Ist vegane Ernährung gesund?

"Veganer machen vieles richtig"

Die vegane Ernährung ist umstritten. Wer völlig auf Fleisch und tierische Produkte verzichtet, nimmt nicht alle Stoffe auf, die der menschliche Körper benötigt. Andererseits betonen gerade Veganer, wie gesund sie sich ernährten. Was stimmt?
09.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Die vegane Ernährung ist umstritten. Wer völlig auf Fleisch und tierische Produkte verzichtet, nimmt nicht alle Stoffe auf, die der menschliche Körper benötigt. Andererseits betonen gerade Veganer, wie gesund sie sich ernährten. Was also ist richtig? Ralf Michel hat den Ernährungsmediziner Johann Ockenga gefragt.

Es heißt doch immer, man soll auf eine vollwertige, ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung achten. Kann „vegan“ das leisten?

Johann Ockenga: Vorweg, eine gesunde Mischkost ist für uns genau richtig. So sind wir evolutionsmäßig aufgestellt. Ansonsten gilt: Jede Diät birgt das Risiko einer Fehlernährung durch Defizite in einzelnen Bereichen. Das gilt für die vegane und die vegetarische Ernährung wie auch für jede andere Diät. Wenn man es richtig macht, kann man Risiken vermeiden. Macht man es nicht richtig, kann das zu Mängeln führen.

Was machen Veganer Ihrer Meinung nach richtig?

Die vegane Ernährung enthält einen hohen Anteil an Ballaststoffen sowie an Obst und Gemüse. Das verringert das Risiko, an einem bösartigen Darmtumor oder an Brustkrebs zu erkranken. Wer sich nach der mediterranen Küche ernährt, leidet weniger unter Herz- und Kreislauferkrankungen, reduziert das Risiko eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls.

Also ist ist vegan sehr gesund?

Sagen wir es so: Wer sich vegan ernährt, macht vieles richtig. Der hat viel Potenzial, sich richtig zu ernähren.

Dann bedeutet „vegan“ nicht automatisch, alles richtig zu machen?

Auch die vegane Ernährung birgt Risiken. Es fehlen Fettsäuren, einige Spurenelemente und Vitamine. Vitamin B 12 ist ein gutes Beispiel. Das wird fast ausschließlich über Fleisch oder tierische Produkte aufgenommen und kann nicht ausgeglichen werden. Oder das fettlösende Vitamin D, das vermehrt in Milchprodukten enthalten ist. Wer darauf verzichtet, erhöht das Risiko, zu erkranken. Essenzielle Fettsäuren kann man nicht selbst produzieren, die muss man von außen aufnehmen. Und auch bestimmte Eiweiße treten häufiger in tierischen Produkten auf und nur in ganz wenigen Pflanzen.

Was kann der Veganer tun, um diesem Risiko vorzubeugen?

Er sollte sich grundlegend informieren, über die Risiken Bescheid wissen und sich sehr bewusst ernähren.

Also keine grundsätzlichen Bedenken aus medizinischer Sicht?

Nein. Man muss es richtig machen und die Vielfalt nutzen. So lautet die Botschaft.

Wie sieht es bei Kindern mit der veganen Ernährung aus?

Es gibt Daten, die darauf hinweisen, dass Kinder, die sich vegan ernähren, ein höheres Risiko haben, nicht so gut zu wachsen. Der Bedarf an essenziellen Stoffen ist bei Kindern größer als bei Erwachsenen. Bestimmte Baustoffe werden von ihnen ganz einfach häufiger benötigt.

Würden sie bei Kindern von veganer Ernährung abraten?

Es ist schwieriger bei Kindern. Meine ganz persönliche Meinung ist, dass man sich hier besser etwas zurückhalten sollte. Zumindest, bis die Wachstumsphase abgeschlossen ist, also bei Mädchen etwa nach dem 17. und bei Jungen nach dem 18. Lebensjahr.

Und bei Senioren?

Älteren Menschen empfiehlt man ja, sich eher eiweißreich zu ernähren. Im Alter droht Muskelschwund. Das geht auch über rein pflanzliche Kost, aber es wird schwieriger. Auch bei älteren Menschen, die sich vegan ernähren, ist das Risiko größer, dass Mängelzustände entstehen. Auch hier wäre ich persönlich zurückhaltender.

Sie sprachen davon, dass sich Veganer gut informieren sollten. An Informationen zu diesem Thema mangelt es nicht. Im Gegenteil, man wird geradezu davon überflutet.

Im Internet gibt es ohne Frage ein Übermaß an Informationen. Sicher gibt es da seriöse Seiten, aber auch viele, die kommerziell aufgestellt sind. Man darf nicht übersehen, dass hier auch Märkte erschlossen werden. Selbst McDonald’s experimentiert mit veganen Burgern.

Ist vegane Ernährung nur ein Trend? Eine Modeerscheinung?

Ernährung ist nun einmal ein Punkt, bei dem jeder selbst bestimmen kann, was er macht. Was er selbst in die Hand nehmen kann. Genauso wie sportliche Aktivitäten. Ich glaube aber, dass Veganer prinzipiell sehr gesundheitsbewusste Menschen sind.

Wo ordnen Sie vegane Ernährung im Vergleich zu der vegetarischen unter gesundheitlichen Aspekten ein.

Vegetarische Ernährung gilt als mindestens genauso gesund wie die normale. Wie gesagt, das Risiko für Tumore oder Herzinfarkt wird dadurch etwas geringer. Über die Veganer, sozusagen als Untergruppe der Vegetarier, liegen noch nicht so viele Daten vor. Wahrscheinlich sind sie am Ende wie Vegetarier zu betrachten. Nicht schlechter, aber auch nicht noch gesünder.

Darf ich Sie abschließend fragen, wie Sie selbst sich ernähren? Sind Sie Vegetarier oder gar Veganer?

Nein, das nicht. Aber ich versuche, mediterrane Mischkost einzuhalten.

Zur Person: Professor Dr. med. Johann Ockenga (51), ist Internist, Gastroenterologe und Ernährungsmediziner. Er leitet als Chefarzt die Medizinische Klinik II des Krankenhauses Bremen-Mitte.

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