Bremen ist ein Hort von Millionären

Viele Reiche im armen Bremen

Bremen und die Bremer sind arm. Das weiß die ganze Republik. Nirgendwo ist die Pro-Kopf-Verschuldung so hoch wie im kleinsten Bundesland. Genauso sind Bremen und die Bremer aber auch reich.
13.01.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Viele Reiche im armen Bremen
Von Jürgen Hinrichs
Viele Reiche im armen Bremen

Wahrer Reichtum: Die auf der Lürßen-Werft unter dem Projektnamen „ Quantum Blue“ gebaute 104 Meter lange Yacht. Auch die Familie Lürßen zählt zu den Reichen in Bremen.

Marcus Meyer

Bremen und die Bremer sind arm. Das weiß die ganze Republik. Nirgendwo ist die Pro-Kopf-Verschuldung so hoch wie im kleinsten Bundesland. Genauso sind Bremen und die Bremer aber auch reich.

Bremen und die Bremer sind arm. Das weiß die ganze Republik. Nirgendwo ist die Pro-Kopf-Verschuldung so hoch wie im kleinsten Bundesland. Nirgendwo leben so viele Kinder, fast jedes dritte, in materiell prekären Verhältnissen. Genauso sind Bremen und die Bremer aber auch reich, mit einer starken Wirtschaftskraft und Menschen, die viel Geld verdienen oder besitzen. Ein Land der Millionäre, wie neue Zahlen der Arbeitnehmerkammer belegen.

Wenn der Senat an diesem Dienstag zum zweiten Mal nach sechs Jahren den Armuts- und Reichtumsbericht vorstellt, liegt das Hauptaugenmerk wieder auf den Menschen, die von der Hand in den Mund leben müssen. Bremen, so sagen es die Wohlfahrtsverbände, ist das soziale Problemgebiet Nummer 1 in Deutschland. Klar, dass die rot-grüne Landesregierung sich deshalb vor allem dem Kampf gegen die Armut widmen will und dafür nun eine neue Datengrundlage geschaffen hat. Das Kapitel über den Reichtum in Bremen wird in dem mehr als 400 Seiten starken Bericht indes wieder klein ausfallen. Doch es gibt sie, die Menschen mit dickem Portemonnaie, und nicht wenige davon.

Nach Zahlen der Arbeitnehmerkammer, die in den neuen Armuts- und Reichtumsbericht eingegangen sind, hat es allein bei den Einkommen aus Vermögen, also aus Dividenden, Zinsen, Pachten und anderen Quellen, einen eklatanten Anstieg gegeben. Bremen lag demnach mit einem Plus von 36,6 Prozent in den Jahren zwischen 2005 und 2011 mit weitem Abstand an der Spitze aller Bundesländer, gefolgt von Bayern und Hamburg. Auf den letzten Platz in der Tabelle kommt das Saarland.

Deutlich nach oben gegangen sind in Bremen auch die Einkommen aus Gehältern, insbesondere im Spitzenbereich. Die Arbeitnehmerkammer bezieht sich auf Zahlen der Steuerstatistik. Demnach gab es in den Jahren zwischen 2004 und 2007 bei den höchsten Gehältern einen Anstieg von durchschnittlich 88 Prozent. Rund 1400 Bremer verdienten 2007 mehr als 250 000 Euro im Jahr. Frischere Daten gibt es nicht, weil die Finanzämter wegen der komplexen Steuersystematik erst spät ihre Abschlussrechnungen vorlegen können.

Die Zahl der Einkommens-Millionäre hat sich im selben Zeitraum mehr als verdoppelt. Seitdem ist sie weitgehend konstant geblieben, jedenfalls bis zum Jahr 2010, da waren es nach Erkenntnissen der Arbeitnehmerkammer 160 Menschen, die über ein Jahreseinkommen von mehr als einer Million Euro verfügten. Fünf davon kamen aus Bremerhaven, der Rest aus der Stadt Bremen. Wie viele Vermögens-Millionäre es im kleinsten Bundesland gibt, lässt sich nach dem Wegfall der Vermögenssteuer vor 18 Jahren nicht mehr verlässlich ermitteln. Nur die Einkommen aus Vermögen werden steuerlich erfasst und nicht mehr das Vermögen selbst.

