Interview mit Ernährungsmedizinerin

Warum viele Menschen glauben, dass Veganisums entweder ungesund oder besonders gesund ist

Dr. Marie Ahluwalia ist Ernährungsmedizinerin. Als Teil des Netzwerkes Ernährungs-therapie.net berät sie Patienten in ganz Deutschland. Mit dem Weser-Kurier hat sie über vegane Ernährung gesprochen.
01.11.2020, 09:35
Lesedauer: 5 Min
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Warum viele Menschen glauben, dass Veganisums entweder ungesund oder besonders gesund ist
Von Rebecca Sawicki
Frau Ahluwalia, Sie sind Ernährungsmedizinerin und beraten Patienten unter anderem zu gesunder Ernährung. Wie würde denn eine gesunde und ausgewogene vegane Ernährung im Idealfall aussehen?

Marie Ahluwalia: Eine gesunde Ernährung sieht erst einmal für alle Menschen ähnlich aus: Proteine, Kohlenhydrate, Fette, Ballaststoffe, sowie Mikronährstoffe. Ändern tun sich nur die Quellen der Lebensmittelauswahl. Bei einer rein pflanzlichen Ernährung muss beispielsweise geplant werden, welche Lebensmittel die Proteinquelle darstellen.

Was wäre zum Beispiel eine solche Quelle?

Proteine können bei einer ungeplanten Ernährungsweise problematisch werden. Allerdings ist es nicht unmöglich, den Bedarf zu decken. Gut eignen sich zum Beispiel Hülsenfrüchte, oder Produkte, die aus Hülsenfrüchten gemacht sind. Aber auch möglichst unverarbeitete Sojaprodukte wie Tofu oder Tempeh.

Viele der Fleischersatzprodukte enthalten Weizenprotein. Würden Sie diese Produkte als Ergänzung empfehlen?

Solche Produkte sollten vermieden werden, weil sie zu verarbeitet sind. Viele bekommen Magen-Darm-Probleme durch diese Ersatzmittel.

Gibt es außer den Proteinen andere Nährstoffe, auf die Menschen, die sich rein pflanzlich ernähren, besonders achten müssen?

Bei jeder Art der Ernährung, sei es nun vegane, vegetarische oder Mischkost, gibt es durch Fehlernährung Mangelerscheinungen. Oftmals sind bei einer veganen Ernährung zum Beispiel Kalzium, Eisen, Jod, Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D und die B-Vitamine, vor allem B12, problematisch.

Muss man das alles mit Nahrungsergänzungsmitteln ausgleichen?

So pauschal kann man das nicht beantworten, das kommt immer auf den individuellen Gesundheitszustand an. Allerdings finden sich die meisten Stoffe in ähnlicher Form auch in pflanzlichen Lebensmitteln. Das einzige, dass wirklich ergänzend zu sich genommen werden muss, ist Vitamin B12.

Wie wirkt sich ein B12 Mangel aus?

Sehr extrem sind die Auswirkungen eines längeren Mangels auf das Nervensystem, aber auch die Vorboten wie andauernde Müdigkeit sind eine Mangelerscheinung. Die B-Vitamine per se sind sehr wichtig für den Körper. Am besten nimmt man deshalb direkt ein Vitamin-B-Komplex-Präparat.

Ein gängiges Vorurteil ist, dass wir als Menschheit nicht so weit wären, hätten unsere Vorfahren kein Fleisch gegessen. Wie wichtig ist der Konsum von Fleisch und tierischen Produkten für die Evolution?

Das kann ich leider nicht beantworten. Nicht einmal Evolutionsbiologen sind sich einig darüber. Was aber wissenschaftlich erwiesen ist, sind die „Blue Zones“. Das sind Zonen auf der Welt, in denen die Bevölkerung besonders gesund ist und besonders lange lebt. Diese Bevölkerungen essen besonders pflanzenbasiert.

Eine weitere Annahme ist, dass eine rein pflanzliche Ernährungsweise nicht satt macht.

Das ist sehr interessant. Wenn man immer Fleisch gegessen hat und dann plötzlich vegan kocht, ist genau das der Fall. Viele wissen nämlich nicht, wie sie ihre Mahlzeiten idealerweise zusammenstellen sollten. Macht man eine geplante vegane Ernährungsweise und setzt sich dementsprechend mit der Zusammensetzung von Proteinen, Ballaststoffen, Kohlenhydraten und Fetten auseinander, dann wird man sehr wohl satt.

Kann die pflanzenbasierte Ernährung dabei helfen, das Gewicht zu regulieren?

Gerade weil wir in Deutschland so viele energiereiche Lebensmittel wie Fleisch- und Milchprodukte verzehren, haben wir das Problem, dass wir zu viele Kalorien zu uns nehmen. Eine Ernährung, die reich an Obst, Gemüse und Vollkornprodukten ist, hilft dabei, Gewicht zu kontrollieren.

