Trans-Recht

Verein fordert mehr geschlechterneutrale Toiletten in Bremen

An Bremer Hochschulen und Schulen gibt es inzwischen immer mehr geschlechterneutrale Toiletten, also Räume, die von allen Menschen genutzt werden können. Etabliert hat sich das aber in Bremen noch nicht.
02.02.2020, 19:56
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Verein fordert mehr geschlechterneutrale Toiletten in Bremen
Von Lisa-Maria Röhling
Verein fordert mehr geschlechterneutrale Toiletten in Bremen

Tür einer geschlechterneutralen Toilette. In Bremen gibt es nach Ansicht des Vereins Trans-Recht zu wenig davon.

Alessandro Della Valle

Was in Zügen und Flugzeugen die wenigsten stört, sorgt in unzähligen öffentlichen Gebäuden immer wieder für Diskussionen. Dabei gibt es sogenannte geschlechterneutrale Toiletten, die alle Menschen benutzen können, inzwischen an immer mehr Hochschulen, Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen bundesweit. Für die Betroffenen reichen sie in Bremen aber noch längst nicht aus.

Der Verein Trans-Recht setzt sich in der Hansestadt gegen die Diskriminierung von Trans- und Interpersonen ein. Also Menschen, die sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht oder mit der Zuordnung „männlich“ oder „weiblich“ identifizieren. In Bremen habe sich das WC für alle in bestimmten Einrichtungen, bei denen Frauen- oder Transrechte im Mittelpunkt stehen, etabliert, sagen die Vereinsmitglieder.

Das Prinzip ist bei vielen gleich: Ein separater Raum mit nur einer Toilette kann von allen Menschen genutzt werden. Andernorts hingegen wird die alte Beschilderung abgenommen und mit neuen Symbolen ersetzt, die mehr oder weniger die Ausstattung der Toilette beschreiben: Pissoirs, Einzelkabinen oder Wickeltisch steht dann außen notiert. Ein ähnliches Experiment hatte die Bremische Bürgerschaft im vergangenen Sommer im Haus der Bürgerschaft gewagt: Eine Woche vor dem Umbau wurden die Toilettenschilder ersetzt, fortan war dort „WC mit Urinal“ oder „WC ohne Urinal“ zu lesen. Ob das nach Abschluss der Bauarbeiten so bleiben wird, ist bisher unklar.

Zu wenig Toiletten in öffentlichen Gebäuden

Genügend Toiletten dieser Art gibt laut Trans-Recht aber nicht: Der Verein vermisst die Toiletten vor allem in öffentlichen Gebäuden wie Ämtern, Gerichten, Schulen oder Universitäten. Dabei findet der Verein, dass diese Toiletten extrem wichtig sind: „Viele Menschen, deren Geschlecht nicht mit dem ursprünglich zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, sind täglich unsicheren und diskriminierenden Situationen ausgesetzt. Das betrifft leider auch sehr häufig den Toilettengang.“

Besonders trans-weibliche Personen, also Personen, die sich als Frauen identifizieren, seien gefährdet. Laut Trans-Recht zeigen verschiedene Erhebungen, dass sie immer wieder verbalen, körperlichen oder sexuellen Attacken ausgesetzt sind. Besonders schlimm sei die Situation, wenn sie beispielsweise einen Migrationshintergrund oder eine Behinderung haben oder aus einem ärmeren Umfeld stammten.

Lesen Sie auch

Wenn die Betroffenen also eine Toilette benutzen können, bei der nicht explizit „männlich“ oder „weiblich“ an der Tür steht, sorge das zunächst einmal für Sicherheit, sagen die Mitglieder von Trans-Recht. Auch Diskussionen im Waschraum oder in der Toilettenschlange ließen sich so vermeiden. Kurzum: „Damit wird diskriminierenden Situationen vorgebeugt.“ Insbesondere aber helfen die Räume, die Bedürfnisse von Transpersonen oder Menschen, die sich keinem der beiden biologischen Geschlecht zuordnen, sichtbar zu machen und zu legitimieren. So werde ein Bewusstsein geschaffen, dass „Gender“ eben nicht männlich und weiblich bedeute, sondern vielmehr ein „fließendes Spektrum“ sei, sagt der Verein. „Diese Toiletten setzen ein deutliches Zeichen, dass Trans- und Inter-Personen da sein dürfen.“

Die geschlechtsneutralen Toiletten sind in Bremer Bildungseinrichtungen auf dem Vormarsch: Die Hochschule beispielsweise hat drei dieser WCs am Campus am Neustadtswall. „Es gibt eine gesellschaftliche Entwicklung, der wir Rechnung tragen“, sagt Sprecher Ulrich Berlin. Ob es künftig mehr werden, ist noch unklar, allerdings gebe es in Neubauten Potenzial dafür. Die Universität verfügt über fünf genderneutrale Toiletten, die erste entstand Anfang der 2000er-Jahre bei einem Kunstprojekt. Zwei der WCs sind barrierefrei konzipiert, zwei weitere liegen in der Nähe eines großen Veranstaltungsraumes und würden entsprechend viel genutzt, sagt eine Uni-Sprecherin.

Zugang nur mit Schlüssel

Auch an einigen Schulen gibt es inzwischen nach Angaben der Bildungsbehörde sogenannte Unisex-Toiletten: Die Schule Osterholz entschied sich vor eineinhalb Jahren für diese WCs, weil die vorherigen Klos oft verschmutzt waren und deswegen von Schülerinnen und Schülern gemieden wurden. Die Alternative sind nun Toilettenkabinen, die nur mit einem Schlüssel geöffnet werden können und für alle Kinder jeweils einer Klasse nutzbar sind. Zusätzliche Toiletten für die Pausen sind ebenfalls geschlechterneutral.

Das hat sich die Schule am Alten Postweg zum Vorbild genommen, dort gibt es seit Sommer 2018 Unisex-Toiletten. „Die Rückmeldungen der Schulen und Eltern sind positiv“, sagt Behördensprecherin Annette Kemp. Eine Vorgabe für die Schulen gebe es allerdings nicht, solche Toiletten einzurichten. Bei Neu- und Umbauten werde aber mit geschlechtergetrennten Toiletten geplant, bei denen es gemeinsam genutzte Vorräume gibt. „Bei gut begründeten und von den schulischen Gremien getragenen Konzepten in Bezug auf die Einrichtung von Unisex-Toiletten besteht grundsätzlich Offenheit, dies zu diskutieren“, sagt Kemp. Jede Entscheidung sei aber vom Einzelfall abhängig.

Info

Info

Zur Sache

Männlich, weiblich, divers

Die Bezeichnung „drittes Geschlecht“ ist eigentlich keine korrekte Beschreibung für den Begriff divers. Denn mit der Option „divers“ wird Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zuordnen, seit Ende 2018 eine Möglichkeit gegeben, auf einen solchen spezifischen Geschlechtseintrag in offiziellen Dokumenten zu verzichten. Das ist insofern entscheidend für die Betroffenen, weil äußere Geschlechtsmerkmale also ausdrücklich nicht über ihre Identität entscheiden. Nach Angaben der Vereins Trans-Recht werden in der heutigen Zeit „Genderempfindung und -rollen immer feiner und fließender“. Deshalb wagten immer mehr Menschen ein Coming-Out als Trans- oder Interpersonen: „Dabei bewegen sich nicht alle Personen auf einem binären Spektrum von männlich und weiblich“, erklärt der Verein, „sondern verorten sich selbst als nicht-binär oder agender, lehnen also gängige Rollenerwartungen, die an ein spezifisches Gender gebunden sind, ab.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+