Abriss notwendig

Mehr als 500 Kaisenhäuser stehen leer

Seit Jahren soll die Stadt verfallene Häuser abreißen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wegen der Wohnungsnot gebaut wurden. Doch das würde Millionen kosten. Politiker der Umweltdeputation machen dem Senat Druck.
06.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Mehr als 500 Kaisenhäuser stehen leer
Von Pascal Faltermann
Mehr als 500 Kaisenhäuser stehen leer

Verlassene Kaisenhäuser wie dieses auf einer Parzelle des Kleingartenvereins Union in Bremen verfallen und sollen abgerissen werden.

Daniel Chatard

Verlassen und ungenutzt sind sie. Sie bröckeln und verfallen. Mehr als 500 Kaisenhäuser stehen auf den städtischen Kleingartengebieten derzeit leer. Schwerpunktmäßig im Bremer Westen gibt es zahlreiche Grundstücke mit den nach dem Zweiten Weltkrieg gebauten Wohnhäusern. Seit Jahren soll die Stadt die Kaisenhäuser abreißen, doch das entsprechende Geld dafür ist gesperrt. So lange es keinen genauen Plan gibt, was mit den Gebäuden passieren soll, bleibt es beim Status quo. Doch nun kommt Bewegung in die Sache.

Die Finanzmittel für den Abriss sollen nun durch den Haushalts- und Finanzausschuss freigegeben werden. So der überparteiliche Wille der Abgeordneten in der Deputation für Klima, Umwelt, Landwirtschaft und Tierökologie. Hintergrund ist, dass die Stadt sich vor Jahren dazu verpflichtet hat, die Gebäude auf Kosten der Steuerzahler abzureißen oder zurückzubauen, um einen Weiterverkauf und eine erneute Wohnnutzung zu verhindern.

Lesen Sie auch

Eigentlich sind die Gelder eingefroren bis der Kleingartenentwicklungsplan 2025 vorliegt. An dem wird aber noch eine ganze Zeit lang gearbeitet. Zudem steht durch die derzeitige Haushaltsaufstellung noch nicht fest, ob es Geld für das begleitende Planungsbüro und entsprechende Personalstellen im zuständigen Ressort geben wird.

Wohnrecht bis zum Wegzug oder Tod der Bewohner

1170 Kaisenhäuser befinden sich nach Angaben der Umweltbehörde auf den 1070 Hektar Gesamtfläche der Kleingärten in der Hansestadt. Davon werden 360 Gebäude mit einer sogenannten „Auswohngenehmigung“ noch bewohnt. Der Rest wird als Gartenlaube genutzt oder steht leer und verfällt. „Wir haben keine abgestimmte Strategie, was den Umgang mit den Kaisenhäusern angeht“, sagte Arno Gottschalk (SPD) in der Sitzung der Umweltdeputation am Mittwoch. Viele Verträge seien sehr alt und nicht standardisiert.

Nach Gesprächen mit Vertretern des Landesverbandes der Gartenfreunde Bremen, dem Dachverband des Kleingartenwesens, der circa 17.000 Gartenfreunde aus mehr als 100 Vereinen vertritt, habe die Behörde erstmals die Eigentumsverhältnisse aufgeschrieben, teilte Umweltsenatorin Maike Schaefer (Grüne) mit. „Was verfällt oder schrott ist, soll auf jeden Fall abgerissen werden“, sagte Schaefer. Alle weiteren Gebäude sollen weiterhin genutzt werden. Das betont auch Thomas Knode aus dem Umweltressort und zuständig für Kleingärten. „Wer in einem Kaisenhaus wohnt, soll dort nicht vertrieben werden“, so Knode.

Lesen Sie auch

Die Kaisenhäuser in den Parzellengebieten sind nach Bremens einstigem Bürgermeister Wilhelm Kaisen (SPD) benannt. Er hatte es in der Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg erlaubt, in Lauben zu leben. Es wurde ein „Auswohnrecht“ zugestanden, bis die Bewohner wegziehen oder sterben.

Doch selbst die eingefrorenen Finanzmittel für den Abriss reichen kaum aus. Mit etwa einer Viertelmillion Euro könne man jährlich nur ungefähr zehn Häuser abreißen, so Knode. Viele von ihnen seien auch mit Schadstoffen wie Asbest belastet. Es wäre also „nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“ Aber ein Anfang. Über die Situation ärgern sich auch seit Jahren die Kleingartenvereine, deren Mitgliedern die verfallenen Häuser ein Dorn im Auge sind.

18.000 Parzellen in Bremen

Doch nicht nur bei den Kaisenhäusern mangelt es an Geld. Was das städtische Rahmengrün angeht, gibt es ebenfalls einen Sanierungsstau. Mit Rahmengrün sind Wiesen, kleinere Parkanlagen, Rasen, Wege, Bäume und weitere Pflanzen um die Parzellen herum gemeint, die sich auf einer Fläche von 120 Hektar verteilen. Diese werden laut Umweltressort nicht ausreichend gepflegt, die Vereine seien überfordert und es gebe zu wenig Budget.

Die Stadt hat laut der Behörde 245.000 Euro für 80 Hektar zur Verfügung, was ungefähr 30 Cent pro Quadratmeter bedeutet. Für die restlichen 40 Hektar sind die Vereine zuständig. „Das führt unter anderem zu einem Problem bei der Verkehrssicherheit unter Bäumen“, so Thomas Knode. „Die Kleingärtner schaffen es nicht, die Bäume des Rahmengrüns zu pflegen“, sagte Arno Gottschalk (SPD). Zudem seien die Zuständigkeiten in einigen Fällen nicht genau geklärt.

Lesen Sie auch

Einen anderen Aspekt bringt Ralph Saxe (Grüne) auf den Tisch. Seiner Beobachtung nach vergammelt in den Kleingartengebieten viel Obst und Gemüse. „Wir sollten organisieren, dass diese Lebensmittel gesammelt und verwendet werden“, so Saxe.

Insgesamt 18.297 Parzellen gibt es in Bremen, davon sind 66 Prozent städtisch und der Rest privat. Im vergangenen Jahr standen etwa vier Prozent der städtischen Parzellen leer. Hinzu kommen zahlreiche Leerstände auf privaten Flächen in den Gebieten.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+