste "Vahriete" sei, sagt Schucht. Kriterien für das richtige Konzept seien zum Beispiel die Größe des Einkaufszentrums, die zu erwartenden Besucher und im Besonderen das Angebot der Künstler gewesen. "Es muss auf die Umgebung abgestimmt sein. Was bringen uns besondere Illusionisten oder Künstler die mit leisen Tönen arbeiten, wenn wir in einem lauten Einkaufszentrum sind und viele Leute schnell vorbeilaufen", erklärt Ralf Schucht.

Nach einigen Stunden kann auch sein Kollege Rüdiger Schmitz alias "Tante Luise" ein erstes Fazit ziehen: "Es ist wieder einmal eine sehr warme Atmosphäre hier, das kennen wir nicht aus jedem Einkaufszentrum." Auch Schmitz hält den Aufwand, der für das "Vahriete" betrieben wurde, für vorbildlich. "Das ist hier richtig qualitative Straßenkunst, nur mit einem Dach drüber", sagt er und wird prompt von einer Horde Fragen stellender Kinder umzingelt.

Ein kleines Spektakel zum Ende des ersten Tages bietet das "Vahriete" noch mit der Feuershow der Bremer Künstlergruppe "Spice". Nach einer Aufführung mit Feuer-Jonglage, Tanz und Musik wird eine Holzskulptur im Feuerschein verbrannt, die Kinder hergestellt hatten. Am Folgetag gibt es abends die traditionelle Gala im Bürgerzentrum Neue Vahr, in der die Künstler gemeinsam mit einem ähnlichen Programm auftreten – ein krönender Abschluss des "Vahriete" 2013.

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