Kunstschule Wandsbek

Viel Praxis, wenig Theorie

In der Bremer Kunstschule Wandsbek lernen angehende Kommunikationsdesigner durch viel Praxis. Mehr als 30 Fächer – von Fotografie über Werbung bis 3D-Design – durchlaufen die Studenten.
30.09.2018, 05:01
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Viel Praxis, wenig Theorie
Von Marlo Mintel

Schulleiter Carsten Rausch schaltet diverse Lampen an, obwohl es gar nicht nötig erscheint. Es ist kurz nach 12 Uhr, draußen scheint die grelle Sonne, der Raum ist hell genug. Der 55-Jährige macht es trotzdem – aus gutem Grund. Er will zeigen, wie kreativ die Studierenden in der Bremer Kunstschule Wandsbek arbeiten. Die extravaganten Lampen sind ein gutes Beispiel dafür. Etwa eine 1,32 Meter hohe Stehleuchte mit rechteckigem Holzfuß an einer Eichenholzstange. Drumherum ist Korkeiche, aus dem Inneren scheint LED-Licht. Was die Lampe darstellen soll, wird dem Laien nicht ersichtlich. Dennoch: Sie fällt auf. Gestaltet haben die Studenten ihre Lampen im Fach Produktdesign. Mehr als 30 Fächer – von Fotografie über Werbung bis 3D-Design – gibt es insgesamt. Alle müssen von den angehenden Kommunikationsdesignern durchlaufen werden. Rausch sieht darin nur Vorteile. Die Absolventen seien bei der Jobsuche breiter aufgestellt. „Jeder von ihnen kann später in jeden Bereich reinrutschen.“

Die private Kunstschule in der Bahnhofsvorstadt bietet seit 2010 die staatlich anerkannte Ausbildung zum Kommunikationsdesigner oder zur Kommunikationsdesignerin an. Voraussetzung für die Aufnahme ist ein Mindestalter von 16 Jahren sowie die mittlere Reife. Der Abschluss ist einem Bachelor gleichgestellt. Sieben Semester dauert die Schulzeit, die ihren Preis hat: Die Studierenden zahlen monatliche Gebühren in Höhe von 400 Euro. Derzeit lassen sich laut Rausch rund 220 Studenten im vierstöckigen Gebäude ausbilden. Die mehr als 20 in der Institution beschäftigten Dozenten arbeiten parallel zu ihrer Lehrertätigkeit in der freien Wirtschaft, etwa in Agenturen oder Verlagen. Darauf ist Rausch stolz: „Die Dozenten wissen, was in der Praxis gefragt ist.“

Er selbst war langjähriger Dozent für angehende Mediengestalter in einer Bremer Einrichtung der beruflichen Weiterbildung. Der gelernte Fotofachlaborant schaltet die Lichter wieder aus und geht auf der ersten Etage zwei Türen weiter. Neben dem Eingang hängen selbstgemalte Bilder an der Wand, am Ende des Raums stehen Staffeleien, der Boden ist mit Farbklecksen bedeckt, vor der langen Fensterfront ist ein kleines Podest aufgebaut. Genutzt wird die Räumlichkeit vorwiegend für Aktmalerei. Auch das gehört zum Kommunikationsdesign. Aktmalerei schult das räumliche Sehen, die Studierenden entwickeln einen Blick für Proportionen und lernen, mit unterschiedlichen Maltechniken zu experimentieren.

Der Schulleiter möchte mehr von der Kunstschule zeigen, geht in Richtung Treppenhaus, hoch in den zweiten Stock. Er verfolgt den Unterricht von Sönke Timm, 37. Der Dozent gehört der Kunstschule seit 2015 an, lehrt im vierten und fünften Semester Webdesign, dreimal in der Woche. Timm bringt den Studierenden bei, wie sie eine Webseite erstellen und worauf es dabei ankommt. Bevor es ans Eingemachte geht, lernen seine Schüler die Grundlagen wie die HTML-Sprache, in der Homepages geschrieben werden. Der selbstständige Webdesigner zeigt ihnen, wie etwa Überschriften oder Bilder auf eine Internetseite platziert werden.

Im Raum herrscht Schweigen, die Studenten sitzen konzentriert vor ihren Bildschirmen. Einer von ihnen ist Haris Hodzic. Blauer Kapuzenpullover, aufgekrempelte Ärmel, Kopfhörer im linken Ohr. Der 23-Jährige hört aufmerksam zu, was ihm die Stimme aus einem Youtube-Video sagt. Hodzic schaut sich ein sogenanntes Tutorial, ein Erklärvideo, an. Timm hat seinen Studenten den Auftrag gegeben, eine Webseite für einen fiktiven Kunden zu erstellen. Hodzic erstellt eine Homepage für ein Fotostudio. Noch fehlt das richtige Logo, Youtube soll helfen.

