Weniger Überfälle in Bremen

Video-Taxis schrecken Räuber ab

Bremen. In knapp 500 Bremer Taxis werden die Fahrgäste alle 15 Sekunden fotografiert. Die Standbilder kommen Sekunden später für 48 Stunden auf einen Server. Diese Technik hat zu einem erheblichen Rückgang der Raubüberfälle und Angriffe geführt.
19.12.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Rose Gerdts-Schiffler

Bremen. In knapp 500 Bremer Taxis werden die Fahrgäste alle 15 Sekunden fotografiert. Die Standbilder kommen Sekunden später für 48 Stunden auf einen Server. Danach werden sie gelöscht. Diese Technik hat zu einem erheblichen Rückgang der Raubüberfälle und Angriffe auf Taxifahrer geführt. Kam es dennoch dazu, sind in jüngster Zeit sämtliche Straftäter ermittelt worden. Ein Erfolgsmodell, an dem auch die Bremer Datenschützerin Imke Sommer nichts auszusetzen hat.

In der Nacht auf den 23. Juli tritt ein junger Mann von schmaler Statur am Konrad-Adenauer-Platz in Geestemünde an das Taxi eines 54-jährigen Bremerhaveners heran. Mit einem Messer sticht der Unbekannte mehrfach auf den Taxi-Fahrer ein. Dann ergreift er die Flucht. Drei Wochen nach der Tat stirbt das Opfer. Vergeblich suchen die Ermittler der Mordkommission bislang nach einer heißen Spur.

Angriffe und Überfälle auf Taxifahrer stellen die Polizei seit jeher vor besondere Herausforderungen. Auch modernste Kriminaltechnik hilft in solchen Fällen meist nicht weiter. Denn Taxifahrer haben Tag für Tag eine Vielzahl von flüchtigen Kontakten zu Menschen. Jeder Kunde hinterlässt winzige Spuren im Taxi - seine DNA.

Aus diesem Grund bietet sich Ermittlern nach schweren Verbrechen an Taxifahrern ein wahres Spuren-Inferno. Nicht zu wenige, sondern zu viele Spuren unterschiedlicher Menschen im Fahrzeug sind das Problem. Haare und Hautschuppen bringen die Ermittler daher kaum weiter. Aber etwas anderes scheint zu wirken: Seit drei Jahren ist die Zahl der Raubüberfälle und Angriffe auf Taxifahrer in Bremen radikal zurückgegangen. Grund: Vor drei Jahren sind 85 Prozent der Bremer Taxen mit Videokameras ausgerüstet worden.

"Davor hatten wir etwa einen Überfall pro Woche auf unsere Fahrer. So waren es vier in drei Jahren", sagt Wolfgang Verbeek stolz. Der zweite Vorsitzende des Taxi-Rufs Bremen, bei dem insgesamt 473 Taxis organisiert sind, hatte als Erster in Bremen sein Fahrzeug mit einer Kamera ausgestattet - das Gerät eines holländischen Bastlers, das nie in Serie gebaut wurde und einige Mängel hatte. Die Debatte um den Datenschutz kam erst Jahre später auf. Eine Diskussion die im Gegensatz etwa zu Sachsen-Anhalt in Bremen schon lange nicht mehr geführt wird. "Videobilder sind an sich nicht unzulässig", ist Imke Sommer überzeugt. Auch Busse und Bahnen hätten Videokameras, um Vandalismus und andere Straftaten zu verhindern oder zumindest schneller aufzuklären.

Die Bremer Datenschutzbeauftragte verweist darauf, dass alle videoüberwachten Taxis ein Hinweisschild besitzen müssen. Zudem würden die Gespräche zwischen Fahrer und Fahrgast nicht aufgezeichnet. Ihr Kollege Harald von Bose aus Sachsen-Anhalt bezeichnete die Frage der Überwachung in Taxen dennoch als "brisant".