Mittelplatz beim Städtevergleich

Hohe Einkommen, große Vermögen in einem Bundesland, das als bettelarm gilt. Doch wie steht Bremen im Vergleich da? Besser als man gemeinhin denkt. Nach Erhebungen der statistischen Landesämter und eigenen Berechnungen der Arbeitnehmerkammer liegt Bremen bei den Einkommen seiner Bürger, die in den entsprechenden Tabellen in der Summe die sogenannten Reichtumsquoten ausmachen, nach Hessen und Hamburg auf dem dritten Platz. Weil es aber oft die sprichwörtlichen Äpfel und Birnen sind, die miteinander verglichen werden, wenn Stadtstaaten und Flächenländer in einen Topf geworfen werden, haben die Statistiker der Kammer auch einen Vergleich allein zwischen den Städten angestellt. Einsam an der Spitze, und nicht überraschend, liegt demnach München, gefolgt von Frankfurt, Stuttgart, Düsseldorf und Hamburg. Bremen besetzt zusammen mit Berlin in dem 16er-Feld einen hinteren Mittelplatz. Vorletzter in dem Vergleich ist Bremerhaven, das aber noch deutlich vor Duisburg liegt.

Die 500 reichsten Deutschen: Namen aus Bremen und der Region

Wer reich ist und über viele Millionen verfügt, zeigt das nicht unbedingt gerne her, zumal in einem Bundesland, in dem angesichts leerer öffentlicher Kassen allenthalben Bescheidenheit gepredigt wird. Es ist ein leiser Luxus, den sich die Menschen mit Vermögen in Bremen leisten. Gerne erzählt wird, dass sie zum Einkaufen lieber nach Hamburg fahren – nur nicht auffallen! Das kann, wenn es denn stimmt, natürlich auch mit dem Angebot in den Geschäften zu tun haben. Wie auch immer, sicher ist, dass in Anlehnung an einen Filmtitel aus den 70er-Jahren der Charme der Bourgeoise meist sehr diskret ist.

Großes Aufsehen erregt deshalb regelmäßig, wenn das „manager magazin“ einmal im Jahr die Liste der 500 reichsten Deutschen veröffentlicht. Als Quellen für die Angaben werden Archive, Register, Anwälte, Vermögensverwalter, Bankmanager und die Vermögenden selbst genannt. Ob die Daten deswegen bis zur letzten Ziffer hinter dem Komma belastbar sind, darf bezweifelt werden. Zu verschlungen sind die Wege von Kapital und Vermögen in einer globalisierten Welt. Doch als Gradmesser taugt die Liste allemal: Wer ist ab-, wer aufgestiegen? Bei wem hält es sich die Waage?

Bremen und die Region betrachtet, gibt es bezogen auf das Jahr 2014 den ersten Eintrag auf Platz 18 der Liste. Dort wird die Familie Jacobs geführt, ehemals Jacobs Suchard mit Sitz in Bremen, heute Barry Callebaut und Adecco mit Sitz in der Schweiz. Das Vermögen: 5,5 Milliarden Euro, eine halbe Milliarde mehr als im Vorjahr. In der Region wird Jacobs nur noch von einem Mann aus Ostfriesland übertroffen: Aloys Wobben mit dem Windenergieunternehmen Enercon, der 5,8 Milliarden Euro auf die Waage bringt, etwas mehr als im Vorjahr.

Klaus-Peter Schulenberg

Klaus-Peter Schulenberg

Foto: DB Cts Eventim, dpa
Klaus-Peter SchulenbergBernard MeyerFamilie LürßenFamilie KochHeino WührmannFamilie Dieckell

Was ist Reichtum?

Wer ist wohlhabend, vermögend oder gar reich? Das Institut der deutschen Wirtschaft sagt es so: Wer nach Abzug der Verbindlichkeiten noch über Sach- und Finanzwerte von mindestens 261 000 Euro verfügt, gehört zu diesem Kreis dazu. Eine andere Definition setzt beim Einkommen an: Wer mehr als eine Million Euro im Jahr verdient, darf sich zur finanziellen Oberschicht zählen. Möglich ist aber auch diese Rechnung, die von der Arbeitnehmerkammer zitiert wird: Reich ist, wer das Doppelte des sogenannten Nettoäquivalenzeinkommens verdient. Die Rechnung ist ein wenig kompliziert und kommt am Ende zu dem Schluss, dass pro Person bereits ein Nettoeinkommen von rund 3500 Euro ausreicht, um sich vielleicht nicht reich zu fühlen, es aber zu sein.

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