Veganer Trend für Bremen Grüne fordern Ernährungswende

Bremen soll beim weitgehenden Verzicht auf tierische Lebensmittel eine Vorreiterrolle übernehmen. Das fordern die Grünen in einem Positionspapier, das die "Ernährungswende" ausruft.
30.08.2022, 19:11
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Grüne fordern Ernährungswende
Von Jürgen Theiner

Ist Ernährung Privatsache? Nein, meinen die Bremer Grünen. Ihre Bürgerschaftsfraktion hat ein Positionspapier verfasst, das eine "Politik der Ernährungswende" und eine entschiedene Abkehr vom Konsum tierischer Lebensmittel fordert. Auf dem Weg zu einer weitgehend veganen Ernährung soll das kleinste Bundesland vorangehen und unter anderem die Speisenangebote in öffentlichen Mensen und Kantinen neu ausrichten.

Verfasst hat das Papier der Klima- und Tierschutzpolitiker Philipp Bruck. Sein Credo: "Was wir essen, hat erheblichen Einfluss auf andere, oft unbeteiligte Dritte." Die gegenwärtige Landwirtschaft verschärfe "dramatisch die größten ökologischen Krisen unserer Zeit, den Klimawandel und den Verlust von Artenvielfalt". In Schlachthöfen würden Mitarbeiter unter unwürdigen Bedingungen ausgebeutet. Die Massentierhaltung schade nicht nur den unmittelbar betroffenen Lebewesen, sondern begünstige auch die Entstehung antibiotikaresistenter Keime und den Ausbruch weiterer Pandemien. Kurzum: "Wo die Freiheit von anderen berührt ist, kann essen nicht nur privat sein", findet Bruck.

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Teile der Bevölkerung hätten dies bereits erkannt. Gerade die jüngere Generation sei treibende Kraft bei mehr pflanzenbasierter Ernährung. Nun müsse die Politik nachziehen – wobei in Bremen tatsächlich schon einiges erreicht worden sei. Bruck verweist auf Initiativen wie "Bio-Stadt" und den Aktionsplan 2025, in dessen Rahmen der Anteil höherwertiger und regionaler Lebensmittel in Einrichtungen mit Gemeinschaftsverpflegung (Schulen, Kitas, Krankenhäuser und ähnliche) gesteigert worden sei. Jetzt gehe es um den nächsten Schritt, die Ausweitung der veganen Ernährung und den weitgehenden Verzicht auf Lebensmittel tierischer Herkunft.

Konkret schlagen die Grünen in ihrem Papier ein Maßnahmenbündel vor, das unter anderem folgende Punkte umfasst:

  • Die sogenannte "Planetary Health Diet" soll Grundlage der Ernährungspolitik werden. Unter dem Begriff wird eine klimaverträgliche Ernährung verstanden. Die entsprechenden Empfehlungen wurden von einer internationalen Expertenkommission erarbeitet und sehen unter anderem nur noch einen geringen Anteil tierischer Lebensmittel vor.
  • In Schul- und Hochschulmensen, Kliniken, öffentlichen Kantinen und anderen Einrichtungen mit Gemeinschaftsverpflegung sollen die Angebote tierischer Lebensmittel weiter reduziert werden, angestrebt wird ein Rückgang um 75 Prozent. "Als Anreiz sollen außerdem vegane Speisen stets günstiger angeboten werden als solche mit Tierprodukten, sodass das klimafreundlichste Essen stets das günstigste und für alle bezahlbar ist", heißt es in dem Grünen-Papier.
  • Bremens Lebensmittelindustrie soll Anreize zur Umorientierung ihrer Produktion auf pflanzliche Nahrungsmittel erhalten. Innovative Betriebe müssten entsprechend gefördert werden. Das bringe "nicht nur Vorteile für Klimaschutz, Tiere und Pandemieprävention, sondern vielfach auch neue wirtschaftliche Chancen in der Nahrungsmittelwirtschaft", ist Philipp Bruck überzeugt.
  • Tierbestände in der Landwirtschaft sollen reduziert werden. Als Alternative zur Tierhaltung könnten Landwirte Vergütungen für Aufforstungsprojekte oder die Wiedervernässung von Moorflächen erhalten.
  • Für Großveranstaltungen wie Freimarkt, Breminale oder Weihnachtsmarkt mit ihrem traditionell hohen Anteil an tierischen Lebensmitteln wird vorgeschlagen, einen verpflichtenden Anteil von veganen Essensständen festzusetzen (mindestens die Hälfte).

Die Bremer Grünen sind sich bewusst, dass sie mit einem Teil ihrer Forderungen über das hinausgehen, was derzeit noch Linie der Bundespartei ist. Das Positionspapier bricht mit der klassischen Tierwohl-Politik, die bessere Haltungsbedingungen für Nutztiere anstrebt, aber keine radikale Verringerung der Bestände. Ohne solche Einschnitte sei ein effektiver Klimaschutz aber nicht zu haben, steht für Philipp Bruck fest.

Die Sozialdemokraten nehmen das Positionspapier der Grünen eher reserviert auf. Zwar sei es "mit Blick auf die Gesundheit, den Tier- und Klimaschutz notwendig, dass unsere Ernährungskulturen deutlich gesünder werden", sagt der klimapolitische Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, Arno Gottschalk. "Unser Ansatz ist allerdings weniger durch Zwang gekennzeichnet, sondern durch eine Vergrößerung des Angebots, sich vegetarisch oder vegan ernähren zu können." Eine geeignete Grundlage böten die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).

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Die Stellungnahme der DGE zum Vorstoß der Grünen fällt differenziert aus. Ihre Organisation unterstütze die Forderung nach einer Ernährungswende, erklärt DGE-Sprecherin Astrid Donalies, "allerdings sollten die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Aussagen dafür die Basis stellen". Das ist aus DGE-Sicht im Grünen-Papier nicht überall der Fall. "Pauschal ,Kochen ohne Tierprodukte' zu fordern", sei nicht die Position der DGE. "Gesundheitsförderndes Kochen sollte der Standard sein", präzisiert Donalies. Eine rein vegane Ernährung sei unter dem Gesichtspunkt optimaler Nährstoffversorgung insbesondere bei Kindern und Jugendlichen nicht anzuraten.

Auch bei veganen Lebensmitteln komme es zudem auf dem Kontext an. So sei etwa zu fragen: Wo und wie werden sie produziert, wie gelangen sie zum Verbraucher, wie steht es mit Verpackung und Verarbeitung? Die DGE spricht sich laut Donalies "aus Gründen der Gesundheitsförderung als auch der Nachhaltigkeit für einen geringeren Verzehr von Fleisch, Fleischwaren und Wurst aus". Gleichwohl sollten "tierische Lebensmittel in kleineren Portionen den Speisenplan ergänzen".

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