Begeisternde Führung der KulTourGuides Vegesacks Geschichte leuchtete auf

Vegesack. Gelbes Licht aus einem Feuerkorb und viele Fackeln begleiten den Trupp aus gut 40 Leuten, der entlang der Maritimen Meile bis zum "Schaufenster Bootsbau" wandert. Es ist eisig kalt, doch immer wieder gibt es Stopps in gut beheizten Räumen.
25.01.2010, 09:23
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Vegesack. Gelbes Licht aus einem Feuerkorb und viele Fackeln begleiten den Trupp aus gut 40 Leuten, der entlang der Maritimen Meile bis zum "Schaufenster Bootsbau" wandert. Es ist eisig kalt, doch immer wieder gibt es Stopps in gut beheizten Räumen. Glühwein, Kaffee und Tee wärmen von innen.

"Diese Veranstaltung ist eine Premiere und ein Abschluss zugleich", sagt Boris Barloschky, Projektleiter der KulTourGuides, die nach Absolvierung ihrer Qualifizierungsmaßnahme neue Wege des Tourismus in Bremen-Nord aufzeigen sollen. Das Projekt wird von der Bremer Boostbau Vegesack (BBV), dem Kulturbüro Bremen-Nord sowie der Volkshochschule Bremen durchgeführt. Die Fortbildung der KulTourGuides ging mit einer Veranstaltung zu Ende, bei der zahlreiche Spielszenen, inszeniert von Pago Balke und Mateng Pollkläsener, die Geschichte Vegesacks zum Leben erweckten.

Lieder von Abenteuer und Liebe Nach viel Recherchearbeit und zahlreichen Proben ist es endlich soweit: Einen Nachmittag lang ranken sich Geschichte und Geschichten entlang der Maritimen Meile, beginnend am Hafenspeicher. Dort schunkeln schon Männer im Stehen wie das von Wogen bewegte Meer: Die Männer des Shantychors "Beckedorfer Schifferknoten" singen von Sturm und zuhause wartenden Mädchen, von Abenteuer, Liebe und Gefahr.

Anne Lange, die 1844 die große Schiffswerft in Vegesack übernahm, tritt im Hafenspeicher auf: "Wir wollen auf dem erfolgreichen Weg fortfahren, es geht weiter aufwärts", sagt sie zu Recht, denn von Vegesack aus haben zahlreiche Schiffe die Weltmeere durchkreuzt. Der vergangenheitsträchtige Hafenspeicher, der zunächst als Lager für Holz und später für Salz genutzt wurde, hat eine neue Perspektive: Bereits im Sommer 2010 soll in ihm ein Mitmachmuseum entstehen (wir berichteten).

Mit dem Funken stiebenden Feuerkorb voran zieht die Gruppe zum Hafenbecken, in dem plötzlich das Jahr 1907 geschrieben wird: Eine Fischmarie im alten Kostüm wirft dem Heringsfischer auf seinem Kutter ein paar Worte zu, woraufhin sich ein bissiger Dialog entfaltet. Er erinnert daran, dass in Vegesack einst eine der größten Heringsflotten Europas lag. "Der Hering, das war die Speise der armen Leute."

Im Kito jedoch wechselt die gesellschaftliche Schicht in die oberen Ränge, dort springt die Zeit zurück ins 19. Jahrhundert, als Johann Lange nicht nur eine Werft betrieb, sondern nebenbei im heutigen Kito auch noch Bier braute und Schnaps brannte. "Gin und Rum werfen keinen Seemann um!" singt kühn der Shantychor "Beckedorfer Schifferknoten", bevor Johann Lange auftritt, der als Bittsteller einen Brief diktiert, in dem er die Verlängerung seiner Lizenz beantragt. Im schnörkelig-gewundenen Stil seines Schreibens wird eine Zeit lebendig, in der das Kito noch Packhaus war, nah am Vegesacker Hafen, dem wichtigsten Umschlagplatz für Waren von und nach Bremen.

Welcher Platz wäre besser geeignet, auf die Walfangtradition hinzuweisen, als der Utkiek, wo zwei Unterkiefer eines Blauwals stehen? Unter den Knochen ist ein Mercedes geparkt, und die Frau, die aus ihm aussteigt, berichtet, wie Opa, der Walfänger, nach Blut stank, wenn er nach Hause kam, und wie noch abends der Waltran die Lampen leuchten ließ - als wie aus dem Nichts plötzlich Männer mit Harpunen auftauchen. Sie zeigen, wie man damals Wale fing und schlagen ihre Spitzen in die Reifen des Wagens.

Die arktische Kälte, in der die Walfänger vor Grönland damals ihre Beutezüge machten, lässt sich an diesem eisigen Tag gut nachempfinden, und beim nächsten Stopp, der Signalstation, lenkt der Glühweinstand ziemlich vom Vortrag ab. Die Weser vor Augen kommt darin zur Sprache, dass dieser Fluss einstmals nur zwei Meter Tiefgang hatte und die Schifffahrt noch ein gefährliches Unterfangen war, wenn Sandbänke und Untiefen drohten.

Der schlechte Ruf der Bremer Die Treppe hoch geht's zum Ortsamt in der Weserstraße, wo nach kurzer Cello-Einlage der Kaufmann und spätere Senator C.W. August Fritze das Neo-Renaissance-Zimmer betritt. Ihm gesellen sich drei vornehme Damen zu, die gerade aus der Oper kommen und sich darüber mokieren, wie schlecht doch über die Bremer geredet wird: Das seien Leute von holländischer Dickschädeligkeit, deren einzige Leidenschaft das gute Essen sei.

Als im Stadtgarten ein mit Trommeln unterlegtes Lied an die exotischen Pflanzen erinnert, die der Botaniker Albrecht W. Roth hier einst zusammentrug, ist die Sonne bereits gesunken. Glühbirnen leuchten am Schlepper "Regina", der ausnahmsweise seine Luken geöffnet hat, und vom "Schaufenster Bootsbau" geht die Geschichte der Langewerft in den "Bremer Vulkan" über. Ein Werftarbeiter mit Schutzhelm ist natürlich auch zur Stelle und lässt Bremen-Nords Historie kurz vorm Heute enden. Die Bremer Bootsbau Vegesack, die in die Asche des längst erloschenen "Bremer Vulkan" getreten ist, lädt zu Suppe und Bratwurst ein, und das Ensemble der Kulturguides und der weiteren Akteure tritt noch einmal unter großem Beifall zusammen - ein letztes Mal?Wie es mit den KulTourGuides weiter geht, ist noch nicht klar", sagt Rita Frische, Geschäftsführerin des Kulturbüros Bremen-Nord, "eine Entscheidung wird aber im Frühjahr fallen." Alle acht Teilnehmer der Fortbildung hoffen auf einen Arbeitsplatz im Bereich Kultur und Tourismus. Dass sie ihn verdient hätten, haben sie mit einer begeisternden Abschlussveranstaltung bewiesen.

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