Transport zu gefährlich

Verbot für E-Scooter in Bus und Bahn

Seit 1. Januar ist die Beförderung von Elektromobilen in Bussen und Straßenbahnen untersagt. "Zu gefährlich", sagt ein Gutachter. Die Landesvertretung der Senioren spricht von Diskriminierung.
08.01.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Ralf Michel und Frauke Fischer
Verbot für E-Scooter in Bus und Bahn

Darf nicht mitfahren: Meta Finke mit ihrem E-Scooter an der Straßenbahnhaltestelle Sielwall.

Christina Kuhaupt

Der Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen hat seit dem 1. Januar die Beförderung von elektrischen Rollstühlen mit Lenker, sogenannten Elektromobilen, in Bussen und Straßenbahnen untersagt. Ein Gutachter habe diesen Transport als „zu gefährlich“ eingestuft. Die Landesvertretung der Senioren sieht in dem Verbot einen Affront gegen gehbehinderte Menschen und spricht von Diskriminierung.

Gerd Feller ärgert sich. Elektrische Rollstühle dürfen in Straßenbahnen und Bussen mit, Elektromobile seit dem 1. Januar nicht mehr. „Wer legt das fest?“, fragt der Sprecher der Landesseniorenvertretung. „Dafür müsste es doch feste Kriterien geben!“ Dass der Transport von Elektromobilen gefährlich sei, wie es in einem Gutachten des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmer heißt, will Feller auch nicht gelten lassen. „Mir sind in Bremen keine konkreten Unfälle bekannt.“

Hier entstehe der Eindruck, dass sich die Verkehrsbetriebe darauf geeinigt haben, aus Kostengründen nicht auf die Bedürfnisse von gehbehinderten Menschen einzugehen“, schimpft Feller. „Es muss intelligentere Lösungen geben als ein Verbot.“

Der Ärger von Gerd Feller geht auf eine Regelung zurück, die seit Jahresbeginn auch in Bremen gilt. Der Verkehrsverbund Bremen/Niedersachsen (VBN) hat die Beförderung von Elektromobilen, auch E-Scooter genannt, in Bussen und Straßenbahnen ausgeschlossen. E-Scooter würden wegen ihres hohen Gewichts und ihrer schlechten Manövrierfähigkeit eine Gefahr sowohl für deren Nutzer als auch für die anderen Fahrgäste darstellen, erklärt VBN-Pressesprecher Eckhard Spliethoff.

Eine Aussage, die auf ein Gutachten zurückgeht, das der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) bei einem Forschungsinstitut in Köln in Auftrag gegen hatte. Anders als Elektro-Rollstühle würden E-Scooter wegen ihrer Größe und der daraus resultierenden „stark eingeschränkten Manövrierfähigkeit auf engem Raum“ in Bussen meist quer zur Fahrtrichtung gestellt, heißt es in dem Gutachten. Daraus ergebe sich bei Bremsvorgängen eine erhöhte Kipp- und Rutschgefahr.

Auch die starke Behinderung anderer Fahrgäste im Türbereich führt das Gutachten gegen die E-Scooter ins Feld. Zudem würde die Nutzbarkeit der Mehrzweckbereiche in den Bussen für Rollstuhlfahrer, Rollatoren oder Kinderwagen behindert.

Petition in Köln

In Köln hat dieses Verbot postwendend zu einer Petition gegen die Kölner Verkehrsbetriebe geführt, und auch VBN-Sprecher Spliethoff weiß um die Sensibilität dieses Themas. An dem Verbot habe dennoch kein Weg vorbeigeführt, mehr noch, man sei geradezu dazu gezwungen gewesen. „Wir müssen die Betriebssicherheit in den Fahrzeugen sicherstellen“, betont er. „Wenn wir das wider besseren Wissens nicht tun, bekommt das Ganze schnell eine strafrechtliche Komponente.“ Dass es im Bereich des VBN bislang noch keinen konkreten Unfall gegeben habe, sei dabei kein Argument. „Wir können doch nicht warten, bis etwas passiert.“

