Tischgespräch mit Temi Tesfay

Der Apostel von der Findorffer Veganbar

Marcel Holzen war früher überzeugter Döner-Fan – heute fühlt er sich mit seiner Findorffer Veganbar als Missionar. Gastro-Kritiker Temi Tesfay stattet ihm einen Besuch ab.
02.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Der Apostel von der Findorffer Veganbar
Von Temi Tesfay
Der Apostel von der Findorffer Veganbar

Marcel „Teddy“ Holzen (links) im Gespräch mit Gastro-Kritiker Temi Tesfay vor seiner Veganbar in Findorff.

Christina Kuhaupt

Marcel „Teddy“ Holzen ist mit sich am Ringen. Man spürt, dass er sich am liebsten um die Aufgabe drücken würde. Aber schließlich kann er sich doch zum Selbstlob überwinden: „Schon sehr gelungen.“ Es gibt Bescheidenheit. Aber es gibt ebenso falsche Bescheidenheit – und das ist hier eindeutig der Fall. Das „Ohne-Jäger-Schnitzel“ (9,50), das er mir hier auftischt, ist weit mehr als eine wortwitzige Veganvariante des beliebten Klassikers. Es ist vielmehr ein Statement, das skeptischen Vorurteilen kämpferisch begegnen will: ja, auch Fleischliebhaber können hier auf ihre Kosten. Ein Statement, von dem er selbst erst überzeugt werden musste.

„Früher habe ich den Dönermann mit Handschlag begrüßt. Er hat gut an mir verdient“, reflektiert der 27-Jährige seinen früheren Fleischkonsum. „Meine Cousine hat mir irgendwann eine Doku gezeigt. Das hat alles geändert.“ So wurde er mit 16 zum Vegetarier, später sogar Veganer. Und heute ist er ein Missionar, der in der Findorffer Veganbar an vorderster Front dafür kämpft, andere zu überzeugen. „Essen hat immer etwas mit Politik zu tun“ ist für ihn dann nicht nur eine theoretische Floskel, sondern praktisch probierbar. Und in diesem Fall für mich: überzeugend.

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Das aus Seitan selbsthergestellte Schnitzel schmeckt nicht wie ein einfacher Trade Off, bei dem ein Weniger im Geschmacks- durch ein Mehr auf dem Gewissenskonto ausgeglichen wird. Was hier serviert wird, schmeckt schlichtweg auch einfach gut. Das notiere ich deshalb, weil ich mit Seitan oft Schiffbruch erlitten habe, einmal sogar hier mit der Whöner genannten Döner-Alternative. Vergessen wir, dass die als „beste Pommes der Stadt“ Bio-Fritten zwar meinen Ansprüchen, nicht aber ihrem Titel gerecht werden: zusammen mit der pfeffrigen Champignonsauce und der mit Agaven-Senf-Dressing angemachten Salatbeilage ist diese Speise schon ein Genuss. Und Teddys Kommentar kein Wunder: „Immer, wenn wir das Gericht auf die Karte packen, kommen Leute extra her.“

Probiert und empfohlen: „Man kann einfach so viel zwischen die beiden Hälften packen“, schwärmt der Bremer von seiner Burgerliebe – und lässt mich nun seine ausgefallenste Kreation probieren: den Einhorn (9,50). Außen Pink Panther farbene, hausgebackene Rote-Beete-Buns, zwischen ihnen lila Coleslaw, Gurken- und Tomatenscheiben, Karotten-Locken, selbstgemachte Aioli Sauce sowie auf Empfehlung ein Beyond Meat Patty. Das alles lässt verstehen, weshalb Teddy das gute Stück „Rainbow Dash“ nennt. Ob das bunte Bild sich auch geschmacklich abwechslungsreich auftrumpft, ist nun die Frage, die von meinem Gastgeber klar bejaht wird: „Für mich eine eins bis zwei“, gibt er als Benotung an, obgleich der Beyond-Meat-Patty zu dominant auftrete und er die hier klassisch servierte Erbsen-Variante bevorzuge.

Umgekehrt finde ich gerade hieran Gefallen und bin einmal mehr überrascht, wie gut das US-Fabrikat echtes Fleisch ersetzt. Eher störe ich mich an der dünnen Aioli-Sauce, die einen aussichtslosen Zweifrontenkrieg gegen den saftigen Patty auf der einen und den fluffigen Bun auf der anderen Seite führt und trotz Schützenhilfe vom frischen Gemüse verloren bleibt. Etwas Ketchup – und ich hätte am Ende des Regenbogens meinen Topf voll Gold gefunden.

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„Ich bin selber nicht der Typ, der Süßes isst“, gesteht er gleich vorweg. Trotzdem besteht er darauf, zum Abschluss etwas von der hausgebackenen Snickerz-Torte (3,60) zu probieren. Aus gutem Grund: bei veganen Süßspeisen zeichne sich die Kreativität der Veganbar nämlich in besonderer Weise aus, meint Teddy. Und verweist auf das Stück, das „mindestens entfernt" an Snickers erinnern soll.

Die Zutatenliste tut dies schon mal sehr: oben als Crunch- und Garniturelemente geröstete Erdnüsse, drunter eine Karamellschicht, gefolgt von einer Schoko-Ganache, Erdnuss-Creme, einer weiteren Karamellschicht sowie ein Schokoteigboden lassen erahnen, dass man sich geschmacklich in den Gefilden des Vorbildes wiederfinden wird. Und tatsächlich: Das Probestück hat eine verblüffende Ähnlichkeit. Wer das Original gewohnt ist, wird hier eine Light-Version desselben vernehmen. „Auf Wunsch unserer Gäste sind die meisten Süßspeisen bei uns sind nicht so süß, wie man es konventionell kennt“, sagt Teddy. Und ich mich damit zufrieden.

Veganbar, Admiralstraße 97, 28215 Bremen. Telefon: 01523/4100414. Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 12.00 bis 21.00 Uhr. Sonntag geschlossen.

Info

Zur Person

Temi Tesfay hat Hunger auf Bremen. Auf seinen wöchent­lichen Streifzügen durch die heimische Gastroszene hat er schon viele Küchen, Köche und ­kulinarische Schätze der Stadt kennengelernt. Unter dem Titel „Ein Bisschen Bremen“ schreibt er außerdem einen Foodblog.

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