Polizei registriert erheblich mehr Fälle

Viertel-Wirt warnt vor Überfällen

Fernando Guerrero, Barmann des „Eisen“, sorgt sich ums Viertel. Diebstähle, Raubüberfälle und Körperverletzungen - immer häufiger kommt es zu Gewalt.
27.10.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Viertel-Wirt warnt vor Überfällen
Von Christian Weth
Viertel-Wirt warnt vor Überfällen

Ein Streifenwagen patrouilliert im Steintor: Die Polizei hat ihre Präsenz im Viertel verstärkt.

Karsten Klama

Fernando Guerrero, Barmann des „Eisen“, sorgt sich um Kriminalität im Viertel. Ihn bestürzt besonders die Gewalt einer Gruppe afrikanischer Jugendlicher und junger Männer – und vor denen warnt er deshalb jetzt öffentlich. Genauso wie die Polizei, die das schon seit Monaten macht. Seit eben die Zahl der Raubüberfälle auf der Straße steigt. Nicht nur im Viertel.

Guerrero hat es mal überschlagen: Allein die Zahl der betroffenen Menschen, die er persönlich kennt, ist knapp zweistellig. In den vergangenen zwei bis drei Wochen, schreibt er im sozialen Netzwerk Facebook, hat er von mehr Diebstählen, Raubüberfällen und Körperverletzungen erfahren als im gesamten Jahresverlauf. In der Regel, meint der Wirt, beginnt alles ganz harmlos, ehe es ernst wird: mit einer Umarmung auf dem Bürgersteig, der Frage nach einer Zigarette oder Feuer.

Knapp vier Stunden, nachdem der Wirt seine Warnung veröffentlicht hat, geschieht der nächste Überfall. Das Opfer heißt Arne Hoppen und liegt noch immer im Krankenhaus. Der 25-jährige Student der Wirtschaftswissenschaften musste notoperiert werden. So berichtet es sein Vater Hans-Joachim Hoppen. Die Täter, sagt er, verletzten eine Arterie im Gesicht seines Sohnes.

Das Reden fällt dem Studenten immer noch schwer. Er sagt, dass er auf dem Heimweg vom Freimarkt zur Wohnung in der Humboldtstraße von hinten erst umarmt, dann festgehalten worden war. „Dann kamen die Schläge.“ Nach seinen Worten waren es mehrere Täter. Er beschreibt sie so, wie sie im Internet von Wirt Guerrero beschrieben werden. Darum, sagt Hoppen, ist er überhaupt auf den Facebook-Eintrag aufmerksam geworden.

Es beginnt mit dem Antanztrick

Darin warnt der Barkeeper nämlich nicht vor irgendwem, sondern vor einer „Gruppe minderjähriger Nordafrikaner“, die „nicht sonderlich groß“ und „aufgepimpt im Marko-Arnautovic-Stil unterwegs“ sind. Der Barkeeper schreibt auf Facebook, dass er lange gezögert hat, das Erscheinungsbild der Personen zu benennen. Andererseits will er aber auch nicht, dass Passanten vor jedem, dem sie nachts im Viertel begegnen, Angst bekommen und „bei jedem ,Hallo’ zusammenzucken“.

Der klassische Täter beim sogenannten Antanztrick, bei dem vermeintlich sinnlose Umarmungen im Spiel sind, wird von der Polizei ähnlich beschrieben. Er kommt aus Marokko oder Nigeria, ist ein Jugendlicher oder junger Erwachsener und in Sachen Diebstahl gut ausgebildet. Vom Arnautovic-Style sprechen die Beamten nicht. Dafür belegen sie, was der Wirt, der keine Statistik hat, nur vermuten kann: Immer öfter werden Passanten Opfer eines solchen Straßenraubes. Sogar erheblich öfter. Polizeisprecher Dirk Siemering sagt, dass die Zahl der registrierten Fälle in den ersten sechs Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr drastisch zugenommen hat. Wie viele es sind, sagt er nicht. Nach Angaben von Polizisten ist mittlerweile ein Ausmaß erreicht, dem sie nur noch schwer begegnen können.

Verhaltenstipps für Gäste

Siemering nennt andere Zahlen. Er sagt, dass ungefähr die Hälfte einer Gruppe von rund 40 Jugendlichen, die durch solche Straftaten aufgefallen sind, mittlerweile in U-Haft genommen wurde. Dass die Polizei ihre Präsenz insbesondere im Viertel und am Bahnhof verstärkt hat. Und dass die Zahl der Vorfälle zumindest im September eingedämmt werden konnte. Was das in Ziffern heißt, lässt er ebenfalls offen. Zur Warnung des Wirts will er sich nicht äußern. Das machen andere. Bis Montagabend hatten 1374 Personen den Gefällt-mir-Button auf Facebook angeklickt.

Barkeeper Guerrero warnt nicht nur wie die Polizei. Er gibt auch Tipps wie sie. Seine dringlichsten hat er mit Spiegelstrichen versehen. Ein Rat lautet: „Nehmt nur eine überschaubare Summe an Bargeld mit (...) und verwahrt Geld wie Handy eng am Körper“. Ein anderer: „Geht möglichst nicht alleine (...) durch dunkle Seitenstraßen. Zu zweit oder dritt passt Ihr gleich viel weniger ins Opferschema.“ Und: „Wenn sich Euch Leute, die Ihr nicht kennt, unvermittelt nähern (...), dann habt keine Hemmungen, den Typen laut zuzurufen, dass sie Abstand halten sollen.“ Dass das alles so klingt, als wären die Straßen im Viertel nicht mehr sicher, hat auch Guerrero gemerkt. Deshalb schreibt er, dass er keine Panikmache will und auch keine Bürgerwehr, die nachts auf den Straßen patrouilliert. Er will nur, dass alle Gäste und Barkeeper „wieder halbwegs entspannt den Laden verlassen können“.

Den ersten Rat hat Arne Hoppen befolgt. Er nahm nur so viel Geld zum Freimarkt mit, wie er ausgeben wollte. Und das Handy trug er so eng am Körper, dass die Täter es nicht fanden. Die Räuber, sagt sein Vater, erbeuteten fünf Euro und eine Uhr, die nur einen persönlichen Wert hatte. Den zweiten Tipp konnte der Student nicht befolgen, weil er allein unterwegs war. Und für den letzten, sagt er, ging alles viel zu schnell. Kaum hatte er sich aus der Umarmung der Täter befreit, lag er schon am Boden.

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