Auf einen weiteren versicherungstechnischen Aspekt weist Jens-Christian Meyer hin, Sprecher der Bremer Straßenbahn AG. In Bremen gebe es seit Mitte der 1990er-Jahre Niederflurbusse mit Hubliften. Deren Betriebserlaubnis gelte aber ausschließlich für Rollstühle. Die Sicherheitsbedingungen seien sehr eng gefasst, betont Meyer. Selbst für Rollatoren seien die Lifte nicht zugelassen. Grundsätzlich bemühe sich die BSAG um Lösungen für Senioren und behinderte Menschen. Und dies in engem Kontakt mit den zuständigen Verbänden, sagt Meyer. Nicht von ungefähr sei bei der Inneneinrichtung der neuen Straßenbahnen und Bussen auf vergrößerte Freiflächen geachtet worden. „Und wenn es Probleme mit großen Rollstühlen gibt, vereinbaren wir mit den Betroffenen individuelle Termine, um zu schauen, ob es nicht doch irgendwie funktioniert.“ Bei den E-Scootern sei jedoch eine Grenze erreicht. „Darauf ist der ÖPNV einfach nicht ausgelegt.“

Meta Finke will sich mit solchen Argumenten nicht zufrieden geben. Die 79-Jährige bewegt sich seit 20 Jahren mit einem Elektromobil. 1979 wurde bei ihr MS diagnostiziert. Ihren Scooter lenkt sie sicher durch die Stadt und nutzt auch Busse und Bahnen. „Das Ein- und Aussteigen geht ruckzuck.“ Bis zum 17. Dezember. „An dem Tag hat sich ein Fahrer erstmals geweigert, mich mitzunehmen“, erzählt Meta Finke. Ab 1. Januar würde das Verbot ohnehin gelten, habe er gesagt. Angebliche Sicherheitsbedenken kann sie nicht nachvollziehen. „Das müsste dann ja auch für Rollstühle und Kinderwagen gelten. Haltestellen und Bahnen sind doch extra für diese Zwecke umgebaut worden“, weist sie auf die niedrigen Bordsteine und die Fahrzeugrampen hin.

Verunsicherte Fahrer

Dass auch Straßenbahnfahrer noch unsicher sind, für wen das Verbot gilt, zeigt sich, als Meta Finke an diesem Tag an der Haltestelle am Sielwall steht. Der Fahrer öffnet seine Kabinentür und fragt: „Ist das ein E-Scooter oder ein Rollstuhl?“ Als die Seniorin ihm erklärt, dass ihr Fahrzeug die Bezeichnung „E-Rollstuhl“ trage, fährt er die Rampe für Meta Finke herunter. Der Fahrer der nächsten Straßenbahn aber winkt beim Anblick des Fahrzeugs gleich ab. „Die nehmen uns nicht mit“, sagt ein Mann, der ebenfalls mit einem E-Scooter unterwegs ist. „Das ist eine Schweinerei.“

Wilhelm Winkelmeier von „SelbstBestimmt Leben“, eine Beratungsstelle für behinderte Menschen, sieht das Verbot differenziert. Die Barrierefreiheit in den Bussen und Bahnen der BSAG sei einfach nicht auf E-Scooter ausgerichtet, von daher habe er grundsätzlich sogar ein gewisses Verständnis für das Verbot. Anderseits würden behinderte Menschen gerade das Versicherungsargument häufig hören. „Da weiß man dann oft nicht, ob es um Spekulationen, wirkliche negative Erfahrungen oder doch ganz andere Dinge geht.“ Zudem müsse beachtet werden, dass die Zahl der älteren Menschen, für die gerade diese Elektromobile verbesserte Mobilität bedeute, zunehme. Deshalb müsse nach Lösungen gesucht werden.

Was in Nordrhein-Westfalen geschehen soll, weiß VBN-Mann Spliethoff zu berichten. Das Bundesland erwäge, ein weiteres Gutachten in Auftrag zu geben, das klären soll, ob und welche Elektromobile unter welchen Voraussetzungen ohne Gefahr befördert werden könnten.

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