Trauer um Litfass-Betreiber Viertel-Urgestein Norbert Schütz unerwartet gestorben

Er war die gute Seele am Ostertorsteinweg. Eine Institution in seinem Quartier. Am Donnerstag ist der Litfass-Betreiber Norbert Schütz mit nur 57 Jahren plötzlich und unerwartet gestorben.
24.02.2017, 09:31
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Viertel-Urgestein Norbert Schütz unerwartet gestorben
Von Pascal Faltermann

Er war die gute Seele am Ostertorsteinweg. Der Mann mit dem stets freundlichen Lächeln. Der Wirt der Kneipe Litfass. Ein Mensch mit viel positiver Energie. Eine Institution in seinem Quartier. Ein Kind des Viertels.

Mit seinem Optimismus und seinem Enthusiasmus brachte er Menschen zusammen. Er suchte nach den Verbindungen. Am Donnerstagmorgen ist Norbert Schütz im Alter von nur 57 Jahren plötzlich und unerwartet gestorben. Am Montag war der bekannte Gastronom aus dem Litfass ins Krankenhaus eingeliefert worden. „Das Herz des Viertels hat aufgehört zu schlagen“ schreibt sein Freund Fernando Guerrero, der Wirt und Chef der Eckkneipe Eisen. Schütz hinterlässt eine Frau und zwei Kinder.

Norbert Schütz setzte sich für die kulturelle Vielfalt, für mehr Spielräume für Musiker und den Wert von Kultur in Bremen ein. Mit dem Verein Clubverstärker schaffte er es, den Großteil der Veranstalter und Clubbesitzer in Bremen zusammenzubringen. Als Vorsitzender des Netzwerks von Bremer Live-Clubs vertrat er deren Interessen auch im Bundesverband der Livekomm. Als treibende Kraft schob er zahlreiche Projekte nicht nur im Bremer Viertel an.

So schaffte es Schütz, gemeinsam mit Politik, Stadtamt und anderen Behörden einen Weg zu finden, auf den sich alle einigten. Den Kneipenbesitzern wurde gestattet, ein Konzert pro Monat zu veranstalten, das elektrisch verstärkt ist. Ebenso erlaubt wurden Bands, die mit Schlagzeug auftreten. Also Konzerte, die einen entsprechenden Schallpegel erreichen. Es gab eine Einigung, damit die Gastronomen ihr kulturelles Programm planen können. Unverstärkte Konzerte von Singer-Songwritern wurden nicht gedeckelt. Selbstverständlich ließ er regelmäßig junge Bands aus der ganzen Welt in der schlauchförmigen Kneipe am Ostertorsteinweg auftreten. Dass ihm vor allem Subkultur am Herzen lag, zeigte er dadurch, dass er immer wieder neue, oft unbekannte Künstler eine Wand in der Kneipe Litfass gestalten ließ.

Andere Kneipenbesitzer oder Clubbetreiber betrachtete Norbert Schütz nie als Konkurrenten. Für ihn waren es Kollegen, Freunde und Unterstützer. Er entwickelte lieber gemeinsame Ideen und organisierte Treffen. „Wir haben miteinander gelacht, getrunken und Pläne geschmiedet … von allem reichlich. Norbert war unser Klassensprecher und Mannschaftskapitän“, schreibt Eisen-Gastronom Guerrero über ihn.

Norbert Schütz kannte im Viertel so ziemlich jeden. Und er hatte die seltene Gabe, auch mit fast allen eine gemeinsame Ebene zu finden. Sein Handeln war immer darauf aus, die Einzelteile zusammenzusetzen, statt sie einzeln zu betrachten. „Er wird ein so riesiges Loch hinterlassen, das nicht zu füllen ist“, sagt seine Clubverstärker-Kollegin Julia von Wild. Und der Autor und Künstler Sönke Busch sagt: "Er ist ein bisschen früher als wir gegangen. Aber das hat Norbert schon immer so gemacht."

"Er war unser Mannschaftskapitän“

"Dass Norbert nun weg sein soll – das macht mich einfach nur unheimlich leer. Leer und sehr traurig. Ich muss zugeben, dass es wirklich nur wenige Leute gibt, von denen ich Ratschläge annehme. Norbert war so jemand", sagt Olli Brock, Besitzer des Tower Musikclubs. Gemeinsam mit Schütz hatte er an der Sielwallkreuzung ein halbes Jahr den Rock ’n’ Roll-Laden Malene betrieben. Schütz habe es geschafft, dass er, Brock, auch mal einen anderen Blick auf viele Dinge geworfen habe, und sei auf der anderen Seite selbst immer offen für Ratschläge gewesen. "Ich fühlte mich stets ernst genommen von ihm – egal, mit welcher verrückten Idee ich mal wieder in seinem kleinen Büro über dem Litfass aufgetaucht bin", sagt der Tower-Chef. Genau aus diesem Grund wollte er Norbert Schütz auch bei dem Projekt "Malene" dabei haben. "Zunächst wollte er gar nicht, aber wenn man ihn von einer Idee begeistern konnte, dann hat er dafür gebrannt und das Ding mit allem, was er hatte, verteidigt. So war es auch bei der Malene. Und so war es beim Clubverstärker", sagt Brock. Schütz habe alles gegeben und sei daher nicht zu ersetzen. Weder als Kollege noch als Vorstandsvorsitzender und vor allem auch nicht als Freund und Vorbild. Außerdem habe er immer den besten Cortado (Kaffeespezialität) gemacht, doch auch der werde nun anders schmecken. "Die Tatsache, dass er nun nicht mehr da ist, wird das Leben für einige Menschen schwerer machen. Meins gehört auf jeden Fall dazu."

Auch Gero Stubbe, Veranstalter bei Koopmann Concerts, war ein langjähriger Wegbegleiter von Schütz. "Das Herz des Viertels hat aufgehört zu schlagen – das trifft es ganz genau", sagt Stubbe. Musiker Gunnar Riedel, Schlagzeuger der Band Rhonda, war eigentlich in dieser Woche noch verabredet mit Schütz, um eine Aftershow-Party im Litfass nach dem Rhonda-Konzert am 25. März zu organisieren. "Norbert war ein enger Freund und Förderer der Band – wir haben unseren allerersten Auftritt bei ihm im Litfass gespielt. Die erste Gage für Rhonda war von ihm", so Riedel. Seine Bedeutung für die Kultur in Bremen sei kaum in Worte zu fassen. "Er war immer Motor und Ideengeber. Und unfassbar großzügig. Für jeden hatte er ein offenes Ohr. Ich bin so unsagbar traurig, fassungslos und durchgeschüttelt – es ist sehr ungerecht, der Schmerz sitzt sehr tief. Norbert war ein toller Typ, ich und wir alle werden ihn immer vermissen." Heiner Hellmann, Geschäftsführer des Pier 2 und Litfass-Stammgast, sagt: "Er war einer der großen kreativen Köpfe. Mit ihm geht einer der guten Teile Bremens."

Als vor zwei Jahren sein Vater Arnold 'Pico' Schütz, Ehrenspielführer und Fußball-Legende beim SV Werder Bremen, starb, ließ er über den Bundesliga-Verein mitteilen, dass die Menschen im Weserstadion nicht nur trauern und schweigen, sondern aufstehen und klatschen sollen. Die Menschen standen und applaudierten. „Seine Seele lebt weiter", sagt Fernando Guerrero. "Es ist unser Job, dafür zu sorgen. Ich denke, das würde er uns jetzt sagen."

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