50 Jahre Einwanderung aus der Türkei: Hemelinger blicken zurück und feiern am Tag der Menschenrechte

Viele nachdenkliche Töne

Es ist der Tag der Menschenrechte, an dem im Saal des Bürgerhaus Hemelingen zahlreiche Nachbarn zusammenkommen. Sie feiern und erinnern an die ersten Einwanderer vor 50 Jahren aus der Türkei nach Deutschland, nach Bremen und nach Hemelingen. Neben dem türkischen Buffet und der Musik einer Sita steht die Aufarbeitung der vergangenen 50 Jahre, stehen Forderungen und Anklagen, stehen gebrochene Lebensläufe im Abendprogramm.
15.12.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Edwin Platt und Kornelia Hattermann

Es ist der Tag der Menschenrechte, an dem im Saal des Bürgerhaus Hemelingen zahlreiche Nachbarn zusammenkommen. Sie feiern und erinnern an die ersten Einwanderer vor 50 Jahren aus der Türkei nach Deutschland, nach Bremen und nach Hemelingen. Neben dem türkischen Buffet und der Musik einer Sita steht die Aufarbeitung der vergangenen 50 Jahre, stehen Forderungen und Anklagen, stehen gebrochene Lebensläufe im Abendprogramm.

Hemelingen. Die Feier zu 50 Jahre Einwanderung im Saal des Bürgerhauses Hemelingen ist aufwendig vorbereitet. Im Eingang des Bürgerhauses steht ein langer Büchertisch, mit Werken von Yasar Kemal und Nazim Hikmet. Am Tischende liegen rote Hefte mit der Aufschrift "Brücke" und "Köprü" auf der zweiten Titelseite. Darin werden soziale Themen in deutscher und in türkischer Sprache behandelt. In dieser Ausgabe erstmals die Regelungen zur Schwerbehinderung.

Gegenüber des Büchertisches sind alte Erinnerungsstücke ausgestellt, die die Einwanderer mitgebracht und aufbewahrt haben, beispielsweise eine Fahrkarte von Istanbul nach München, 50 Jahre alt.

In einem Halbkreis sind sechs Stellwände angeordnet, die Geschichten von und über türkische Zuwanderer erzählen, die heute in Hemelingen zu Hause sind. Hemelinger Schülerinnen und Schüler haben die Dokumentation erarbeitet.

Auf dem Programm des Abends stehen Grußworte von Politikern vieler Parteien, Sketche über die erste Generation türkischer Einwanderer, die Filmdokumentation "angeworben - angekommen - ausgegrenzt" und Volksmusik, live gespielt von der Bremer Formation "Memleket Atesi". Auf der Rückseite des Programms steht noch etwas: "Leben, einzeln und frei wie ein Baum und bürgerlich wie ein Wald, ist unsere Sehnsucht" von Nazim Hikmet. Diese Worte haben etwas Bezeichnendes für diesen Abend und für die Situation der Feiernden.

Im Zwiespalt

Der Zwiespalt zwischen einem einzeln stehenden Baum und der Gemeinschaft des Waldes oder den gepflegten türkischen Traditionen mitten in Hemelingen oder einem Johannisbrotbaum im Birkenhain ist nicht einfach aufzulösen. Als die ersten Gäste mit Glastassen vom Buffet zu den Tischen gehen, um starken Tee zu trinken, begrüßt Rahmi Tuncer vom Anatolischen Bildungs- und Beratungszentrum die Anwesenden und betont: "Wir haben bewusst den Tag der Menschenrechte für unsere Feier gewählt."

Rahmi Tuncer ist ein Motor der türkisch- deutschen Verständigung in Hemelingen. Er hat die Filmdokumentation "angeworben - angekommen - ausgegrenzt" gedreht, er hat das Fest mit initiiert und er ist in die Dokumentation von den Hemelinger Schülerinnen eingebunden. Er wirbt Fördergelder für Projekte ein. Das Mikrofon reicht der Engagierte an Bürgerschaftsabgeordneten Elombo Bolayela weiter. "Wir sind alle Bremer. Wir sind alles Nachbarn. Lasst uns feiern", sagt das SPD-Mitglied. Claudia Bernhard von der Links-Fraktion sagt zur Debatte um die Begrenzung des Ausländeranteils in einer Kleingartenanlage nördlich von Hamburg: "So etwas müssen wir unterbinden."

"Das Anwerbeabkommen hatte Fehler. Heute sind wir dabei, diese zu korrigieren", sagt der Verwaltungswirt Andreas Hipp (CDU). Ralf Bohr von den Grünen in Hemelingen erzählt von seinen ersten Kontakten zu einem Türken in der Schule: "Der kam in unsere Klasse und saß da, eine Woche. Dann war er wieder weg. Der konnte kein Wort Deutsch."

Im Sketch der Hemelinger Türkinnen geht es um die erste medizinische Untersuchung der Arbeiter in der Türkei, die vieles auf sich nahmen, um in Deutschland arbeiten zu dürfen.Die gespielten Untersuchungen erinnern an die Beschau eines Arbeitspferdes inklusive Gebisskontrolle.

Im anschließenden Film "angeworben - angekommen - ausgegrenzt" wird ein gesellschaftlicher Stimmungsumbruch in den neunziger Jahren deutlich. Waren die eingewanderten Arbeiter bis dahin Kollegen der Deutschen, wurden sie nun zu Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Lockte einst guter Verdienst die Einwanderer, reicht heute die Rente nicht. Bestand der Wunsch zurückzukehren, leben heute Kinder und Enkel in Deutschland.

Heute getrennte Wege

Bei Unterbringungen in Vierbettzimmern in Sebaldsbrück gab es bei Hanomag 400 Mark Gehalt (deutsche Mitarbeiter bekamen 800 Mark ohne die einfache Unterkunft). Türken und Deutsche tranken anfangs gemeinsam das Feierabendbier. Arbeiter waren gesucht, ob es Nordmende oder Hanomag oder Mercedes war. Heute gehen Kollegen verschiedener Herkunft bei Mercedes getrennte Wege, so die Eindrücke aus den Filminterviews. "Früher war ich ganz alleine und ging nachts nach Hause ohne Angst zu haben. Wenn heute meine Kinder abends zu spät kommen, habe ich Angst," sagt ein Einwanderer.

Karin Schüdde, Diakonin der evangelischen Gemeinde Hemelingen sitzt zwischen feiernden Frauen bei Tee und Keksen. Dora Hartmann von SWB holt sich ihren persönlichen Eindruck vom Fest, bevor die Musik von Bass, Schlagzeug, Sita und Gesang jedes Gespräch abschneidet.

Rahmi Tuncer animiert vor der Bühne zum Tanzen, das Buffet ist schon ziemlich abgeräumt. Die junge Sibel Cetin singt davon, dass sie noch klein ist und größer werden wird, wachsen wird an den Schwierigkeiten des Lebens. Ein Fest mit nachdenklichen Tönen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+