Wichtiger Lebensraum

Verdener Dünen: Ein Biotop aus der Eiszeit

Die Verdener Dünen entstanden während der Eiszeit vor etwa 15.000 Jahren und sind seit 1930 Naturschutzgebiet. Das streng geschützte Gebiet ist Lebensraum von seltenen Pflanzen und Tieren.
01.06.2020, 05:00
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Verdener Dünen: Ein Biotop aus der Eiszeit
Von Andreas Becker
Verdener Dünen: Ein Biotop aus der Eiszeit

Das Dünengelände ist etwa 90 Hektar groß.

Björn Hake

Den Superlativ, die größte Binnendüne Europas zu sein, können die Verdener Dünen nicht verbuchen. Die liegt nämlich bei Klein-Schmölen im Naturpark Mecklenburgisches Elbetal und ragt 43 Meter in die Höhe. So hoch wollen die Verdener Dünen bei weitem nicht hinaus. Trotzdem erfreut das streng geschützte Gebiet in Neumühlen die Besucher mit seltenen Pflanzen und Tieren. Denn die eiszeitliche Sandfläche bietet einer spezialisierten Flora und Fauna einen wichtigen Lebensraum.

Nach Auskunft von Antje Mahnke-Ritoff von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Verden sind die Rücksichtnahme der Besucher und regelmäßige Pflegearbeiten entscheidend für das Überleben der typischen Pflanzenarten, die sich auf einen derart nährstoffarmen Sandboden spezialisiert haben, etwa Sandsegge, Silbergras und verschiedene Flechtenarten.

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Diese Arten könnten den Sand besiedeln, dazu seien nur wenige in der Lage. Ohne Pflege würden die offenen Bereiche immer weiter zuwachsen, und die typischen Pflanzen würden verschwinden. Deshalb müssten die wuchernden Kiefern und Birken regelmäßig entfernt werden. Auch die Tierwelt in der Dünenlandschaft sei extrem an den Lebensraum angepasst.

„In den Dünenrandbereichen haben sich neben Nadelholzforsten wertvolle, heute sehr seltene, nicht forstwirtschaftlich genutzte lichte Eichenmischwälder aus alten, häufig mehrstämmigen, mitunter brüchigen Bäumen und liegendem Totholz entwickelt, die aus Artenschutzsicht eine hohe Bedeutung haben“, heißt es in einer Verordnung des Landkreises zum Naturschutzgebiet. Dadurch verfüge das Schutzgebiet zudem „über ausgesprochen komplexe, eng ineinander verzahnte Biotopstrukturen und eine besondere Eigenart und Schönheit“.

Den guten Zustand der Dünen wiederherstellen

Das etwa 90 Hektar große Dünengelände ist nicht nur seit vielen Jahren FFH-Gebiet (Flora-Fauna-Habitat), sondern mittlerweile auch als Naturschutzgebiet eingestuft. Damit hat der Landkreis die Aufgabe, den guten Zustand der Dünen wiederherzustellen, der laut eines Gutachtens in den vergangenen Jahren durch eine unkontrollierte Begehung stark gelitten hat. Die Biologin weist ausdrücklich darauf hin, dass die Flächen dringend eine Erholung von den Besuchern bräuchten. "Große Teile sind zurzeit zu stark zertreten, Silbergras- und Sandsegge können sich auf diesen Flächen nicht ansiedeln, Brutröhren von seltenen Wildbienen werden zerstört“, betont Mahnke-Ritoff. Außerdem gebe es dort ein kleines Müll-Problem: Abfälle, Glassplitter und vermüllte Feuerstellen seien in den Dünen keine Seltenheit.

Ein Naturschutzgebiet darf beispielsweise nur auf den Wegen betreten werden. Das gilt auch für Hunde. Die Vierbeiner müssen ebenfalls auf den Wegen bleiben. Zudem müssen sie während der Brut- und Setzzeit, also vom 1. April bis zum 15. Juli, grundsätzlich in der freien Landschaft angeleint geführt werden. „Wir wollen die Leute nicht ausschließen, sondern den Zugang so regeln, dass die Besucher auf den Wegen bleiben“, betont Mahnke-Ritoff. Das Problem mit freilaufenden Hunden sei, dass sie die heimische, überwiegend seltene Tierwelt beeinträchtigten. „Viele Hunde buddeln im Sand. Dabei stören sie die Sandinsekten, die dort ihre Röhren bauen“, erzählt sie.

