Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplans

Quartiere fürchten mehr Parkdruck

Eine autofreie Innenstadt finden sie gut – sofern dann nicht verstärkt in den Nachbarstadtteilen geparkt wird: Die Beiräte in Findorff, Walle und Gröpelingen positionieren sich zum VEP 2025.
14.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Quartiere fürchten mehr Parkdruck
Von Anne Gerling
Quartiere fürchten mehr Parkdruck

Der Waller Bahnhof muss als wichtiger Knotenpunkt nach Ansicht des Stadtteilbeirats deutlich attraktiver werden – zum Beispiel durch den Bau einer Fahrradparkgarage.

Roland Scheitz

Die Stadt arbeitet an der Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplans (VEP) in den vier Teilstrategien „Autofreie Innenstadt“, „Parken in Quartieren“, „ÖPNV-Strategie“ und „Stadt-Regionales Verkehrskonzept“. Nachdem Bürger ihre Anregungen dazu bis 2. August einbringen konnten, sind nun die Beiräte aufgerufen, bis zum 17. September ihre Stellungnahmen einzureichen.

In Findorff und Gröpelingen stimmen sich die Ortspolitiker dazu derzeit noch ab, der Waller Beirat hat sich am 7. September auf ein gemeinsames Papier verständigt. Dort begrüßt man zwar prinzipiell die Schwerpunktsetzung auf die autofreie Innenstadt – befürchtet aber gleichzeitig – wie auch die Beiräte in Findorff und Gröpelingen – negative Folgen für die Nachbarstadtteile. „Die autofreie Innenstadt darf zum Beispiel nicht dazu führen, dass vermehrt Kfz in den umliegenden Stadtteilen abgestellt werden und dort die lokalen Probleme zunehmen“, sagt etwa Karsten Seidel von der Grünen-Fraktion im Waller Beirat.

Sein Beiratskollege Jörg Tapking (Linke) macht auf die starke Belastung des Stadtteils Walle durch den Berufsverkehr aufmerksam: „Alleine in der Überseestadt gibt es 16 000 Arbeitsplätze. Daher sind alle Maßnahmen zu begrüßen, die Pendler dazu motivieren, das Kfz stehen zu lassen und den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Neben preiswerteren Tickets sollte auch der Waller Bahnhof attraktiver gemacht werden. Hier wünsche ich mir besser abgestimmte Anschlüsse für Bus und Bahn und bessere Möglichkeiten das Rad abzustellen. Sehr gut fände ich es, wenn die Züge von und nach Bremerhaven hier halten würden.“

Das Parken in Wohnquartieren ist ein wichtiges Thema, darin sind sich die Waller Ortspolitiker einig. Denn regelmäßig werden in ihrem Stadtteil Einsatzfahrzeuge durch – falsch – parkende Autos und Lieferwagen behindert. Und wer mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen auf Gehwegen unterwegs ist, hat es oft schwer, da vor allem in vielen kleinen Seitenstraßen Autos regelwidrig auf Rad- und Gehwegen aufgesetzt abgestellt werden.

In Einmündungen, vor Kitas und Schulen werde die Sicht durch parkende Kfz eingeschränkt und die Aufenthaltsqualität leide, sagt Nicoletta Witt (SPD): „Das Quartier rund um die Vegesacker Straße wird vom Autoverkehr dominiert, dabei könnte hier ein attraktives Stadtteilzentrum entwickelt werden. Es wird darauf zu achten sein, dass dieser Bereich gleichberechtigt für alle Verkehrsteilnehmer gestaltet wird.“

WES Walle Karl-Peters-Straße Autos aufgesetztes Parkaen

In vielen Straßen – nicht nur in Walle – blockieren aufgesetzt geparkte Autos Gehwege.

