Wildes Parken in der City

In der Bremer Innenstadt fehlen Stellplätze für Fahrräder

In der Bremer Innenstadt gibt es rund 5500 Fahrradstellplätze. Soll die Verkehrswende gelingen, muss diese Zahl erhöht werden, fordern Vertreter der Politik. Das Budget dafür stünde zur Verfügung.
27.06.2020, 05:49
Lesedauer: 3 Min
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Von Mario Nagel
In der Bremer Innenstadt fehlen Stellplätze für Fahrräder

Am Pferdebrunnen in der Obernstraße, Ecke Sögestraße, stehen Dutzende Fahrräder frei herum. Fahrradbügel gibt es schließlich keine.

Kuhaupt

Ob an der Schlachte, am Hauptbahnhof oder im Bereich des Marktplatzes – egal wo man hinschaut, überall stehen Fahrräder. Teilweise sind sie an Bügeln angeschlossen, oft werden aber auch Laternen, Bäume oder Bauzäune umfunktioniert. Noch häufiger stehen abgestellte Räder jedoch frei herum. Das sorgt für Probleme und Ärger. Wer im Stress aus der Sögestraße zur Haltestelle Obernstraße eilt, um die Straßenbahn zu erwischen, muss sich meistens im Höchsttempo durch ein Labyrinth aus Fahrrädern schlängeln. Da stellt sich die Frage: Wie soll die Verkehrswende in Bremen gelingen, wenn offenbar schon jetzt nicht genügend Fahrradstellplätze zur Verfügung stehen?

Thore Schäck, verkehrspolitischer Sprecher der FDP, kritisiert: „Die vorhandenen Fahrradstellplätze sind häufig überfüllt und es mangelt oftmals auch an Sicherheit, Sauberkeit und Schutz.“ Hier müsse dringend investiert werden. Kritik kommt auch von Heiko Strohmann, CDU-Sprecher für Stadt- und Verkehrsentwicklung: „Die Bremer Innenstadt wird gerade nach den jüngsten Meldungen immer unattraktiver – dazu tragen auch herumstehende Fahrräder und Autos bei.“

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Erhebliches Defizit bei kostenlosen Fahrradstellplätzen

Gunnar Polzin, Abteilungsleiter Verkehr im Verkehrsressort, ist das Problem bewusst. „Wir haben erhebliche Defizite bei den kostenlosen Fahrradstellplätzen in der Innenstadt.“ Zwar gibt es nach Angaben des Verkehrsressorts im Bereich Altstadt/Bahnhofsvorstadt etwa 5500 Fahrradstellplätze, davon sind 3700 kostenlos im Straßenraum oder in Radgaragen nutzbar. „Nach zehn Uhr morgens gibt es bis zum Abend kaum noch Möglichkeiten, ein Fahrrad kostenlos und verkehrssicher abzustellen“, sagt Polzin.

Die restlichen 1800 Stellplätze entfallen auf die kostenpflichtige Radstation des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Bremen. „Im Blick auf die kostenpflichtigen Fahrradstellplätze sehen wir in der Bremer Innenstadt keine Probleme. In der ADFC-Radstation gibt es keine Kapazitätsengpässe“, sagt Pina Pohl, Sprecherin des ADFC Bremen. Für Gunnar Polzin liegt der Grund dafür auf der Hand: „Je länger der Radfahrer in der Stadt bleibt, desto eher ist er bereit, einen kostenpflichtigen Stellplatz zu nutzen.“ Wer jedoch nur zum Einkaufen oder Verweilen in die Stadt käme und ein klares Ziel habe, würde das Rad auch direkt vor Ort abstellen wollen.

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„Eine Umfrage unter Bremer Radfahrern hat ergeben, dass die meisten keine zentralen Abstellmöglichkeiten nutzen wollen. Die Radfahrer wollen nicht so weit laufen, darum nehmen sie ja das Rad“, sagt Polzin. Genau hier liege aber das Problem: In der Innenstadt seien schlichtweg zu wenig Flächen verfügbar, um noch mehr kostenfreie Fahrradbügel aufzustellen. „Die Straßen sind zu schmal und die wenigen Flächen zu schön“, sagt Polzin. So könnten auf dem Domshof neue Stellplätze geschaffen werden, doch hier habe man sich für Außenbereiche der Gastronomie entschieden. Ralph Saxe, verkehrspolitischer Sprecher Grünen, fordert deshalb: „Wir sollten weitere standortnahe und dezentrale Fahrradstellanlagen identifizieren und zeitnah einrichten.“

Laut Gunnar Polzin ist es in holländischen Städten üblich, Fahrradstellplätze unter der Erde zu schaffen. Diese Möglichkeit ziehe man auch in Bremen in Erwägung. „Als mögliche Orte gelten die Unterführung am Brill und der Bunker unter dem Domshof“, sagt der Abteilungsleiter. Auch im Brill-Tunnel könnten ein paar hundert Stellplätze geschaffen werden. „Allerdings würde man hier nicht ohne Personal auskommen“, weiß Polzin.

9,7 Millionen für Fahrradinfrastruktur

Der Verkehrswende und einer autofreien Innenstadt stehe die derzeitige Situation aber nicht entgegen. Für die Infrastruktur des Radverkehrs in Bremen sei das Haushaltsbudget in diesem Jahr auf 9,7 Millionen Euro angehoben worden. Im Jahr 2021 sind gut 10,5 Millionen Euro eingeplant.

Wie dringend weitere Fahrradstellplätze geschaffen werden müssen, zeigt ein Vergleich zu den Parkmöglichkeiten für Autofahrer. Den 5500 Stellplätzen für Radfahrer stehen etwa 8500 Parkplätze für Pkw gegenüber. 6156 befinden sich davon in öffentlichen Parkhäusern, 2390 im Straßenraum. Für Ralph Saxe ist daher klar: Soll die Verkehrswende gelingen, muss „die Alternative zum Auto hochattraktiv, preiswert, komfortabel, hygienisch und bequem sein.“

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In anderen europäischen Städten seien smarte Parkraumsysteme für Fahrräder zukunftsweisend. „Hier muss Bremen sich für Pilotprojekte zum Thema „innovatives Fahrrad-Parken“ einsetzen“, fordert Thore Schäck. Das sieht auch Ralph Saxe so: „Wir müssen die Rahmenbedingungen für andere Verkehrsträger als das Auto grundlegend verbessern.“ Für Heiko Strohmann muss das Angebot aber nicht nur für Fahrradfahrer, sondern für alle Verkehrsteilnehmer wie den ÖPNV-Kunden und den Autofahrer angepasst werden. „Wer die Gruppen nur einzeln betrachtet, hat Innenstadtentwicklung nicht verstanden“, sagt der CDU-Sprecher.

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