Spendenbetrug in Bremen Verein steht seit Jahren unter Verdacht

Bremen. Vor dreieinhalb Jahren hat ein Bremer Staatsanwalt zwei Vorsitzende eines Vereins festnehmenlassen. Denn er hat den Verdacht, dass Spenden veruntreut worden sind. Seitdem wird noch immer ermittelt, ohne, dass Anklage erhoben worden ist.
20.11.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Verein steht seit Jahren unter Verdacht
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Ein Verein, der im großen Stil Spenden sammelt, um herzkranken Kindern aus Afrika zu helfen. Ein Staatsanwalt, der diesem hehren Ansinnen nicht traut, Betrug wittert, und die beiden Vereinsvorsitzenden festnehmen lässt. Dreieinhalb Jahre ist das her, und man weiß nicht, was der eigentliche Skandal ist: Dass möglicherweise Spenden veruntreut wurden oder dass nach so langer Zeit immer noch ermittelt wird, ohne Anklage zu erheben.

Der Bremer Verein heißt "West African German Project" und ist im Grunde ein Familienunternehmen - Frau, Mann und Sohn. Die drei erzählen eine Geschichte: Dass die Frau nach dem Tod ihres Vaters geerbt hat und mit dem vielen Geld zusammen mit ihrem Sohn ein Hotel eröffnen wollte - weit weg, in Gambia. Dass sie dann aber sehen musste, wie viel Elend dort herrscht, vor allem im medizinischen Bereich. Schnell gab es daraufhin einen neuen Plan: Kein Hotel mehr, sondern eine Klinik, "The Gambia Bremen Clinic".

Kurz zuvor hatte die Frau in Gambia ihren Mann kennengelernt, einen Arzt, der nun mithalf, die Klinik aufzubauen. Schnell wurde dafür frisches Geld benötigt, es gab Spendenanrufe, unter anderem in dieser Zeitung.

Damals tauchte das erste Mal der Name "West African German Project" auf, später dann immer wieder, als das Ehepaar, das unterdessen nach Deutschland zurückgekehrt war und in Bremen lebte, um Spenden bat. Zu dem Zeitpunkt nicht mehr allein für die Klinik in Gambia, sondern für Kinder, die schwer herzkrank waren und denen die Reise nach Deutschland und eine Operation ermöglicht werden sollte.

Sie hießen Raphaela, July oder Amie Njie - Kinder, denen im Klinikum Links der Weser geholfen werden konnte. Die Kosten beliefen sich zusammen mit Reise, Unterkunft und Nachsorge jeweils auf einen satten fünfstelligen Betrag. Trotzdem machte es dem Verein offenbar wenig Mühe, die Summen aufzubringen. Das Schicksal der Kinder rührte die Menschen, sei gaben gern, und sie gaben viel.

So viel, dass ordentlich was übrigblieb - glaubt die Staatsanwaltschaft. Sie hatte einen Tipp bekommen und schlug sofort zu: Das Ehepaar wurde festgenommen, Fluchtgefahr, sagten die Ermittler.

Eben noch für ihr Engagement bewundert und nun plötzlich hinter Gittern. Der Vorwurf: Gemeinschaftlicher Betrug, begangen in der Zeit zwischen Juli 2006 und Februar 2008. Damals sei ein Großteil der Spenden in private Kanäle geflossen, sagte die Staatsanwaltschaft. Die Beschuldigten seien darauf aus gewesen, sich auf diesem Wege "eine nicht nur vorübergehende Einnahmequelle zu verschaffen".

Das Ehepaar wurde nach kurzer Zeit aus der Haft entlassen, und das war es dann, denn passiert ist seitdem: nichts. "Das Verfahren läuft noch", sagt die Staatsanwaltschaft. Auf die Frage, warum die Ermittlungen so lange dauern, hat die Behörde zunächst einmal keine Antwort, später räumt sie ein, dass etwas schief gelaufen ist, "die Akte ist außer Kontrolle geraten".

Akte verschwunden

Zeitweise seien die Unterlagen sogar verschwunden gewesen, eine dicke Akte, die dann mühsam rekonstruiert werden musste, bis sie im Original plötzlich doch wieder da war. Nun sei bald mit dem Abschluss des Verfahrens zu rechnen, sagt der Behördensprecher, mit welchem Ausgang, lässt er offen.

Dreieinhalb Jahre, eine lange Zeit, und was macht der Verein inzwischen, gibt es ihn überhaupt noch?

"Ja", sagt Matthew A., "uns gibt es noch." Der Arzt und Mitgründer von "West African German Project" ist sich genauso wie seine Frau keiner Schuld bewusst. Sie seien fälschlich beschuldigt worden. "Wir sind damals aus allen Wolken gefallen." Für seine Frau sei das ein traumatisches Erlebnis gewesen - erst helfe sie, gebe ihre Erbschaft her und kümmere sich um Spenden, um dann als Betrügerin gebrandmarkt zu werden. "Als Afrikaner habe ich viel gelernt", sagt der Mann aus Gambia, "es hieß immer, es gebe Gerechtigkeit in Deutschland, und dass man nichts befürchten müsse. Das haben wir anders erlebt."

Der Verein unterhalte weiter Kontakte nach Afrika, habe aber seit Beginn der Ermittlungen "keinen Cent" mehr an Spenden eingenommen, versichert Matthew A. "Wir fangen damit an, wenn es wieder einen Fall gibt" - ein herzkrankes Kind, das zur Operation nach Bremen geholt werden soll. Trotz der Vorwürfe hat der Verein nach eigenen Angaben seine Gemeinnützigkeit behalten.

Recherchen unserer Zeitung haben ergeben, dass "West African German Project" in der Vergangenheit mindestens in einem Fall mit falschen Angaben operiert hat. Es ging dabei um den Aufbau eines Herzzentrums in Gambia und konkret um die Anschaffung eines Echokardiografen. Wieder wurde um Spenden geworben, mit dem Hinweis dieses Mal, dass es schon eine ordentliche Anschubfinanzierung gegeben habe: 50.600 Euro von der Stiftung "Ein Herz für Kinder". Eine Art Gütesiegel, das andere ermuntern könnte, ebenfalls mit Geld zu helfen. Tatsächlich hat es dieses Siegel aber nie gegeben: "Die Aussage, der Verein ,West African German Project' habe von "Ein Herz für Kinder" 50.600 Euro für einen Echokardiografen erhalten, ist definitiv falsch", teilt die Stiftung auf Nachfrage mit.

"Der Verein ist unser Lebenswerk", sagt Matthew A.. Er beharrt auch auf dem Namen - "wenn wir ihn verändern würden, wäre das wie ein Schuldeingeständnis" - und drängt darauf, dass die Ermittler zu einem Ende kommen. Dreieinhalb Jahre, sagt Matthew A. - "warum muss das in einem Rechtsstaat so lange dauern?"

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