"Bremen bundesweit Vorreiter"

Eine Position, die Wolfgang Verbeek nicht nachvollziehen kann und mit der er sich auch nicht mehr auseinandersetzen muss. "Bremen ist bundesweit Vorreiter, was Videokameras in Taxen betrifft", berichtet er stolz. Weder in Hamburg, noch in Berlin oder Frankfurt hätten so viele Taxi-Unternehmer in die Sicherheit ihrer Fahrer investiert. In Bremen ging das beim Taxi-Ruf einher mit der Umstellung vom herkömmlichen Funkverkehr auf ein computergesteuertes Vermittlungssystem. "Da lag es für uns nahe, auch noch eine Kamera anzuschließen und einen Monitor, auf dem sich der Fahrgast sieht", so Verbeek. Im 15-Sekundentakt werden Standbilder von dem Fahrgast geschossen, gespeichert und auf einen passwortgeschützten Server gesandt. Nach 48 Stunden werden die Bilder automatisch wieder gelöscht.

Zwei junge Räuber, die kürzlich einen Bremer Fahrer überfielen, rissen Kamera und Monitor vor ihrer Flucht heraus. Da waren ihre Bilder längst anderorts gespeichert. Alle vier Überfälle in den vergangenen Jahren, an die sich Verbeek erinnern kann, konnten innerhalb kurzer Zeit aufgeklärt werden. Selbst bei Dunkelheit im Fahrzeug liefern die Kameras gut aufgelöste Bilder. Und auch der Täter, der sich direkt hinter den Fahrer setzt, wird abgelichtet. Nur der Fahrer wird nicht fotografiert.

"Wir wollen nicht aus jedem Kunden einen potenziellen Täter machen", betont Verbeek und verweist darauf, dass die Bilder auch für Fahrgäste mehr Sicherheit böten. Bei einer Anzeige gegen den Fahrer würden die Daten von der Polizei bei den Ermittlungen hinzugezogen. Derartige Vorfälle gebe es aber nur selten, so Verbeek.

So gut wie nie komme es vor, dass ein Fahrgast ein bestelltes Taxi wieder wegschicke, nur weil es videoüberwacht sei. "Sollte das geschehen, muss der Kunde natürlich nicht für die Anfahrt zahlen." Einer Umfrage des Taxi-Rufs zufolge hat die Mehrzahl der Fahrgäste kein Problem mit den Standfotos aus dem Fahrzeuginneren. "Von 600 befragten Fahrgästen zeigten 96 Prozent größtes Verständnis für den Einsatz der neuen Technik", sagt Verbeek.

Norbert Heuermann, stellvertretender Sachgebietsleiter für Raubdelikte bei der Bremer Kriminalpolizei, erspart der Einbau der Videokameras Arbeit. Eine Statistik für Raubüberfälle auf Taxis gebe es zwar nicht, so Heuermann. Gleichwohl bestätigt der Kripobeamte, dass die Zahl der Überfälle in Bremen seit drei Jahren stark zurückgegangen sei. 2011 seien es nicht mehr als eine Handvoll gewesen. Zwei davon führt Heuermann auf junge Räuber zurück, die aus dem Umland stammten und die Technik in den Autos nicht kannten. Sie wurden dank der Bilder ermittelt. "Mit jedem geklärten Fall spricht sich das in bestimmten Kreisen herum. Die Zahlen werden vermutlich weiter zurückgehen", sagt Heuermann. Der letzte dramatische Vorfall ereignete sich im Januar 2007 in Huchting. Damals erlitt ein 36-jähriger Taxifahrer aus dem Iran einen Bauchschuss. Der Familienvater überlebte, ist aber seitdem gelähmt.

Nicht zuletzt wegen dieses Vorfalls wurden ab 2009 mehrere Hundert Taxen mit Kameras und Monitor in Bremen ausgestattet. Nach einer Serie von Überfällen hat inzwischen auch Magdeburgs Taxigenossenschaft angekündigt, rund 150 ihrer Fahrzeuge mit einer Kamera auszustatten.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+