Branche unter Druck Videothekenbetreiber halten sich wacker

Immer mehr Videotheken schließen, viele Filmfans bedienen sich heute lieber im Internet. Fünf Filialen gibt es noch im Bremer Stadtgebiet. Doch die Betreiber sind zufrieden.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Videothekenbetreiber halten sich wacker
Von Katharina Frohne

Attila Vörös fährt mit dem Finger über das Regalbrett, vorbei an „GTA 5“ und „Call of Duty: Black Ops III“. Er ist auf der Suche nach einem neuen Spiel für seine Playstation. Seit zwölf Jahren kommt er regelmäßig in die World-of-Video-Filiale in Hastedt, guckt nach Konsolenspielen und neuen Filmen. „Meistens suche ich nichts Bestimmtes“, sagt Vörös. „Ich schlendere einfach durch die Reihen und lasse mich inspirieren.“

Es ist Donnerstagnachmittag, 15 Uhr. Draußen rauscht der Verkehr, drinnen läuft leise das Radio. In Sascha Schraders Videothek an der Hastedter Heerstraße sieht es aus, wie es in Videotheken eben aussieht: Abgehängte Decke, dunkelgrauer Teppichboden, bunt bestückte Regalreihen, über denen „Action“ oder „Thriller“ steht. Vor einer Stunde hat Schrader geöffnet, 18 Kunden waren seither da. Von gähnender Leere, wie man sie in Zeiten des Film-Streamings vermuten könnte, keine Spur. „Das ist noch eher wenig“, sagt Schrader. Zur Kernzeit, zwischen 17 und 21 Uhr, sei noch mehr los.

Es gehe ihm gut, sagt Sascha Schrader. „Die Umsätze sind stabil.“ Schrader weiß, dass er Glück hat. Dass sein Laden eher die Ausnahme ist. Die Zahl der deutschen Videotheken schrumpft seit Jahren. 3181 gab es nach Angaben des deutschen Verbands des Video- und Medienfachhandels (IVD) noch 2007, 2016 waren es noch 917. In Bremen sieht es nicht besser aus: Elf Videotheken hat der Verband 2016 gezählt, 2007 waren es noch 35.

Im Bremer Stadtgebiet seien es inzwischen sogar nur noch fünf, sagt Schrader. Viele seiner Kollegen hätten in den letzten Jahren dicht gemacht. Im niedersächsischen Umland ist es nicht anders, zuletzt schloss im August das „Empire“ in Delmenhorst. Auch Schrader musste seinen zweiten Laden in Achim im Juli nach 20 Jahren aufgeben. „Die Umsätze sind immer weiter in den Keller gegangen, irgendwann musste ich die Reißleine ziehen.“ Ob er das gleiche Schicksal in Bremen befürchte? Früher oder später, in zwei, drei oder fünf Jahren? „Für mich ist kein Ende in Sicht“, sagt Schrader. „Wir schreiben wunderbare Zahlen.“ 148 Neukunden seien es im Juli gewesen, das seien sogar doppelt so viele wie im gleichen Monat des Vorjahres.

Während Attila Vörös die Cover der Playstation-Spiele scannt, steuert Andreas Greffe mit großen Schritten auf den Tresen zu. Auch er ist Stammkunde. „Ich hab Filme für dich“, ruft Schrader ihm entgegen. „Ehrlich? Da bist du rangekommen?“, ruft Greffe zurück. „Ich könnt dich knuddeln!“ Zwei Filme hat er bei Schrader bestellt, „einen indizierten Carpenter und einen älteren Stephen King, an die kommt man nicht so leicht“. Zumindest nicht offline. Greffe hat keinen Internetanschluss zu Hause, dafür eine riesige Filmsammlung. Seine DVDs kauft er bei Schrader. „Sascha ist der Dealer meines Vertrauens“, sagt Greffe.