Vor drei Jahren ist Hodzic mit seiner Freundin aus Kroatien nach Deutschland gekommen. In seinem Heimatland besuchte er eine Schule für freie Kunst mit Fokus auf Bildhauerei, schloss diese nach vier Jahren ab. Hodzic träumt davon, nach seinem Abschluss als Kommunikationsdesigner für einen deutschen Autobauer zu arbeiten. Für diesen Traum schuftet er tagtäglich, um die Studiengebühren stemmen zu können. „Ich finanziere alles selbst“, sagt Hodzic. Zwei Nebenjobs. Einer davon in einem Pflegeheim als Servicekraft. Er bereitet den Senioren etwa das Abendbrot zu, schenkt ihnen Wasser ein. Donnerstags und jedes zweite Wochenende hat er frei. Zeit zum Ausruhen? Von wegen. An jedem Wochenende ist er zusätzlich als Lieferservice-Fahrer für eine Fast-Food-Kette unterwegs. Kommt er abends vom seinen Nebenjobs nach Hause, sitzt er oft daheim in Schwachhausen bis 2 Uhr nachts vor dem Computer, um etwas für die Kunstschule zu tun. „Ich habe mich daran gewöhnt, jeden Tag so viel auf dem Schirm zu haben. Das muss man einfach durchziehen.“

Das Konzept der Kunstschule Wandsbek lautet: viel Praxis, wenig Theorie. Vermittelt von Dozenten, die noch voll im Berufsleben stecken. Das kommt an. Nicht nur bei Hodzic, sondern auch bei Mona Kumm. Sie sitzt im Raum nebenan, ebenfalls am Computer. Insgesamt hat die Institution 120 Rechner. Wie Hodzic arbeitet sie an einem Projekt. Ihr Fach heißt Social Marketing, in dem die Studierenden Kampagnen für echte Non-Profit-Organisationen entwickeln. Die 25-Jährige hat zuvor Lehramt an der Universität Bremen studiert. Nach drei Semestern brach sie ab. „Der Aufbau der Studiums an der Uni ist sehr veraltet und auch an der Realität vorbei“, erklärt Kumm. Ganz anders die Ausbildung an der Kunstschule Wandsbek, wie sie findet. Ihr gefalle, dass die Dozenten noch in der freien Wirtschaft tätig sind. „Und das hat mich so an der Uni genervt“, sagt sie. „Die Dozenten hatten überhaupt keine Ahnung, was in der Realität abläuft. Hier ist es toll, dass die Lehrkräfte mitbekommen, wenn sich etwas in der Branche verändert und sie einem nicht davon erzählen, wie es vor zehn oder 20 Jahren einmal in der Praxis ablief.“

Es ist kurz nach 14 Uhr, Unterrichtsende für Hodzic und Kumm. Die Kunstschule ist eine Art Zwei-Schicht-Betrieb. Die Studierenden ab dem dritten Semester haben von 9 bis 14 Uhr Unterricht, die unteren Semester von 14.30 bis 19.30 Uhr. Kapazitätsgründe. „Hätten wir alle Studierenden gleichzeitig hier, würden die Räume nicht reichen“, erklärt Schulleiter Rausch. „Wer will, kann sich dennoch die ganze Zeit im Hause aufhalten.“ Etwa im „Chill-Out“-Bereich im vierten Stockwerk. Ein Raum mit bunten Sitzsäcken, einer Palme, dazu eine Einbauküche und Zugang zur Terrasse, die an sonnigen Tagen einlädt, mal kurz abzuschalten und das Wetter zu genießen.

Nach dem Abschluss an der Kunstschule Wandsbek haben die Absolventen die Möglichkeit, an einer internationalen Partneruniversität zusätzlich den Titel Master of Arts zu erwerben. Ihren Master können die Absolventen nicht in Deutschland machen, weil hierzulande der erworbene Abschluss an den Unis nicht anerkannt wird.

Welchen Beruf sie später ausüben will, weiß Mona Kumm noch nicht. Auf dem Arbeitsmarkt rechnet sie sich gute Chancen aus. Schulleiter Rausch berichtet lächelnd, dass etliche Absolventen in großen Werbeagenturen in Hamburg oder Berlin untergekommen sind. Andere arbeiten etwa für Fernsehsender oder haben sich selbstständig gemacht. Für Rausch ein Indiz, dass die Kunstschule Wandsbek eine gute Adresse für angehende Kommunikationsdesigner ist. „Unser Konzept ist super.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+