Wie wichtig sind Hülsenfrüchte für ein solches Essen?

Ersetze ich den Proteinlieferanten Fleisch durch Hülsenfrüchte, kann ich viele Kalorien einsparen. Kichererbsen und andere Hülsenfrüchte haben nämlich doppelt so viele Proteine wie Getreide. Ergänzend zu den Hülsenfrüchten können auch Nüsse ein guter Proteinlieferant sein.

Aber auch ein Fettlieferant.

Ja, das stimmt. Trotzdem macht es Sinn, beide Proteinquellen zu kombinieren. Das heißt aber nicht, dass Normalgewichtige anfangen sollten, übermäßig viele Nüsse zu essen. Dafür haben sie zu viele Kalorien.

Wie gesund ist denn eine rein pflanzliche Ernährung?

Viele Menschen glauben, dass Veganisums entweder ungesund oder sogar besonders gesund ist. Das stimmt beides nicht. Verarbeitete vegane Produkte haben oftmals viel Zucker. Alle lieben neuerdings Bananenbrot und Agavensirup oder Energyballs – das alles ist vegan, super gesund aber deshalb trotzdem nicht.

Also kommt es immer auf das Wie an?

Genau. Ich kann mich vegan ebenso ungesund oder gesund ernähren wie mit Mischkost.

Was hat es mit den Vorbehalten gegenüber Soja und dessen Einfluss auf den Hormonspiegel auf sich?

Das ist ein sehr umstrittenes Thema. Ich möchte mich mit meiner Einschätzung auf eine Studie der Harvard Medical School beziehen. Soja beinhaltet Isoflavone. Das sind Pflanzenstoffe, die eine östrogenähnliche Wirkung haben. Diese Wirkung ist aber sehr gering und man weiß auch, dass die Isoflavone eher als Blocker denn als ein Weiterleiter fungieren.

Was bedeutet diese Funktion als Blocker?

Inzwischen weiß man, dass Isoflavone förderlich in besonders östrogenreichen Lebensabschnitten sind. So kann es zum Beispiel gegen Hitzewallungen in der Menopause helfen. Auch in der Bekämpfung von Krankheiten wie Brustkrebs könnte Isoflavon eine Rolle spielen. Soja in einem normalen Umfang zu essen ist aber definitiv gesund, wenn nicht sogar gesundheitsfördernd.

Das heißt, eine Misosuppe - also eine Suppe mit Sojapaste - mit Tofuwürfeln ist in Ordnung?

Auf jeden Fall ist Misosuppe mit Tofuwürfeln okay. Ich würde sagen, bis zu zwei Portionen Soja können am Tag problemlos konsumiert werden.

Soja in all seinen Formen?

Der Isoflavongehalt variiert zwischen den verschiedenen Produkten: In fermentierten Produkten ist besonders viel drin, in verarbeiteten Produkten wie Würstchen oder Schnitzel ist fast nichts mehr von den Pflanzenstoffen enthalten.

Das alles klingt so, als müsste man sich mit sehr viel auseinandersetzen, um sich rein pflanzlich vollwertig zu ernähren. Würden Sie sagen, dass die vegane Ernährung wider der Natur des Menschen ist?

Ich würde sagen, dass eine rein pflanzliche Ernährung ursprünglicher ist, als die Art und Weise, wie wir uns in westlichen Zivilisationen heute ernähren. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit aber letztlich in der Mitte. Ob die letzten zehn Prozent der täglichen Nahrung am Ende auch pflanzlich sein müssen, sodass Menschen vegan leben, um Gesund zu sein, das weiß ich nicht.

Die Netflix-Dokumentation „The Game Changers“ hat für Aufsehen gesorgt. Wie wurde der Film in Ihrer Branche beurteilt?

Wir haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Warum?

Weil in dieser Dokumentation richtige Aspekte mit sehr überzogenen Aspekten kombiniert werden. So kann kein Laie mehr differenzieren, was jetzt stimmt und was nicht stimmt. Außerdem werden auch hier drei Säulen des Veganismus zusammengeworfen, obwohl es eigentlich um das Thema Gesundheit geht.

Welche drei Säulen?

Es gibt auf der einen Seite die gesundheitlichen Aspekte, die für die Ernährungsform sprechen, es gibt aber auch klimapolitische und moralische Erwägungen, die Menschen dazu bringen, sich vegan zu ernähren.

Info

Zur Person

Dr. Marie Ahluwalia ist Medizinerin, die sich im Bereich Ernährungsmedizin weitergebildet hat und heute ausschließlich mit der Beratung beschäftigt. Sie ist Mitglied des Netzwerkes Ernährungs-therapie.net, dem nicht nur Expertinnen und Experten auf dem Gebiet der pflanzenbasierte Ernährung angehören. Beratungsmöglichkeiten gibt es unter anderem auch für die Themenbereiche Übergewicht oder Lebensmittelunverträglichkeiten.

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