Interview mit E-Scooter-Verleiher

Voi-Chef: „Leute sollen auf das Auto verzichten“

Claus Unterkircher verantwortet als General Manager Germany das Deutschland-Geschäft des E-Scooter-Anbieters Voi. Im Interview spricht er über Bremen, Autos und Alternativen.
12.10.2019, 20:20
Lesedauer: 3 Min
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Voi-Chef: „Leute sollen auf das Auto verzichten“
Von Pascal Faltermann
Voi-Chef: „Leute sollen auf das Auto verzichten“

Claus Unterkircher, General Manager Germany, Austria, Switzerland - VOI Technology.

Nadine Studeny

Die Verkehrsbehörde hat es schon bestätigt, Voi wird in Bremen E-Scooter anbieten und verleihen. Wie weit sind sie mit den Planungen?

Claus Unterkircher: Schön, dass es die Stadt schon bestätigt hat. Wir sind in Gesprächen und freuen uns, wenn wir uns mit der Stadt auf eine Betriebsweise einigen können, die allen Bremer und Bremerinnen Elektromobilität anbieten kann.

In Bremen hatte zuerst ihr Konkurrent Lime die Erlaubnis bekommen, 500 E-Scooter zu verleihen. Doch Lime will vorerst über mehr Fahrzeuge verhandeln. Mit wie vielen Rollern wollen Sie starten?

Generell sind wir der größte europäische Anbieter und haben viel Erfahrung in den vier Monaten in Deutschland gesammelt. Wir sind in 13 Städten aktiv und haben gesehen, dass die Nachfrage sehr groß ist. Wenn man sich Bremen anschaut, gibt es knapp 300.000 Pkw, die nicht im Sharingsystem sind, sondern im Privateigentum. Da möchten wir eine Alternative anbieten und zwar elektrisch.

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Würden Sie mit 500 E-Scootern anfangen?

Nein, mit weniger. In einer kleinen Stadt beginnen wir mit 50 Stück, in größeren im dreistelligen Bereich. Ist die Nachfrage hoch, stocken wir auf. Wir wollen die Stadt nicht mit Dingen voll stellen, die nicht gebraucht werden, sondern wir haben ein Interesse daran, dass die Scooter verwendet werden. Wir wollen, dass die Leute auf Elektromobilität am liebsten vom Auto aus umsteigen.

Sind die Regeln in Bremen härter als in anderen Städten?

Generell begrüßen wir die Regulierung sehr. Als verantwortungsvoller Anbieter wollen wir immer mit den Städten gemeinsam arbeiten. Wir wissen, was besser und was nicht gut funktioniert. Bevor die ersten E-Scooter in Deutschland zugelassen wurden, haben wir Input zu Regeln gegeben und Städte zum Beispiel mit Stockholm verknüpft, damit sie sich von neutralen Stellen Informationen einholen können.

Welche Bereiche sind für Sie neben der Innenstadt in Bremen am interessantesten?

Wir wollen am liebsten mit dem ÖPNV zusammenarbeiten, weil wir wissen, dass sich die Zukunft einer Stadt auch dadurch entscheidet, wie attraktiv alle alternativen Mobilitätsangebote sind. In Hamburg bedienen wir zum Beispiel mit der Hochbahn die Außengebiete in Berne und Poppenbüttel. Es ist unser Ziel, alternative Angebote zu fördern, eines von vielen ist der geteilte Elektroroller. Nur wenn wir es gemeinsam schaffen, eine bessere Alternative zum privaten Autoschlüssel anzubieten, werden unsere Städte lebenswerter. Erst dann verzichten die Leute darauf, in der Stadt mit ihren Autos zu fahren.

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Sie führen also Gespräche mit ÖPNV-Anbietern in Bremen?

Absolut. Wir sprechen deutschlandweit mit allen Anbietern proaktiv und sind für deren Ideen sehr offen.

Wie viele Minuten oder gefahrene Kilometer sind in Bremen nötig, um mittelfristig Gewinn einzufahren?

Die Kosten für eine durchschnittliche Fahrt sind ungefähr zwei bis drei Euro. Das ist nicht sehr viel aber wir wollen auch keine Konkurrenz zum ÖPNV sein. Was recht teuer ist, ist die Technologie. Wir sind der einzige Anbieter in Europa, der von Anfang an die Software selbst entwickelt hat – das ist ein ziemlicher Aufwand. Natürlich wollen wir rentabel sein. Wir sprechen von ein paar Cent pro Fahrt, die wir einnehmen wollen. In den ersten Städten in Skandinavien sind wir auch schon leicht profitabel – das soll das Ziel sein.

In Bremen gibt es Busse, Straßenbahnen, Leihfahrräder – für welche Strecken lohnt sich ein E-Roller?

Die meisten Fahrten, die bei uns gebucht werden, sind zwei bis drei Kilometer lang – zu Fuß dauert das 30 bis 45 Minuten. Mit dem E-Scooter schaffe ich eine nachhaltige Zeitersparnis. Rund 30 bis 40 Prozent der Fahrten mit dem Auto bewegen sich in dieser Größe. Immer wenn sie Eigentum haben, müssen sie damit auch weiterfahren. Sie können nicht die verschiedenen Angebote einer Mobilitätsspirale kombinieren.

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Es ist von schweren Unfällen zu lesen, von Rollern, die aus Flüssen gefischt werden mussten. Wie wollen Sie als Anbieter solche Probleme vermeiden?

Sicherheit ist uns ein großes Anliegen. Wir haben eine eigene virtuelle Verkehrsschule gestartet, die das Fahren und die Regeln beibringt. Wer sie erfolgreich absolviert, bekommt Freifahrten. Wir verschenken zum Start in einer neuen Stadt immer Helme – wir empfehlen das Tragen generell, auch wenn es keine Helmpflicht gibt. Wir wollen die Städte sicherer machen. Mehr als neun von zehn Unfällen in der Stadt sind vom Auto oder vom Lkw verursacht. Die Städte müssen sicherer für die schwächeren Verkehrsteilnehmer – Fahrradfahrer, Fußgänger und Rollerfahrer – werden.

Und wann fährt nun der ersten E-Roller von Voi in Bremen?

Wenn die Stadt uns gerne haben will, dann würden wir uns freuen sehr bald zu starten.

Also wenn die Stadt schnell genug ist, noch dieses Jahr?

Wir sind sehr schnell.

Das Interview führte Pascal Faltermann.

Info

Zur Person

Claus Unterkircher (33) verantwortet als General Manager das Deutschland-Geschäft des E-Scooter-Anbieters Voi. Unterkircher kommt ursprünglich aus Wien und fährt seit drei Jahren einen Roller.

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