Die Solidaritätsgruppe Sympáthia unterstützt die griechische Bevölkerung seit einem Jahr von Bremen aus „Vielen Menschen geht es richtig schlecht“

Bahnhofsvorstadt·Schwachhausen. Griechenland ist arg gebeutelt. Seit knapp fünf Jahren leidet das südosteuropäische Land unter den Auswirkungen der Finanzkrise, vor allen Dingen der ärmere Teil der Bevölkerung ächzt unter den Kürzungen.
27.08.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Markwort

Griechenland ist arg gebeutelt. Seit knapp fünf Jahren leidet das südosteuropäische Land unter den Auswirkungen der Finanzkrise, vor allen Dingen der ärmere Teil der Bevölkerung ächzt unter den Kürzungen. „Vielen Menschen geht es richtig schlecht“, erklärt Ingeborg Danielzick von der Bremer Solidaritätsgruppe „Sympáthia“. Gemeinsam mit zahlreichen Mitstreiterinnen und Mitstreitern versucht die Neustädterin seit rund anderthalb Jahren, das Leiden der griechischen Bevölkerung zu mildern. „Wir wollen auf dieses Leid aufmerksam machen“, verdeutlicht Danielzick, „Griechenland steuert aus unserer Sicht frontal auf eine humanitäre Katastrophe zu.“

Besonders deutlich spürbar seien die Auswirkungen der europäischen Austeritätspolitik in den ländlichen Regionen. Dorothee Vakalis lebt im Norden des Landes und steht in ständigem Kontakt zu Ingeborg Danielzick. „Viele Bauern haben neben den finanziellen Einbußen durch die Schuldenpolitik der Troika auch unter fehlenden Einnahmen aufgrund schlechter Ernten zu leiden“, teilt sie den Bremern Unterstützern per E-Mail mit. Die Griechin könne sich „sehr gut vorstellen, dass griechische Bauern sich zu Konsumentengenossenschaften zusammenschließen, um anderen genossenschaftlichen Betrieben deren Produkte direkt abzunehmen, ohne einen Zwischenhändler bedienen zu müssen oder die Produkte illegal zu vertreiben “.

In Frankreich ist man weiter

Aus ihrer Sicht stelle Frankreich vor diesem Hintergrund ein glänzendes Beispiel dar, wie es funktionieren könnte. Dort kaufen insbesondere jüngere Bauern ein kleines Stück Land oder nehmen sich zu günstigen Konditionen ein Darlehen auf, mit dem sie sich ihr Stückchen Land kaufen zum Bebauen können. „In Frankreich ist man wesentlich weiter fortgeschritten“, beurteilt die Griechin die aktuelle Situation.

Der Europa-Parlamentarier Sven Giegold von den Grünen beurteilt die jüngst verabschiedete Einigung über das dritte Hilfspaket mit seinem Umfang von geschätzten 86 Milliarden Euro zum einen als „schwere Niederlage für Schäuble“, zum anderen hegt Giegold Zweifel an der Wirksamkeit der mittlerweile dritten Finanzhilfe der Troika für Griechenland. „Das ist kein echtes Hilfspaket, es dient vielmehr der Tilgung von bereits gemachten Staatsschulden“, urteilt der Finanzexperte. Aus seiner Sicht würde damit außerdem der Rekapitalisierung der griechischen Banken gedient, welche später durch die Privatisierung einzelner Bankhäuser refinanziert würde.

Als zweischneidiges Schwert bewertet Giegold zudem die von der Troika angemahnten Strukturreformen. „Gerade im Bereich des Finanzsektors enthält dieses Paket sinnvolle Reformansätze“, urteilt Giegold, „allerdings sind darin auch einige soziale Schieflagen enthalten“.