Foto: Roland Scheitz

Tapking und Seidel, die die Waller Stellungnahme ausführlich vorbereitet hatten, fordern außerdem, bei der Verkehrsplanung die Anliegen der Quartiersentwicklung in „Nach-Corona-Zeiten“ einzubeziehen. „Hierbei müssen auch Wechselwirkungen mit Wohnen und lokaler Ökonomie berücksichtigt werden“, hebt Seidel hervor. „Auch für die Entwicklung von Walle ist es wichtig, einen urbanen Mix zu erreichen, der den Aufenthalt im Quartier oder im Stadtteil erstrebenswert macht.“ Neben einer guten Infrastruktur seien weitere Voraussetzungen nötig, um das Einkaufen im Stadtteil zu fördern, so Seidel: „Hier schlagen wir das Modellquartier ‚Walle Central 2040’ vor. Das Amt für Straßen und Verkehr hat mit der Planung für den umgebauten Steffensweg eine erste bemerkenswert aufmerksame Planung vorgelegt.“

Jörg Tapking ergänzt: „Aus Klima-Erwägungen ist die ‚Stadt der Viertelstunde‘ auch mit dem VEP 2025 zu fördern. In diesem Kontext sollten urbane Produktionsstätten gefördert werden, um somit die Stadt der kurzen Wege zu ermöglichen. Handwerk und Dienstleistungen sollen wieder Bestandteil der Stadtviertel werden.“

„Wir begrüßen die Teilfortschreibung des Verkehrsentwicklungsplans und die damit eingeschlagene Verstärkung einer Strategie zu einer umfassenden Verkehrswende“, ist auch aus Gröpelingen zu hören. „Der Verkehrsentwicklungsplan ist immer auch ein Instrument, das Einfluss auf die soziale Spaltung oder den sozialen Zusammenhalt der Stadt hat“, schreibt die Gröpelinger Grünen-Fraktion in ihrem Entwurf zur Stellungnahme des Beirats. Aus diesem Grund wolle sie dazu anregen, „ausdrücklich den Aspekt des sozialen Zusammenhalts der Stadt auch im Verkehrsentwicklungsplan zu nennen.“ Unter anderem müsse auch in Wohnquartieren „ohne Fahrradlobby“ durch mehr Abstellplätze oder bessere und breitere Wege, die auch für Lastenfahrräder geeignet seien, der Radverkehr gefördert werden. Nach den positiven Erfahrungen mit der temporären Weserfähre, die seit einigen Jahren immer im Sommer zwischen Gröpelingen, der Überseestadt und Rablinghausen pendelt, regen die Gröpelinger außerdem ein engmaschiges Fährverkehrsnetz für Fußgänger und Radfahrer zwischen Vegesack, Gröpelingen, Lankenauer Höft, Überseestadt und City mit modernen, schnellen – am besten E-getriebenen – Fahrzeugen an, „um einen Teil des Pendlerverkehrs attraktiv abzufangen“.

Auch eine Fuß- und Radbrücke über den Holz-und Fabrikenhafen und einen Bahn-Haltepunkt am Halmerweg – eine einst von den Grünen initiierte langjährige Forderung aus dem Stadtteil – finden sich in der Stellungnahme. Was den Schwerpunkt Parken in Quartieren angeht, so würden auch die Gröpelinger Ortspolitiker mehr Kontrollen befürworten. Eine Besonderheit dort: Nachdem immer mehr Selbstständige als Lieferanten in der Logistikbranche tätig sind und mit eigenen Kleintransportern Touren fahren, werden immer mehr dieser Fahrzeuge auf Gröpelingens Straßen geparkt und versperren Geh- und Radwege. „Die Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplans muss praktikable Antworten auf diese Entwicklung beinhalten“, wollen sie deshalb fordern.

In Findorff sei schon in Bezug auf die 2014 zum VEP eingereichte Stellungnahme nicht wirklich ein Fortschritt erzielt worden, sagt Verkehrsausschusssprecher Ulf Jacob (Grüne): „Da würden wir gerne noch mal ansetzen und deutlich machen, dass da mehr an Umsetzung und Ergebnissen rauskommen muss.“ Insbesondere gehe es dabei um eine Wiederbelebung der in den 1960er-Jahren eingestellten Straßenbahn und um das Thema ÖPNV. Die Taktfrequenzen der Buslinien 25, 26, 27 und 28 etwa würden die Findorffer gerne erhöhen, so Jacob: „Gerade auch, wenn man einen Umstieg vom Auto erreichen möchte.“ Die Verbindung aus dem Ortsteilen Bürgerweide und Regensburger Straße zum Hauptbahnhof sei außerdem schlecht: Der Bus fährt von dort aus zunächst einmal im Kreis durch die Stadt. „Das dauert 25 Minuten, anstatt direkt den Nordausgang anzufahren“, kritisiert Jacob.

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