Dagmar Calais zeigt ihrer Bilder bis 11. November in der Galerie Ausmeyer und Gerling

Verlorene Paradiese

Dagmar Calais zeigt den Farbenrausch ihrer Bilder bis 11. November in der Galerie Ausmeyer und Gerling
09.10.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sigrid Schuer
Verlorene Paradiese

Die Künstlerin Dagmar Calais hat ihre Werke schon in diversen Ausstellungen in Rom, Venedig, London und Tel Aviv gezeigt.

Walter Gerbracht

Ostertor. Die explosive Farbigkeit von Dagmar Calais‘ Gemälden hat etwas Bezwingendes. Sie wirken fast so wie ein trotziges Fanal der Schönheit gegen die hässlichen Zumutungen von Gegenwart und Vergangenheit. Denn die Vergänglichkeit wohnt dem Schönen bereits inne. Davon ist die Bremer Künstlerin überzeugt, die unter anderem bei Chris Steinbrecher studierte. Sie kann sich noch sehr genau an die üppige Mohnblumenwiese in einem Braunkohle-Revier im Grenzgebiet rund um die ostdeutsche Stadt Hüttensleben erinnern, die schon tags darauf von den Braunkohle-Baggern aufgefressen worden war. „Diese Schönheit, bei der uns das Herz aufgeht, der Mensch macht sie wieder kaputt und wir verlieren unsere Paradiese“, sagt Dagmar Calais, die ihre Werke schon in diversen Ausstellungen in Rom, Venedig, London und Tel Aviv gezeigt hat.

Schon seit Jahren setzt sich die Künstlerin, die ihr Atelier in der Fabrik in Hemelingen hat, mit der jüngeren deutschen Geschichte auseinander. So klagte sie in zahlreichen Ausstellungsprojekten die Verbrechen des DDR-Regimes an, den Schießbefehl an der Grenze, Zwangsaussiedlung, Überwachung und willkürlich verhängte Gefängnisstrafen, wie es in einem ihrer Ausstellungsflyer heißt. „Außerdem haben die Besuche von Konzentrationslagern wie Auschwitz und Bergen-Belsen sowie der Hinrichtungsstätten in den Wäldern von Bikernieki und Rumbula bei mir tiefe Eindrücke hinterlassen, die ich in einer Serie von Werken verarbeitet habe“, erzählt die Künstlerin, die sich aber auch immer wieder mit biblischen Themen und Heiligenlegenden auseinandersetzt.

Die Schönheit als trotziges Fanal gegen die Vergänglichkeit und gegen die hässliche Fratze der Unmenschlichkeit, insofern ist der Titel der Ausstellung: „Sehnsucht nach Farbe“, die Dagmar Calais im Kunsthandel Ausmeyer & Gerling, Fedelhören 89, bis Sonnabend, 11. November zeigt, Programm. Die Brüchigkeit zerfließender Landschaften, ihre Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit hat Dagmar Calais ihren Gemälden eingeschrieben, so wie in dem Wildrosen-Bild, das auf pastelligem blau-gelben Grund den Betrachtern entgegen leuchtet. Kühn hat sie etwa in flammenden Farben eine Landschaft an der Wümme gemalt. „Nach einem heftigen Gewitter zieht an einem dramatischen, schwarz-lila-farbenen Himmel schon wieder die Sonne auf und das Sonnenlicht fällt auf einen roten Busch und goldenes Herbstlaub“, erläutert die Künstlerin.

Fasziniert ist Dagmar Calais auch vom hellen Licht italienischer Landschaften und „der Power der Natur“, die förmlich explodiert. „Ich finde das Zusammenspiel von Leichtigkeit und Kraft sehr inspirierend“, schwärmt Calais, sie hat es impressionistisch umgesetzt. Eine einzige Feier der Natur ist Calais‘ mehrteiliges Wandbild zu den vier Jahreszeiten: Ein Sommer, der mit üppigen Popfarben in gelb, orange und grün prunkt, mit einem Vögelchen, das sein Lied in blauen Blüten singt. Im Kontrast zwischen dunklen Farben und knalligem Orange-Rot kommt der Herbst daher. Von einer bezwingenden Dynamik ist auch ihre Winterdarstellung, auf der die Bäume ihre nackten Zweige in klirrender Kälte wie Krallen ausstrecken.

Im Vergleich zu dem überbordenden Farbenrausch, den Calais sonst auf ihren Gemälden entfacht, wirken die Darstellungen vereinzelter, hochgewachsener Mohnblumen und blühender Lauchpflanzen mit dreidimensional wirkenden blau-lila Pompons geradezu minimalistisch. Die Künstlerin trägt mit Vorliebe die Farben pastos auf die Leinwand auf, so wie in der geheimnisvoll wirkenden Blütenlandschaft der „Blauen Stunde“. „Wenn die Sonne untergeht, dann leuchten bestimmte Farben in der Landschaft besonders vibrierend und entwickeln eine starke Strahlkraft“, erläutert die Künstlerin.

Für Dagmar Calais ist es eine Ehre, dass sich einige ihrer Werke in der Gedenkstätte Theresienstadt befinden. Dort wird sie auch in zwei Jahren ihre raumgreifenden Installationen und darüber hinaus eine weitere Schau im Neuen Worpsweder Kunstverein zeigen. Ihre bewegenden Werke waren aber auch bereits in der Ausstellung „Bremen – Theresienstadt – Riga: 3000 Schicksale“ im Bremer Rathaus und im Riga Ghetto- und Lettisches Holocaust-Museum zu sehen. Dafür schuf sie ein 240-teiliges Bodenobjekt auf selbstgegossenen Betonplatten mit den Namen von 250 Bremer Juden, die nach Theresienstadt deportiert wurden sowie eine Serie themenbezogener Gemälde. Im Riga Ghetto- und Lettisches Holocaust-Museum ist gegenwärtig auch noch ihre Schau „Bremen Theresienstadt – Eine Reise mit ungewissem Ende“ zu sehen.

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