Nach 114 Jahren Umzug vom Ostertor nach Schwachhausen / Mieter in der Luisen- und Schildstraße beunruhigt Verein für Blinde verkauft Immobilien

Ostertor·Schwachhausen. Der Verein für Blinde, seit 1896 im Ostertor ansässig, hat sich von seinem Immobilienbesitz getrennt. Die Begegnungsstätte wird vom Sielwall nach Schwachhausen umziehen, in das Gebäude der bisherigen AWO-Begegnungsstätte Sparer Dank, Biermannstraße 15, das der Verein gekauft hat.
17.01.2011, 05:00
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Von niels Kanning

Ostertor·Schwachhausen. Der Verein für Blinde, seit 1896 im Ostertor ansässig, hat sich von seinem Immobilienbesitz getrennt. Die Begegnungsstätte wird vom Sielwall nach Schwachhausen umziehen, in das Gebäude der bisherigen AWO-Begegnungsstätte Sparer Dank, Biermannstraße 15, das der Verein gekauft hat.

"Das ist eine Verbesserung", sagt Vereinsgeschäftsführer Herrmann Slawik. Weniger begeistert sind einige Mieter in der Luisen- und der Schildstraße. Sie erhielten Anfang Dezember die schriftliche Mitteilung, dass ihr Vermieter, bisher der Verein für Blinde, die Immobilien verkauft hat.

Neue Besitzerin mehrerer Häuser in der Luisenstraße und der Schildstraße ist die Imogrund Beteiligungs- und Grundstücksgesellschaft mbH & Co. KG mit Sitz an der Schwachhauser Heerstraße 43. Diese Firma tritt in die bestehenden Mietverträge ein. Die Wohnungsmieter, unter ihnen Studenten, die moderate Mieten im begehrten Ostertor bezahlen, befürchten nun, dass höhere Mieten auf sie zukommen.

Der Verein für Blinde ist kein Selbsthilfeverein und nicht zu verwechseln mit dem Blinden- und Sehbehindertenverein Bremen. Die Geschichte des Vereins für Blinde hat Ende des 19. Jahrhunderts begonnen. Der Verein verfolgt karitative Zwecke und war Träger der 1896 gegründeten Blindenanstalt Bremen. Herrmann Slawik:"So heißen wir immer noch."

Bis in die 1970er-Jahre betrieb der Verein im Karree zwischen Sielwall, Luisen- und Schildstraße eigene Blindenwerkstätten mit Besenbinderei, Korbflechterei und Bürstenmacherei. Einige der blinden Arbeiter wohnten in den angrenzenden Wohnungen, die heute nicht mehr modernen Standards entsprechen. Mit Schließung der Werkstätten zogen nach und nach andere Mieter in die Häuser ein. Was blieb, war die Begegnungsstätte Am Sielwall 27. In diesem Treffpunkt für sehbehinderte und blinde Menschen finden regelmäßige Angebote und Kurse statt.

Seine vordringliche Aufgabe sieht der Verein für Blinde seit jeher darin, blinden und sehbehinderten Menschen sowie deren Angehörigen individuelle Hilfen und Informationen zu geben. Was die Arbeit in der Begegnungsstätte Am Sielwall aber bis heute beeinträchtigt, ist das mehrstöckige Gebäude selbst - es hat Treppen und ist nicht behindertengerecht ausgebaut.

Viele Besucherinnen und Besucher sind altersblind, außerdem auf Rollstuhl oder Gehhilfen angewiesen. Gerade diesem Personenkreis wird es im neuen Domizil viel leichter gemacht. Die ebenerdige Begegnungsstätte Sparer Dank sei behindertengerecht, betont Herrmann Slawik. Schon jetzt nutzt der Verein das Haus an der Biermannstraße für seine PC-Kurse. Ende Februar soll der Umzug bewältigt sein. Durch den Einzug des Vereins für Blinde werde die bestehende Begegnungsstätte in Schwachhausen "noch besser ausgelastet", freut sich Slawik. Auch das Büro des Vereins wird nach Schwachhausen verlegt. Die Arbeiterwohlfahrt bleibe weiterhin Mitnutzer der Räumlichkeiten, daran ändere sich nichts.

Der Verein für Blinde ist gemeinnützig, er hat keine Mitglieder, sondern nur einen Vorstand. Er finanziert sich auch durch Mieteinnahmen. Beschäftigt werden zwei hauptberufliche Mitarbeiter, Geschäftsführer Slawik und Begegnungsstättenleiterin Barbara Kunert sowie diverse Honorarkräfte. Vereinsvorsitzender ist der Rechtsanwalt und Notar Gerhard Lohfeld. Wie viele Immobilien der Verein im Ostertor denn verkauft hat, darüber macht Lohfeld keine Angaben. Die Häuser in der Luisenstraße und in der Schildstraße und das Gebäude am Sielwall gelten als sanierungsbedürftiger Altbestand. Manche Wohnungen unterlägen noch der Wohnungsbindung, hieß es. Diese früher sogenannten Sozialwohnungen dürfen nur zu konkreten Mietbedingungen an Berechtigte vermietet werden. Diese Wohnungsbindung soll aber 2012 auslaufen.

Die neue Besitzerin seit dem 1. Januar 2011, die alteingesessene Imogrund Beteiligungs- und Grundstücksgesellschaft mbH & Co. KG, ist seit 1982 mit dem Erwerb, der Sanierung und dem Verkauf von Wohnimmobilien beschäftigt. Das Unternehmen hat im Laufe seiner Geschäftstätigkeit neben Einfamilienhäusern und Eigentumswohnungen auch größere Mietobjekte privatisiert, die von Versicherungsgesellschaften übernommen wurden. Es handelt sich insgesamt um mehr als 8000 Einheiten.

Häuser werden inspiziert

In einer schriftlichen Stellungnahme teilt die Imogrund mit: "Kein Mieter ist in der ganzen Zeit irgendwann von uns bedrängt worden, seine Wohnung zu verlassen, da wir diese veräußern wollen. Auch diese jetzt vom Verein für Blinde übernommenen Mieter werden im Mietverhältnis weitergeführt. Dass wir auf Sicht einiges an den Objekten tun müssen und sich hieraus im Laufe der Zeit auch die Miethöhen verändern werden, ist nicht zu vermeiden. Die Investitionen müssen finanzierbar sein." In Sachen Hausverwaltung arbeitet die Imogrund langjährig mit der Firma "Die Böttcherstraße GmbH" zusammen, einer hundertprozentigen Tochter der Sparkasse Bremen. Die neue Hausverwaltung hat den Mietern in der Luisen- und Schildstraße schriftlich die neuen Ansprechpartner genannt - auch für technische Anliegen. Die Imogrund will im Frühjahr die Häuser inspizieren und feststellen, wo Bedarf ist.

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