Bereits niedrige Renten würden noch weiter gekürzt, vermögende Griechen hätten im Rahmen eines Lastenausgleichs seiner Meinung nach deutlich höher besteuert werden müssen. Auch die prognostizierte Rezession für die kommenden zwei Jahre werde zu weiterer Armut und einer noch höheren Arbeitslosigkeit führen, mahnt der Experte. Giegold fordert – ähnlich wie auch der Großteil der Bremer Unterstützer – eine Schuldenerleichterung für das geplagte Land. „Die ist dringend notwendig“, ist Giegold überzeugt, „sonst hängt der Grexit-Hammer weiterhin über Griechenland.“

Seit ihrer Gründung im Frühjahr 2014 haben sich die Mitglieder von „Sympáthia“ bundesweit mit anderen sozial engagierten Organisationen vernetzt. „Wir organisieren in Deutschland verschiedene Informationsveranstaltungen, Straßenaktionen oder griechische Feste“, erklärt Chaidoula Lymperoudi-Christoffers aus Bremen-Nord, die sich gemeinsam mit Ehemann Claus bei „Sympáthia“ für ihr Heimatland engagiert. Konkret würden aktuell drei Projekte im Norden Griechenlands unterstützt. Für „KIA“, eine solidarische Praxis im Saloniki, sammeln die Mitglieder in deutschen Arztpraxen und Apotheken hochwertige, nicht abgelaufene Medikamente. Der Elternverein „O Philippos“ kümmert sich um Kinder und Jugendliche mit zum Teil erheblichen geistigen oder körperlichen Behinderungen und die Nachbarschaftsinitiative „Epanomi“ erleichtert das (Über-)leben sehr armer Familien in einem griechischen Dorf.

„Einige unserer Mitglieder haben im Frühjahr an einer Studienreise nach Thessaloniki teilgenommen“, erklärt Ingeborg Danielzick, „dort haben sie unter anderem die Fabrik ’Vio Me’ besichtigt.“ Diese Fabrik wurde 2011 von den Arbeitern übernommen, um die Arbeitsplätze zu erhalten. „Anstatt Baumaterial herzustellen“, so Danielzick, „wird dort jetzt biologische Seife hergestellt.“

Innerhalb einer Informationsveranstaltung will „Sympáthia“ Interessierte am Dienstag, 10. November, um 18 Uhr im DGB-Haus am Hauptbahnhof über diese Form der solidarischen Ökonomie aufklären. Gleichzeitig wird dort auch mittels verschiedener Filmausschnitte und persönlicher Erfahrungsberichte der Unterstützer die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung Griechenlands berichtet.

„Griechenland verkommt zu einer Art EU-Protektorat“, mahnt Gerd Bock aus Horn-Lehe. Die Selbstbestimmung werde der griechischen Bevölkerung „Stück für Stück“ genommen, zahlreiche Reformen würden den Menschen von Brüssel aus aufgezwungen. Bock: „So wurden zum Beispiel aus Bankenschulden neue Landesschulden, auch die übrigen Reformen haben an der Krise an sich nichts geändert, sondern die Schuldenspirale sich im Gegenteil noch stärker abwärts drehen lassen.“

Margareta Steinrücke aus dem Steintor-Viertel stimmt ihrem Mitstreiter zu: „Die griechische Bevölkerung leidet immer stärker unter den harschen Bedingungen der EU. Besonders bei der Verpflegung und der medizinischen Versorgung mangelt es derzeit gewaltig.“ Die Bremer Gruppe „Sympáthia“ wolle mit ihren Mitteln für eine „Gegen-Öffentlichkeit“ sorgen, weil die deutsche Presse oft einseitig und teilweise falsch über die griechische Misere berichte. Auf den WESER-KURIER treffe das aber nicht zu, betont sie.

Die Bremer Solidaritätsgruppe „Sympáthia“ kommt an jedem zweiten Mittwoch im Monat um 18 Uhr im Forum Kirche, Hollerallee 75, zusammen, das nächste Treffen ist für Mittwoch, 12. September, vorgesehen. Interessierte, die Sympthia“ entweder finanziell oder mit ehrenamtlicher Arbeitskraft unterstützen oder (noch nicht abgelaufene) Medikamente für Griechenland spenden möchten, können sich entweder bei Ingeborg Danielzick (Telefon 34 61 522) oder bei Gerd Bock (3498 055) über die einzelnen Sammelstellen in Bremen informieren.

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