Warum sein Laden so gut läuft, kann Schrader sich selbst nicht recht erklären. Vielleicht sei es der gute Draht zu seinen Kunden, vielleicht die gute Anbindung, vielleicht liege es auch daran, dass es inzwischen nur noch so wenige Videotheken in Bremen gebe. Und vielleicht komme ihm auch das neue Streaming-Urteil des Europäischen Gerichtshofes zugute. Im Frühjahr hatte das Gericht entschieden, dass Nutzer illegaler Streaming-Seiten sich ab sofort strafbar machen. „Bislang war das ja eine rechtliche Grauzone“, sagt Schrader. „Jetzt haben die Leute wohl doch Angst bekommen.“

Lesen Sie auch

Auch Jörg Weinrich vom Branchenverband hält das illegale Angebot im Netz für die größte Konkurrenz der Videotheken. „Solange sich da nichts ändert, wird sich der Abwärtstrend fortsetzen“, sagt Weinrich. Auch Bezahlabos von Anbietern wie Netflix, Amazon Video und Co. würden der DVD den Rang ablaufen. Viele Menschen hätten einfach keine Lust mehr, für die Filmauswahl das Sofa zu verlassen.

Trotzdem sieht Videothekenbetreiber Schrader das Online-Angebot nicht als Bedrohung. „Konkurrenz machen die uns, klar“, sagt er. „Aber die ist ja nicht unbedingt schlecht.“ Für ihn sei sie vielmehr der Ansporn, seinen Kunden zu bieten, was nur die gute alte Videothek bieten könne: gute Beratung, freundlichen Service und immer wieder neue Rabatt-Aktionen. Außerdem sei er von den Vorzügen der DVD überzeugt. „Was die Bild- und Tonqualität angeht, können Filme aus dem Internet nicht annähernd mithalten“, sagt Schrader.

„Qualitativ ist das Streaming ein Rückschritt“

Olaf Ernsting von der Video Boxx in Findorff sieht das genauso. „Qualitativ ist das Streaming ein Rückschritt“, sagt er. Seit sechs Jahren betreibt er sein Geschäft in der Fürther Straße. Auch bei ihm läuft es gut. „Ich kann wirklich nicht klagen“, sagt Ernsting. Er glaubt nicht, dass die Videotheken ganz verschwinden werden. Dafür habe die Ausleihe im Geschäft einfach zu viele Vorteile – und das wüssten die Kunden. Neuerscheinungen etwa seien nicht nur früher verfügbar, sondern auch deutlich günstiger. „Außerdem ist die Auswahl größer. Online ändert sich das Sortiment ständig, bei uns kriegen die Leute alles, was bestellbar ist.“

„Ohne Zusatzgeschäft geht es nicht mehr“

Nicht ganz so optimistisch ist Frank Rossol vom Video Taxi Media Store in Gröpelingen. „Es läuft nicht mehr so gut wie früher“, sagt er. Um die sinkenden Verleihzahlen auszugleichen, verkauft er Chips, Schokolade, Zigaretten und Alkohol – „eben alles, was man beim Filmegucken brauchen kann“. Zusätzlich kooperiere er mit einem Pizzaservice und lasse die Filme direkt nach Hause liefern. Auch DHL-Pakete können seine Kunden bei ihm abgeben. „Ohne Zusatzgeschäft geht es nicht mehr“, sagt Rossol.

In der World-of-Video-Filiale in Hastedt schiebt Andreas Greffe das Geld für seine beiden neuen Filme über den Tresen. Hinter ihm warten drei weitere Kunden darauf, bedient zu werden. Eine junge Frau gibt drei Blu-rays zurück, Günther Windeler will eine neue DVD leihen. Er hofft, dass Schrader noch lange weitermacht. Früher arbeitete der 70-Jährige in der Nähe und kam nach Feierabend vorbei, um sich mit neuen Filmen einzudecken. Heute nimmt er dafür 25 Kilometer Anfahrt in Kauf. „Was soll ich machen?“, fragt Windeler. „In der Nähe hat ja alles dicht gemacht.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+