Bremer wegen versuchten Totschlags angeklagt

Messerstiche unter guten Kumpeln

Ein 51-jähriger Bremer muss sich wegen versuchten Totschlags vor dem Landgericht verantworten. Er ist geständig, sagt aber, dass er sich nicht erinnert. Auch das Opfer schweigt - aus gutem Grund.
18.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Messerstiche unter guten Kumpeln
Von Ralf Michel

Versuchter Totschlag lautet die Anklage. Ein Täter, der ein Geständnis ablegt, dazu die Zeugenaussage des Opfers – klingt wie ein einfacher Fall, der Prozess, der am Mittwoch vor dem Landgericht begonnen hat. Ist es dann aber doch nicht: Denn der Täter stand während der Tat unter Drogen und Alkohol und sagt, dass er sich an die entscheiden Minuten nicht erinnert. Und das Opfer ist mutmaßlich der Dealer. Der würde den Täter schon gerne verurteilt sehen. Nicht von ungefähr ist der Zeuge in diesem Verfahren auch Nebenkläger. Andererseits achtet er tunlichst darauf, sich mit seinen Aussagen nicht selbst zu belasten.

Weshalb sich Gericht und Staatsanwaltschaft letztlich dann doch schwer tun, das Puzzle zusammenzusetzen. Zumindest der Tathergang scheint einigermaßen gesichert: Am 28. Januar hat der 51-jährige Täter das Opfer auf dem Handy angerufen und gebeten, bei ihm vorbeizukommen. Als dieser in der Wohnung am Breitenweg eintraf, stach der Täter zweimal mit einem Messer auf den Oberkörper des 25-Jährigen ein. Der konnte trotz der Verletzung fliehen, alarmierte von einem Kiosk aus den Notruf und klappte dann zusammen. Den Täter fand die Polizei wenig später im Treppenhaus, selbst stark aus einer Wunde am Rücken blutend.

Täter unter Drogen und Alkohol

Der Angeklagte kann sich dies alles nicht erklären. Der 25-Jährige sei schon seit Jahren sein Dealer gewesen, kein Freund, aber ein „guter Kumpel“. Warum er mit dem Messer auf ihn losging, wisse er nicht. „So bin ich nicht. Ich bin wirklich nicht aggressiv.“ Er könne sich aber an nichts mehr erinnern, habe zum Tatzeitpunkt unter Drogen (Heroin, Kokain und Cannabis) und unter Alkohol (etwa ein halber Liter Wodka) gestanden.

Als mögliche Erklärung bietet der Angeklagte seine Gemütsverfassung an. Seine Freundin habe am selben Tag in seiner Wohnung gleich zweimal eine Überdosis genommen, zuckend und mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden gelegen. Und dies, obwohl sie doch gewusst habe, dass seine frühere Freundin an einer Überdosis gestorben war. Nach jeweils etwa zehn Minuten sei sie zwar wieder auf den Beinen gewesen, aber beim zweiten Mal habe er sie rausgeworfen. „Jetzt reicht’s. Hau ab.“

Sauer sei er gewesen. Und enttäuscht. Habe den Wodka getrunken („Eine Flasche, die schon ewig bei mir rumstand. Eigentlich trinke ich nicht.“), die restlichen Drogen, die er noch hatte, „weggeballert“ und später dann seinen Dealer angerufen, um nach Nachschub zu fragen.

Plötzliche Explosion

Wie es bei dessen Ankunft zu den Messerstichen kam, könne er sich nicht erklären. Ob es vielleicht Streit um die Bezahlung der Drogen gegeben habe, mutmaßt der Vorsitzende Richter. Nein, er könne sich an keinen Streit erinnern, beteuert der Angeklagte. Warum auch: „Wir haben uns immer geeinigt. Es gab nie Streit, und er war auch immer sehr großzügig zu mir.“ Er könne sich nur vorstellen, dass er durch die Ereignisse mit seiner Freundin so überwältigt gewesen sei, dass er nun plötzlich explodierte.

In einer Hinsicht bestätigte das Opfer den Angeklagten. Nein, es habe keinen Streit gegeben. Der 51-Jährige habe ihm völlig unvermittelt das Messer in den Oberkörper gerammt, es herausgezogen und noch ein zweites Mal zugestochen. Dann habe er dem anderen das Messer entwinden können, sodass es zu Boden fiel. Er habe es aufgehoben und sei damit geflohen. Fünf Tage lag er anschließend im Krankenhaus, musste später sogar noch ein zweites Mal operiert werden. Einer der Stiche hat im Schulterbereich einen Nerv durchtrennt, der 25-Jährige kann zwei Finger seiner linken Hand nicht bewegen.

Aussageverweigerungsrecht greift

Wie es zu der Stichverletzung im Rücken des Angeklagten gekommen ist, der deswegen selbst zehn Tage im Krankenhaus lag, kann sich der Zeuge nicht erklären. Er sei das auf keinen Fall gewesen. „Vielleicht hat er das selbst gemacht“, mutmaßt der 25-Jährige. Zu dem Grund, warum er die Wohnung des anderen aufgesucht hatte, will sich der Zeuge nicht äußern. „Er hat nicht gesagt, was er wollte. Nur gefragt, ob ich kommen könnte.“

Weder Gericht noch Staatsanwaltschaft haken an dieser Stelle nach. Sie wissen, dass dieser Zeuge kein Wort sagen müsste. Ihm steht ein Aussageverweigerungsrecht zu, weil er sich – als möglicher Drogendealer – vor Gericht nicht selbst belasten muss. Also wird ausgesprochen vorsichtig versucht, mit seiner Hilfe den Tathergang zu rekonstruieren, ohne dass dabei das Wort „Drogen“ fällt. In der Frage nach dem Grund für die blutige Auseinandersetzung hilft das Opfer dann allerdings kein Stück weiter.

Die Verhandlung wird am Freitag, 26. Juni, um 9 Uhr fortgesetzt.

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