Finanzielle Probleme in der Pandemie

Studentinnen und Studenten müssen sich verschulden

Die Zahl der KfW-Studienkredite ist bundesweit stark gestiegen. Zugleich bekamen zuletzt nur noch zwölf Prozent der Studierenden die staatliche Ausbildungshilfe Bafög, kritisiert das Bremer Studierendenwerk.
02.05.2021, 20:21
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Studentinnen und Studenten müssen sich verschulden
Von Sara Sundermann
Studentinnen und Studenten müssen sich verschulden

Für Studierende läuft derzeit das dritte Semester, das von der Pandemie geprägt ist.

Frank Thomas Koch

In der Pandemie haben sich viel mehr Studenten und Studentinnen verschuldet als zuvor. Die Zahl derjenigen, die einen Studienkredit der staatseigenen KfW-Bankengruppe beantragten, hat sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt. Ein kleiner Teil der Studierenden bekommt die staatliche Ausbildungshilfe Bafög. Der Bafög-Topf des Bundes wurde im Krisenjahr 2020 nicht ausgeschöpft. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der grünen Bundestagsfraktion hervor. Der Chef des Bremer Studierendenwerks und die Bremer Studierendenvertretungen üben Kritik und fordern eine Reform des Bafög.

Die Zahl der Anträge für KfW-Studienkredite stieg bundesweit von mehr als 20.000 im Jahr 2019 auf mehr als 48.000 im vergangenen Jahr. In der Pandemie übernimmt der Bund für den Zeitraum vom 1. Mai 2020 bis zum 31. Dezember 2021 die Zinslast. Danach müssen die Studierenden die Zinsen selbst zahlen.

Der Bremer Student Wesam Enjrini ist einer derjenigen, die seit vergangenem Juni einen KfW-Kredit bekommen. Sein Nebenjob brach in der Pandemie weg. Er arbeitete zuvor bei Sportveranstaltungen, die nicht mehr stattfinden können. Über die Zinsen, die er ab 2022 zahlen muss, habe er sich bisher „noch keinen Kopf gemacht“, sagt der 26-Jährige. Seit dem Sommer habe sich seine finanzielle Situation etwas verbessert. „Dass ich verschuldet aus meinem Studium kommen werde, ist irgendwie uncool, aber es wird sich hoffentlich lohnen, in Bildung investiert zu haben.“ Seine Hoffnung sei, dass sich sein Studium auszahlt. „Der KfW-Kredit ist eine Hilfe, aber eigentlich sollte es nicht dazu kommen müssen.“

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Das Bundesbildungsministerium rechnet vor: Wer in der Pandemie ein Jahr lang 650 Euro pro Monat bekomme, dem entstünden 7800 Euro Schulden. Bei einem Rückzahlungszeitraum von 20 Jahren fielen Zinsen von etwa 4660 Euro an. 180 Euro trage der Bund, für die restlichen 4480 Euro müssten die Studierenden aufkommen.

„Diese Zahlen sind schon ein bisschen bedrückend, die Zinslast ist aus meiner Sicht auch zu hoch“, sagt Hauke Kieschnick, Geschäftsführer des Bremer Studierendenwerks. Er fordert – wie das Deutsche Studentenwerk und die Hochschulrektorenkonferenz – eine Reform des Bafögs. „Anfangs haben 45 Prozent der Studierenden Bafög bekommen, jetzt sind es nur noch zwölf Prozent“, sagt Kieschnick. „Immer mehr Leute sind aus der Förderung gefallen, wir plädieren dafür, das Bafög zu öffnen.“ Er setzt sich dafür ein, dass Studierende zwei Semester länger Bafög beziehen können. Man müsse auch die Alters-Obergrenzen für den Bezug anheben. Kieschnick fordert zudem, beim Bafög einen Notfallmechanismus für kommende Krisen einzurichten.

Der Bund setzt für Studierende in der Pandemie zum einen auf KfW-Kredite und zum anderen auf Überbrückungshilfen. Diese ist ein Zuschuss von bis zu 500 Euro pro Monat, für den Studierende eine pandemiebedingte Notlage nachweisen müssen. Etwa 6300 Anträge auf Überbrückungshilfe wurden laut Studierendenwerk seit Juni 2020 im Land Bremen bewilligt. Die Zahl der geförderten Personen kennt Kieschnick nicht. Sie dürfte aber deutlich kleiner sein, denn der Zuschuss muss jeden Monat neu beantragt und bewilligt werden. Zum Vergleich: Im Land Bremen gibt es knapp 30.000 Studierende, von denen vor der Pandemie rund 72 Prozent einen Nebenjob hatten. Die ausgezahlten Bafög-Mittel für Bremer Studenten stiegen im Krisenjahr kaum: Statt 40,9 Millionen im Jahr 2019 wurden 2020 laut Kieschnick 41 Millionen Euro ausgezahlt.

Die Bundesregierung erntet von der Bremer Studierendenvertretung Kritik – besonders, da nach Regierungsangaben 2020 rund 360 Millionen Euro übrig blieben, die für das Bafög eingeplant waren. „Es ist ein Skandal, dass von 2007 bis 2020 rund 1,7 Milliarden Euro Bafög-Mittel liegen geblieben sind, und nun auch in einer Krise, wo Studierenden die Jobs wegbrechen“, sagt Marlin Meier, Präsident der Landes-Asten-Konferenz. „Seit Beginn der Pandemie fordern wir eine Öffnung des Bafögs, stattdessen bekommen haben wir eine Überbrückungshilfe, die zu spät, zu klein und zu bürokratisch ist.“

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„Für Studierende in der Pandemie ist die Bundesregierung ein Totalausfall“, sagt Meier. Die Zahlen zu den KfW-Krediten seien erschreckend. Bremen habe einige Erleichterungen für Studierende beschlossen, vom Härtefall-Fonds über die Senkung der Verwaltungskostengebühr bis zu einem Start-Stipendium für Erstsemester. Diese könnten aber den Mangel an bundesweiten Hilfen nicht auffangen.

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