St.-Johannes-Gemeinde Vietnamesischer Pastor lädt zum Kochen

Als Gastpastor hilft De Van Nguyen drei Monate in der St.-Johannes-Gemeinde in Schwanewede aus. Er nutzt die Zeit auch, um über seine Heimat Vietnam zu informieren.
13.04.2018, 19:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Gabriela Keller

Schwanewede. "Die Gemeinde ist sehr singfreudig", hat De Van Nguyen bereits festgestellt. Seit Mitte März hilft er als Gastpastor in Schwanewede aus. In der Kirchengemeinde St. Johannes vertritt der 74-Jährige für drei Monate Pastor Christian Klotzek, der aus Krankheitsgründen vorübergehend pausieren muss.

Zu seinen Aufgaben im Vertretungsdienst gehört für Van Nguyen all das, was ein Pastor üblicherweise so macht. Der Aushilfsgeistliche leitet Gottesdienste und führt Trauungen durch. An diesem Vormittag stand eine Beerdigung auf dem Plan, jetzt am Nachmittag bereitet er in der Kirche unterstützt von Diakonin Britta Helterhoff eine Gruppe von Konfirmanden auf die anstehende gemeinsame Abendmahlsfeier vor.

Seine Zeit in Schwanewede nutzt der Gastpastor auch, um der Gemeinde mit Vorträgen und weiteren Veranstaltungen seine Heimat näherzubringen: Vietnam. In Giai Xuan, einem kleinen Dorf im Mekongdelta, wurde er 1944 geboren. Vor den Bomben der Japaner, die im Zweiten Weltkrieg an der Seite Deutschlands im asiatischen Raum Krieg führten, floh er mit seinen Eltern in die Stadt Can Tho. "Dort verbrachte ich die meiste Zeit meiner Kindheit."

Früh schon habe er den Glauben für sich entdeckt, erzählt er. Als Zwölfjähriger habe für ihn festgestanden: Ich will Pastor werden. "Krieg und Zerstörung, Elend und Armut prägten meine Kindheit und ließen in mir den Wunsch wach werden, später Menschen in ihrer Not zur Seite zu stehen", erklärt Van Nguyen. Er hätte damals die Möglichkeit gehabt, in ein Seminar der evangelischen Kirchengemeinde aufgenommen zu werden, sagt er. Doch die Eltern – der Vater Konfuzianer und die Mutter Buddhistin – lehnten ab. "Erst im Alter von 21 Jahren hätte ich das Seminar besuchen dürfen, vorher sollte ich mein Abitur machen."

Auf Umwegen ist Van Nguyen schließlich doch noch Pastor geworden. Zunächst studierte er in der Hauptstadt Saigon, die heute Ho Chi Minh Stadt heißt, Mathematik und Physik sowie nebenbei Architektur. Er hoffte auf ein Stipendium in den USA, doch daraus wurde nichts. Statt dessen erhielt er vom Deutschen Akademischen Austauschdienst ein Stipendium für Forstwirtschaft an der Universität Göttingen. Hier kam er in Kontakt mit der evangelischen Studentengemeinde.

"Meiner Hauswirtin erzählte ich damals von meinem Wunschtraum, Pastor zu werden. Eines Tages gab sie mir eine Zeitungsanzeige, in der das Missionsseminar Hermannsburg Studenten suchte." Der junge Forststudent bewarb sich – und wurde erst einmal abgelehnt. "Das Missionsseminar nahm damals nur deutsche Studenten auf", sagt er. Van Nguyen gab nicht auf, bewarb sich ein weiteres Mal und erhielt seine Chance. Als erster Ausländer durfte er im Hermannsburger Seminar Theologie studieren. Dafür musste er versprechen, nach dem Studium als Missionar ins Ausland zu gehen. Das hätte ihn auch gereizt. "Ich hätte gerne Missionsarbeit gemacht. Damals wollte ich nach Äthiopien oder Brasilien gehen, um andere Kulturen kennenzulernen", sagt Van Nguyen. Es kam wieder anders. Nach dem Abschluss seines Studiums im Jahre 1972 hatten Mission und Hannoversche Landeskirche andere Pläne mit dem frisch gebackenen Geistlichen. "Ich wurde gefragt, ob ich bereit wäre, als junger Pastor mit einem besonderen kulturellen Hintergrund für ein Jahr in einer deutschen Kirchengemeinde zu arbeiten", erzählt Van Nguyen.

Aus einem Jahr wurden fast vier Jahrzehnte, die der gebürtige Vietnamese als Seelsorger in verschiedenen Kirchengemeinden tätig war. In Laatzen-Grasdorf bei Hannover absolvierte er zunächst seinen Vorbereitungsdienst, es folgte die erste Pastorenstelle in Ritterhude von 1975 bis 1980. Danach ging es nach Tostedt, Hasbergen bei Osnabrück und Sprötze bei Buchholz in der Nordheide.

Die letzten zwölf Jahre bis zu seinem Ruhestand war der Vater von zwei erwachsenen Söhnen in Bardowick bei Lüneburg tätig. Hier betreute er die Gemeinden Mechtersen und Vögelsen. In Vögelsen wohnt er auch, für seinen Gastdienst pendelt Van Nguyen 150 Kilometer nach Schwanewede.

"Die Kirchengemeinde Schwanewede ist eine sehr aufgeweckte Gemeinde. Hier gibt es kaum Spannungen, auch die Gottesdienste sind gut besucht", stellt er fest. Es ist nicht die erste Gemeinde, in der er als Pastor aushilft. Im vergangenen Jahr sprang er als Vertretung in der Kirchengemeinde Worpswede ein.

Jedes Jahr reist der Pastor mit Menschen aus unterschiedlichen Kirchengemeinden in seine Heimat Vietnam. Gemeinsam feiern sie das asiatische Neujahrsfest und lernen das Land kennen, das sich seit Anfang der 1990er Jahre der freien Marktwirtschaft geöffnet hat. "Ich wünsche mir, dass Menschen in aller Welt sich zusammenfinden, und dass Fremde Freunde werden", sagt der 74-Jährige.

In Schwanewede hat er schon einen Vortrag über Land, Leute und Religionen in Vietnam gehalten. Über seine Erfahrungen als Christ und Seelsorger in Deutschland und über Fluchtschicksale vietnamesischer "Boat People", die er während seiner Zeit als Pastor in Ritterhude im Zwischenlager Friedland besuchte, hat Van Nguyen mehrere Bücher geschrieben. Aus ihnen liest er am Sonntag, 22. April, ab 19.30 Uhr im Küsterhaus in Schwanewede.

Zum besseren Kennenlernen lädt der Gastpastor die Schwaneweder außerdem zum Kochen ein. Am Sonntag, 6. Mai, werden ab 18 Uhr im Küsterhaus vietnamesische Speisen zubereitet.

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