Bundesweite Patientenrückgänge

Ambulante Reha-Kliniken in der Krise

Das Zentrum für seelische Gesundheit musste drei Monate schließen und ein Insolvenzverfahren beantragen. Auch andere ambulante Reha-Kliniken sind von der Krise betroffen.
13.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Ambulante Reha-Kliniken in der Krise
Von Elena Matera
Ambulante Reha-Kliniken in der Krise

Durch verschobene Operationen ging in den letzten Monaten auch die Zahl der Reha-Patienten deutlich zurück.

Christin Klose

Bundesweit leiden Reha-Kliniken wegen der Corona-Pandemie unter Belegungseinbrüchen. Insbesondere ambulante Einrichtungen sind von den Folgen der Krise betroffen. Das teilt Thomas Bublitz, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Privatkliniken, dem WESER-KURIER mit.

„Bei den stationären Reha-Kliniken sind die Rettungsschirme in der Corona-Krise gut gespannt“, sagt Bublitz. Der Grund: Sie seien als Ersatzkrankenhäuser während der Pandemie vorgesehen und erhalten daher für die nicht belegten Betten eine Entschädigung. „Bei ambulanten Kliniken sieht es anders aus, sie sind nicht in diesen Rettungsschirm einbezogen“, so Bublitz. Hinzu komme, dass noch immer sehr wenige dringende Operationen durchgeführt werden.

Operationen an den Hüften oder Knien könnten hingegen gut verschoben werden. „Weniger Operationen führen dazu, dass es weniger Reha-Patienten gibt. Das betrifft sowohl ambulante, als auch stationäre Kliniken“, sagt Bublitz. In den vergangenen Monaten habe es Zeiten gegeben, in denen nur 20 bis 30 Prozent der Betten in den Kliniken belegt waren. Mittlerweile liegen die Belegungen bei 70 bis 80 Prozent.

Das Problem: Die Margen für Reha-Kliniken seien extrem gering. „Wenn eine Klinik nur ein bisschen in Schieflage gerät, kann das schon weitreichende Folgen haben“, betont Bublitz. Doch die Belegung könne durch die Abstandsregelung derzeit nicht weiter erhöht werden und es entstehen Finanzierungslücken. Bublitz befürchtet, dass in den nächsten Monaten mehrere Reha-Kliniken bundesweit von Zahlungsunfähigkeit betroffen sein können und schließen müssen.

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Betroffen ist unter anderem das Zentrum für seelische Gesundheit (ZSG) am Brill in Bremen. Drastische Einbrüche bei den Patientenzahlen in Folge der Corona-Pandemie hatten zu einer dreimonatigen Schließung des ambulanten Rehabilitions-Zentrums mit den Schwerpunkten psychosomatische Behandlungen und Psychotherapie geführt. Anfang Juli hatte das ZSG beim zuständigen Amtsgericht Bremen zudem einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt, teilt der Insolvenzverwalter Malte Köster mit.

„Wir hatten auch schon vorher Belegungsprobleme. Corona hat die Situation nochmals verschärft“, sagt Julia Fleige-Völker, Standortmanagerin des ZSG. Viele Patienten hätten sich nicht mehr getraut, zur Reha zu gehen. Die ganztägige ambulante Rehabilitationseinrichtung musste Mitte April schließen. „Wir hatten da nur noch zehn Patienten. Das war eine finanzielle Katastrophe“, sagt Fleige-Völker. Die Mitarbeiter der Klinik mussten alle in Kurzarbeit gehen, die meisten Heilverfahren wurden eingestellt.

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Im Juni war anhand der Aktenlage klar geworden: Die Reha-Klinik muss ein Insolvenzverfahren beantragen und sobald wie möglich wieder öffnen. Das Verfahren läuft laut Fleige-Völker noch bis Ende September. Seit dem 27. Juli bietet das ZSG nun wieder ambulante Reha-Angebote an. Insgesamt stehen nach der Wiedereröffnung 32 der insgesamt 48 Reha-Plätze unter strengen Corona-Auflagen für die Patienten zur Verfügung. „Durch das vorläufige Insolvenzverfahren werden Personalkosten gespart“, so Fleige-Völker. „Dauerhaft geht es aber so nicht weiter. Wir brauchen 48 Patienten, damit wir uns finanzieren können. Aber wegen der Corona-Auflagen ist das nicht möglich.“

Durch die dreimonatige Schließung hätten sich die Erkrankungen der Patienten teilweise verschlimmert. Die Corona-Krise selbst habe zudem psychische Erkrankungen ausgelöst. Auch deshalb sei es wichtig, den Betrieb der Reha-Klinik weiter aufrechtzuerhalten. Die Corona-Pandemie habe laut Köster den gesamten Reha-Bereich extrem hart getroffen. „Die Leerstände bei vielen Reha-Kliniken und dramatische Einbrüche bei den Patientenzahlen in ambulanten Einrichtungen haben sich an vielen Stellen existenzgefährdend ausgewirkt“, sagt der Insolvenzverwalter.

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„Die Wiedereröffnung des Zentrums für seelische Gesundheit ist daher auch ein Mutmacher für viele andere Einrichtungen und zeigt beispielhaft, wie sich Sanierungschancen im Insolvenzrecht nutzen lassen“, so Köster. Unter dem Schutz des vorläufigen Insolvenzverfahrens werde nun nach einem Investor gesucht. „Unsere Reha-Kliniken verzeichnen alle einen Patientenrückgang“, sagt Thomas Urbach vom Bundesverband Rehabilitation (BDH). Die BDH-Kliniken für neurologische Rehabilitation sind in fünf Bundesländern vertreten.

„Die Menschen haben noch Angst, wieder in eine Reha-Klinik zu gehen“, sagt Urbach. Da in den Kliniken Covid-Patienten behandelt wurden, gab es keine dramatischen Belegungseinbrüche wie etwa im ZSG. Während der Pandemie seien 30 Prozent der Behandlung von leichten Schlaganfällen und 15 Prozent von schweren Schlaganfällen zurückgegangen. „Das ist keine finanzielle, dafür aber eine medizinische Katastrophe“, sagt Urbach. „Die Menschen dürfen keine Angst vor Krankenhäusern und Reha-Kliniken haben.“

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