Betrieb in der Glocke Mit Orgelklängen durch die stille Zeit

Ein virtuoses Ensemble hält mit einem Podcast den Glocke-Betrieb aufrecht und erhofft sich vom Publikum viel Solidarität
30.04.2020, 11:50
Lesedauer: 5 Min
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Von Anke Velten

Niemand mag zurzeit vorhersagen, wann wir wohl endlich wieder Konzerte besuchen dürfen. Auch in der Bremer Glocke mussten sämtliche Veranstaltungen abgesagt oder auf längere Sicht verschoben werden. Wenn es überhaupt etwas Positives über die derzeitige Lage zu sagen gäbe, dann dieses: Die Zeit der Stille bietet Raum für ein neues Format, über das sich alle Musikinteressierten freuen dürfen, die die Konzertbesuche arg vermissen. Ein Quartett von Virtuosen ihres Fachs hat in den vergangenen Wochen eigenhändig die Reihe „Glocke Orgel digital“ produziert – für das Publikum, und nicht zuletzt auch für sich selbst. In der wandlungsfähigen Titelrolle: Die imposante Sauer-Orgel, die so alt ist wie das Gebäude, in der sie steht. Zu hören gibt es Meisterwerke von Barock bis Cool Jazz, begleitet von viel Wissenswertem über die Musik, die Komponisten und das Instrument.

Eintrittstor für die Podcast-Reihe ist die Homepage der Bremer Glocke (www.glocke.de), die direkt auf die Audiodateien verweist. Die fünf bislang produzierten Sendungen widmen sich 15 bis 20 Minuten lang je einem musikalischen Thema. In der ersten Folge spielt Lea Suter, Kirchenmusikerin in Hamburg-St.Pauli, Johann Sebastian Bachs Toccata, Adagio und Fuge Bwv 564, und erklärt ihren Zuhörern dabei die Grammatik und Rhetorik der barocken Klangsprache. Felix Mende, Kantor und Organist in der Kirchengemeinde St. Martini zu Bremen-Lesum, erzählt, warum ihn die Orgelwerke „Gloria“ und „Benedictus" des Komponisten Max Reger (1873-1916) bereits seit Jugendtagen faszinieren, und warum sich die Sauer-Orgel so hervorragend für die Wiedergabe der Reger-Kompositionen eignet.

In Folge drei beweist David Schollmeyer, Kantor und Organist an der Großen Kirche in Bremerhaven, dass die Orgel sogar wunderbar als Jazz-Instrument genutzt werden kann – und er demonstriert es unter anderem mit einer jazzigen Improvisation zu "Der Mond ist aufgegangen". In Folge vier präsentiert Felix Mende das Werk und die schillernde Persönlichkeit des Komponisten Sigfrid Karg-Elert (1877-1933) anhand dessen Chorals „Lobe den Herren". Und in der fünften Folge stellt Lea Suter den Choral Nr. 3 von César Franck (1822-1890) vor, und erklärt dabei, auf welche Weise der französische Einfluss in die Glocke-Orgel eingebaut wurde. Eine wesentliche Rolle bei der Produktion der musikalischen Reihe spielte Felix Epp, Tonmeister an der Hamburgischen Staatsoper und für diverse Ensembles und Rundfunk-Anstalten.

Bereits kurz nachdem sämtliche Großveranstaltungen offiziell bis auf Weiteres untersagt worden waren, konnte Lea Suter der Glocke-Programmleitung ihr Konzept zu einer digitalen Reihe vorlegen. „Die Idee für einen Podcast hatten wir schon lange“, erklärt die Musikerin mit Schweizer Wurzeln, die mit dem Instrument sehr vertraut ist. „Die Orgel ist mein Biotop“, sagt die gelernte Orgelbauerin und studierte Kirchenmusikerin, die eine Zeitlang als Organistin der Waller Van-der-Putten-Orgel tätig war, und mittlerweile für die Betreuung der Glocke-Orgel zuständig ist. Sie sorgt dafür, dass das Instrument vor jedem Einsatz technisch einwandfrei funktioniert und perfekt gestimmt ist. Und das, so Suter, dürfte durchaus häufiger vorkommen.

