Nachhaltig reisen Verantwortung und Respekt gegenüber Ressourcen, Natur und Menschen – auch in der Ferne

Es ist schon längst kein Geheimnis mehr, dass der Massentourismus der Umwelt schadet. Wie man weit kommen und doch nachhaltig reisen kann, weiß Petra Thomas, Geschäftsführerin des „forum anders reisen“.
30.01.2019, 05:28
Lesedauer: 4 Min
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Von Jörn Hildebrandt

Nachhaltigkeit ist ein Wort, das vieles umfasst, wie Ökologie und Ökonomie, Management oder Lebensqualität. Nachhaltiges Denken und Handeln behält die Gegenwart stets im Blick auf die Zukunft im Auge – letztlich will es die Dauerhaftigkeit von Systemen garantieren. Im Bereich Tourismus hat der Begriff „nachhaltig“ inzwischen das Wort „sanft“ ersetzt. Doch was ist genau darunter zu verstehen? Wie reist es sich, wenn man nachhaltig unterwegs ist?

Wer eine Reise macht, ist unweigerlich in eine Folge zahlreicher Handlungsketten eingebunden: Transport zum Ziel und wieder zurück, aber auch Ernährung, Wohnung und Mobilität vor Ort bilden die wichtigsten Bereiche, zu denen zahlreichen Dienstleistungen und Produkte gehören. Was man in den einzelnen Teilbereichen einer Reise tun kann, um nachhaltig zu sein, darüber gab Petra Thomas, Geschäftsführerin des „forum anders reisen“ in der Reihe „Wissen um Elf“ im Haus der Wissenschaft Auskunft.

„Der nachhaltige Tourismus ruht auf vier Säulen“, sagt Petra Thomas, „er ist freundlich zur Umwelt und wirtschaftlich gerecht, er lässt die Einheimischen im Reiseland partizipieren, und er ist fair zu den Menschen.“ Als Gegenbild zur Nachhaltigkeit ragen die immer größer werdenden Kreuzfahrtschiffe heraus: Jedes Schiff verbraucht auf hoher See durchschnittlich pro Tag 150 Tonnen Schweröl, das mehr als 3500 mal so giftig wie PKW-Diesel ist. Die Menschen in den Anlegehäfen profitieren so gut wie gar nicht von den Landgängen der Kreuzschiff-Touristen, und die Arbeiter unter Deck schuften bei Niedriglöhnen meist sieben Tage die Woche bis zu zwölf Stunden täglich. „Und wenn in kürzester Zeit 20 000 Menschen von den Schiffen in Dubrovnik, Venedig oder auf Palma de Mallorca einfallen, verlieren auch diese Orte ihr Authentisches und sorgen bei weiten Teilen der lokalen Bevölkerung für Unmut“, sagt Petra Thomas. „Nachhaltig reisen heißt, dass man die wahren Verhältnisse vor Ort kennenlernt, und nicht nur Postkartenausschnitte.“

Klare Kriterien entwickelt

Um die vier Säulen standfest zu machen, hat das „forum anders reisen“ klare Kriterien entwickelt, die sich auf Anreise, Mobilität vor Ort, Unterkunft, Verpflegung und Gastronomie, Kultur und Verhaltensregeln beziehen. „Bereits bei der Wahl des Reiseziels sollte man sich überlegen, wie man dort wohnen will“, sagt Petra Thomas, „in gesichtslosen Bettenburgen an der spanischen Mittelmeerküste oder lieber in einem Bungalow mit Garten.“

Und bevor es überhaupt los geht, ist es gut, sich vorher über Land und Leute zu informieren, um sich auf die kulturellen Eigenheiten der Bevölkerung einzustellen. Dazu würden sich als Reiseführer der besonderen Art die Sympathiemagazine eignen, die über das Internet zu beziehen sind.

Bekanntlich ist Fliegen alles andere als nachhaltig: Flugzeuge erzeugen etwa 80 Prozent des gesamten CO2-Aufkommens im Tourismus, und je höher die Maschinen in die Lüfte aufsteigen, desto klimaschädlicher sind sie für die Atmosphäre. Petra Thomas empfiehlt deshalb, nur bei langen und weiten Reisen zu fliegen und bei einer Entfernung bis 800 Kilometer auf Flüge zu verzichten. „Als Faustregel kann gelten: Je weiter man weg ist, desto länger sollte man vor Ort bleiben.“

Alle Reiseveranstalter, die sich im „forum anders reisen“ zusammengefunden haben, informieren in ihren Katalogen oder auf ihren Webseiten darüber, wie viel CO2 bei jeder Reise in die Atmosphäre abgegeben wird. Nachhaltigkeit im Tourismus bedeutet vor allem auch, weniger CO2 zu emittieren, schließlich trage die Branche mit acht Prozent erheblich zum weltweiten CO2-Ausstoß bei.

Ist der Reisende dann am Ziel, lassen sich sanfte Wege des Tourismus einschlagen. Petra Thomas empfiehlt zum Beispiel: „Geben Sie der einheimischen Esskultur den Vorrang, indem Sie zum Beispiel auch auf Märkte gehen. Dort können Sie die Spezialitäten des Landes aus der Region genießen.“ Und indem man kleinere lokale Unterkünfte bevorzugt, kommt das Geld der heimischen Bevölkerung zugute – im Gegensatz zu vielen Ferienwohnungen, für die oft Menschen aus ihren Stadtteilen vertrieben werden, um aus ihren Wohnungen rentable Ferienunterkünfte zu machen. Auch große Hotelanlagen gehören meist ausländischen Investoren und bringen selten Geld zu den lokalen Leuten. Bei Souvenirs und in Restaurants kann jeder darauf achten, dass die Produkte fair gehandelt, nachhaltig oder biologisch zertifiziert sind.

Kultur vor Ort respektieren

Für jeden Reisenden sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, die Kultur vor Ort zu respektieren, indem man zum Beispiel auch bei heißem Wetter auf eine angemessene Kleidung achtet: An bestimmten religiösen Stätten verletzt Strandkleidung die Sitten. Und beim Fotografieren von Menschen gilt: Niemals ohne das Einverständnis der Leute Aufnahmen machen.

Das „forum anders reisen“ kooperiert inzwischen auch mit Einheimischen vor Ort. In Nepal hat es den ersten klimafreundlichen Treck initiiert, indem dort zwölf Lodges mit Photovoltaik-Anlagen ausgestattet sind und komfortable Unterkünfte bieten. Zwei Schulen in Dörfern entlang des Trecks machen Umweltbildungsprogramme.

Wer nachhaltig reist, geht nicht nur verantwortlich und respektvoll mit Ressourcen, der Natur und den Menschen vor Ort um, sondern hat auch selber etwas davon. „Solche Reisen haben eine hohe Qualität, sind von großem Erholungswert, und es kommt zu vielen Begegnungen auf Augenhöhe“, sagt Petra Thomas.

Info:

Zahlreiche weitere Informationen zum nachhaltigen Reisen finden sich im Internet unter https://forumandersreisen.de. Wer sich über fremde Länder informieren möchte, findet unter https://www.sympathiemagazin.de Reiseführer der besonderen Art mit dem Fokus auf Menschen und Kultur.

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