Im Bremer Westen geht die Zahl der Pächter zurück Verein bietet Parzelle zum Testen an

Bremen. Die Zahl der Kleingärtner, vor allem im Bremer Westen, ist rückläufig. Der Gröpelinger Verein Am Mittelwischweg hat sich deshalb etwas Besonderes ausgedacht: Er bietet seit diesem Wochenende eine sogenannte Schnupperparzelle an.
13.05.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Verein bietet Parzelle zum Testen an
Von Max Polonyi

Bremen. Eine Parzelle im Grünen ist für manche Stadtbewohner ein Ersatz für den fehlenden Garten. Doch die Zahl der Kleingärtner, vor allem im Bremer Westen, ist rückläufig. Der Gröpelinger Verein Am Mittelwischweg hat sich deshalb etwas Besonderes ausgedacht: Er bietet seit diesem Wochenende eine sogenannte Schnupperparzelle an, auf der jeder herausfinden kann, ob er das Zeug zum Kleingärtner hat.

Lennart ist auf den Pflaumenbaum geklettert. Geschickt hangelt sich der vierjährige Junge von Ast zu Ast, die Blätter rascheln, Zweige knacken. Was ihm hier im Garten am meisten gefällt? "Die Kletterbäume", ruft er aus schwindelerregender Höhe. "Und das Hochbett."

Anita Mayer ist Lennarts Mutter. Die Physiotherapeutin aus Gröpelingen hat gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern eine sogenannte Schnupperparzelle im Kleingartenverein Am Mittelwischweg gemietet. Ein Wochenende lang wollen sie auf dem 600 Quadratmeter großen Grundstück ausprobieren, ob in ihnen ein Kleingärtner steckt. Zwischen Himbeer- und Johannisbeersträuchern, Obstbäumen und einem Kartoffelacker hoffen sie, "dem Stadtlärm zu entkommen und einfach mal faulenzen zu können", sagt Anita Mayer. Sie sind die ersten, die das Angebot des Vereins angenommen haben.

Die Schnupperparzelle ist ein Projekt, das sich Elfriede Krieshammer und Angelika Senktiel vom Kleingartenverein Am Mittelwischweg ausgedacht haben. Die Idee dazu kam Krieshammer bei einem Urlaub auf einer Cowboy-Ranch im Harz. "Da haben wir für ein paar Tage Wild-West-Luft geschnuppert. Ich dachte mir: Warum gibt es so etwas nicht auch für Kleingärten?"

Die Testparzelle können Interessierte für einige Tage mieten, ohne Mitglied im Verein werden zu müssen. In der 26 Quadratmeter großen Laube, ein aufgebockter und renovierter amerikanischer Wohnwagen, ist Platz für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Gekocht wird auf einem Elektroherd in der kleinen Küche, geschlafen wird in zwei Hochbetten und auf einer ausziehbaren Couch.

Im Prinzip erinnert vieles an ein Ferienhaus, außer der Mietpreis. Der beschränkt sich auf die Stromkosten und eine Nutzungsgebühr. "Wir wollen mit der Parzelle kein Geld verdienen", sagt Angelika Senktiel: "Jeder soll es sich leisten können, hier ein paar Tage zu verbringen und herauszufinden, ob das Kleingärtnern zu ihm passt. Ohne Verträge, ohne Verpflichtungen."

Verträge und Verpflichtungen hielten Familie Mayer bisher davon ab, Mitglied in einem Kleingartenverein zu werden und eine eigene Parzelle über das ganze Jahr zu pachten. "Wir spielen schon länger mit der Idee. Aber man weiß ja nie, ob man so einen Garten dann auch wirklich nutzt. An diesem Wochenende auf der Schnupperparzelle können wir uns das Kleingärtnerleben mal anschauen, ohne uns zu binden", sagt Anita Mayer.

Und wenn Familie Mayer sich entscheiden sollte, das Kleingärtnerleben dauerhaft zu führen, dann hat die Schnupperparzelle ihren Dienst getan. Denn manche Kleingartenvereine, besonders im Bremer Westen, leiden unter Mitgliederschwund. Leerstehende und verwilderte Parzellen, für die sich keine neuen Nutzer finden, werden zu Streuobst- oder Blumenwiesen umfunktioniert. Dietmar Klepatz, Geschäftsführer des Landesverbandes der Gartenfreunde Bremen, sieht die Ursachen dafür auch im demografischen Wandel: "In den 80er- und 90er-Jahren war noch alles in Ordnung, aber jetzt? Die Alterung der Gesellschaft, all die konkurrierenden Freizeitangebote, die Ablenkungen im Fernsehen halten die Menschen davon ab, sich einen Kleingarten zu nehmen. Die Folge ist, dass wir im Moment einen deutlichen Überhang an Kleingärten haben." 18000 Parzellen gibt es in Bremen und Bremerhaven. "Für ein Bundesland dieser Größe ist das über die Maßen viel", so Klepatz.

Konstante Zahl an Pächtern

Rolf Heide, erster Vorsitzender des Kleingartenvereins Am Mittelwischweg kann sich über einen Mangel an Mitgliedern derzeit nicht beklagen. "Die Zahl der Pächter in unsererm Verein ist schon seit Jahren relativ konstant", sagt er. "Wir haben hier 310 Parzellen, davon sind 270 vergeben." Trotzdem wolle man weiter um neue Mitglieder werben, "gerne junge Leute, die aus der Stadt kommen und hier mal ausspannen wollen."

Über den Sommer habe man schon über zehn Anfragen, viele wollten den Garten auch für längere Zeit mieten. "Manche möchten während der Sommerferien gleich zwei bis drei Wochen bleiben, das geht natürlich auch", sagt Heide. Denn auch wenn es auf einem so großen Grundstück immer etwas zu tun gibt, "arbeiten muss hier niemand", erklärt er. Allerhand Gartenwerkzeug steht aber trotzdem in einem kleinen Schuppen neben der Laube bereit. Denn wer sich so eine Parzelle mietet, "der sollte auch ein wenig Lust auf Gartenarbeit haben", meint Heide.

Anita Mayer jedenfalls steht schon mit hochgekrempelter Hose im Beet. "Da haben wir bis Sonntag noch ein bisschen was zu tun", sagt sie und lacht. "Und wenn das Wetter nicht mitspielt, haben wir uns auch noch einen kleinen Fernseher mitgebracht."

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