Mit der digitalen Reihe möchte das Ensemble ein Meisterwerk des Instrumentenbaus ins Rampenlicht stellen, das im normalen Veranstaltungsbetrieb im wahrsten Sinne des Wortes häufig im Hintergrund steht. „Durch die aktuelle Situation des stillgelegten Kulturlebens ist es überhaupt erst möglich, diese Aufnahmen zu machen und das Instrument quasi aus dem Dornröschenschlaf zu holen“, erklärt die 33-jährige Organistin. Weil die „alte Glocke“ im Jahr 1915 durch ein Großfeuer zerstört worden war, entstand zwischen 1926 und 1928 an ihrer Stelle der Neubau nach Plänen des Bremer Architekten Walter Göring. Für die Innenausstattung des großen Konzertsaals leistete man sich ein Instrument aus dem Hause W. Sauer in Frankfurt/Oder – eine der führenden und produktivsten Orgelbaufirmen ihrer Zeit, die bis heute im Orgelbau aktiv ist.

Zu den rund 1100 Orgeln, die zu Lebzeiten von Firmengründer Wilhelm Sauer gebaut wurden, zählen die Orgel in der Leipziger Thomaskirche, die Orgeln im Berliner Dom und in der Himmelfahrtkirche in Jerusalem. 1894 hatte Sauer die neue Orgel für den Bremer Dom geliefert. „Die Glocke-Orgel ist die kleine Schwester der Dom-Orgel“, erklärt Lea Suter. Mit 76 Registern und mehr als 6000 Pfeifen auf vier Manualen und Pedalen ist das Instrument die zweitgrößte Orgel in Bremen. Ihr nahezu unveränderter Originalzustand mache die historische Orgel zu einer „einzigartigen Erscheinung“, so Suter. Ihre Erbauer hatten sie perfekt auf die Konzertsaal-Akustik zugeschnitten, die sich von der „halligen“ Kirchenakustik sehr unterscheide. „Das Besondere an der Sauer-Orgel ist die Tatsache, dass sie sehr feine Klangfarben zulässt. Wir möchten mit unserer Reihe zeigen, wie hervorragend sie für unterschiedlichste Musikstile funktioniert – von Bach über die deutsche und französische Romantik bis zu zeitgenössischer Musik“, so die Organistin.

Auch, wenn die digitale Reihe perfekt in die aktuelle Zeit passt: Als Ersatz für das Live-Erlebnis war sie nie geplant, betont Lea Suter. „Wir alle wünschen uns, dass der Konzertbetrieb so schnell wie möglich wieder anläuft“, so die Musikerin. Während das Publikum die „emotionale Ebene“ der Live-Situation vermisse, gehe es nicht nur bei den Künstlern selbst, sondern auch bei den Vertretern der freien Bühnenberufe um viel mehr: Ihnen fehle nicht nur der Applaus, sondern vor allem die Existenzgrundlage. „Es herrscht eine große Perspektivlosigkeit und Angst“, weiß Suter. „Viele von uns wissen nicht, ob es für sie überhaupt eine Zukunft gibt. Ich höre schon von Kollegen, die sich überlegen, ihren Beruf an den Nagel zu hängen“.

Tatsache sei, dass die Kunst auf Dauer nicht verschenkt werden könne, sagt Lea Suter. Die Reihe „Glocke Orgel digital“ habe sich daher von einem musikvermittelnden Format zu einem aktiven Solidaritätsbeitrag entwickelt. Weitere Folgen sind geplant, bei denen noch mehr Kolleginnen und Kollegen einbezogen werden sollen. Das Podcast-Format macht es möglich, dass die Zuhörer kostenlos in Musikgenuss auf Höchstniveau kommen, wann und wo immer ihnen der Sinn danach steht. Sie können aber auch die Leistungen der Musiker und Tontechniker auf freiwilliger Basis honorieren.

Zu diesem Zweck hat die Projektleiterin eine Crowdfunding-Kampagne über die Plattform www.startnext.com gestartet (Stichwort: glocke-orgel-digital). Die Lage ist ernst: „Je länger diese Phase andauert, umso mehr geht verloren“, mahnt Lea Suter. Daher laute ihr Appell an die Gesellschaft: „Wenn wir unsere Künstler nicht durch diese Zeit tragen, werden wir sie bald nicht mehr haben“.

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