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Damit die Naherholung für die Besucher aber dennoch nicht zu kurz kommt, haben die Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Verden den öffentlich zugänglichen Erlebnisweg angelegt. Der durch Pfähle markierte Weg quert von der Aussichtsplattform aus das Dünengebiet bei Neumühlen. Insgesamt vier Info-Tafeln sind entlang des Erlebnisweges montiert. Sie informieren über die Entstehungsgeschichte der Verdener Dünen, über ihre Tier und Pflanzenwelt sowie über die notwendigen Erhaltungs- und Pflegearbeiten. Darüber hinaus weisen drei weitere Tafeln die Besucher an den Eingängen auf dieses besondere Biotop hin.

"Ziel des Erlebnisweges ist es, den Menschen das Erleben dieser einmaligen Dünenlandschaft zu ermöglichen und sie zu informieren. Gleichzeitig möchten wir darauf aufmerksam machen, wie empfindlich dieser Lebensraum doch eigentlich ist“, sagt Antje Mahnke-Ritoff. Neben den Insekten gibt es in dem Gebiet noch andere Tiere, die streng geschützt sind. So ist die Heidelerche eine seltene Art, die in den Verdener Dünen vorkommt und als Bodenbrüter empfindlich auf Störungen reagiert. Auch die Pflanzenwelt im Dünengebiet sei außergewöhnlich, sagt Antje Mahnke-Ritoff. Neben einem alten und wertvollen Bestand alter Eichen- und Buchenwälder, Erlen und Eschen seien Silbergras und Sandseggen typischer Bewuchs der nährstoffarmen Gegend.

Als Sandaufwehungen während der Eiszeit entstanden

„Die meisten Binnendünen sind bereits zerstört. Teilweise wurden sie überbaut oder durch Sandabbau abgetragen“, sagt die Expertin. Entstanden sind die Binnendünen während der Eiszeit als Sandaufwehungen am Rand von größeren Flüssen. Wegen ihrer besonderen Bedeutung für das Landschaftsbild und ihrer Seltenheit sind Binnendünen als Naturschutzgebiete streng nach europäischem Recht geschützt und dürfen nicht beeinträchtigt werden. Großflächige Abgrabungen für den Siedlungs- und Straßenbau sowie die seit dem 19. Jahrhundert sprunghafte Ausdehnung des Spargelanbaus sowie die allgemeine Zersiedelung und Verbauung der Landschaft haben in den vergangenen Jahrhunderten zu einem spürbaren Rückgang des seltenen Biotoptyps geführt.

Die Gefährdung ist dabei in Deutschland regional unterschiedlich. Während es im dünnbesiedelten und sandreichen Brandenburg noch zahlreiche Trockenbiotope auf Dünen gibt, gelten sie andernorts als extrem bedroht. Die durch ihre Beschaffenheit besonders beeindruckenden Verdener Dünen sind laut Antje Mahnke-Ritoff sowohl Naturschutzgebiet als auch besonders wertvoller Lebensraum.

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Entstanden sind die Verdener Dünen, wie auch Binnendünen generell, während der Eiszeit, also vor etwa 15.000 Jahren. Die Sandfläche ist Teil eines ausgeprägten Dünenstreifens am Rande des Aller-Urstromtals und der Achim-Verdener Geest. Die Dünen selbst sind nur schwach bewachsen, allerdings von einem Wald- und Gebüschstreifen gesäumt. Die Erkenntnis, dass es sich bei dem Gebiet um ein schützenswertes handelt, ist nicht neu.

Naturschutzgebiet seit 1930

Bereits 1930 wurden die Verdener Dünen auf Anregung des deutschen Botanikers und Pflanzensoziologen Reinhold Tüxen zum Naturschutzgebiet erklärt und sind damit das älteste Naturschutzgebiet im Landkreis Verden. In der damaligen Verordnung vom 24. April 1930 wird die Größe des Geländes mit 15,6 Hektar angegeben. Erste Schutzbemühungen hätten aber schon Mitte der 1920er-Jahre begonnen, so die Quellen. Damals befürchteten Experten, dass Sandabbau und Aufforstung zum Verschwinden der Dünenlandschaft führen könnte. Reinhold Tüxen erstellte 1928 ein Gutachten, in dem er die überregionale Bedeutung des damals noch wandernden Dünengebiets hervorhob.

Die besondere Faszination hat sich seit damals nicht verändert. Denn aufgrund ihrer landschaftlichen Schönheit und Besonderheit sind die Verdener Dünen niedersachsenweit von besonderer Bedeutung. „Eine Dünenlandschaft in dieser Größe und direkt in der Stadt gibt es sonst nicht“, ist Mahnke-Ritoff überzeugt.

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