Autofreier StadTraum

Volksfest mit hohem Polit-Faktor

Autos mussten draußen bleiben: Einen ganzen Tag gehörten der Osterfeuerberger Ring und der Utbremer Kreisel Fußgängern und Fahrradfahrern. Rund 50 000 Neugierige lockte vorigen Sonntag der „Autofreie StadTraum“ nach Walle.
25.09.2014, 00:00
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Von Anne Gerling
Volksfest mit hohem Polit-Faktor

Sogar ein Kettenkarussell war während des autofreien Sonntags rund um den Osterfeuerberger Ring und den Utbremer Kreisel aufgebaut worden.

Frank Thomas Koch

Autos mussten draußen bleiben: Einen ganzen Tag lang gehörten der 40 Meter breite Osterfeuerberger Ring und der Utbremer Kreisel Fußgängern und Fahrradfahrern. Rund 50 000 Neugierige lockte vorigen Sonntag der „Autofreie StadTraum“ nach Walle. Dabei kamen die Besucher an diesem „Aktionstag für mehr Leben auf der Straße“ auf der „Mobilitätsmeile“ auch immer wieder mit Themen wie Umweltfreundlichkeit, Nachhaltigkeit und alternative Mobilität in Berührung.

Rund 50 000 Bremer kamen am Sonntag zum „Autofreien StadTraum“ nach Walle. Wer sich auf dem Osterfeuerberger Ring und dem Utbremer Kreisel vom Rhythmus der Straße verführen und mitziehen ließ, der konnte zum Beispiel im schönen „Wellenflug“ Karussell fahren, den 50 Teilnehmern des ersten Bremer Lastenrad-Rennens zuschauen, Live-Musik genießen, Gesundes und Nachhaltiges essen, interessante Gespräche führen und ganz in Ruhe, ohne Verkehrslärm, den eigenen Gedanken einmal freien Lauf lassen.

Zum Beispiel beim Anblick von Wilfried Lietzau vom Verkehrsclub Deutschland (VDC). Behängt mit seinem selbst gebauten sperrigen „Gehzeug“ – einem hölzernen Gestell mit den Ausmaßen eines Kleinwagens – spazierte er zwischen Fußgängern und Radfahrern umher und veranschaulichte auf diese Weise eindrucksvoll, wie viel Raum allein ein einziges Auto einnimmt. Vielleicht sei es doch an der Zeit, auf alternative Verkehrsmittel umzusteigen, mochte sich bei seinem Anblick manch Beobachter fragen.

Wer den grünen Container der Initiative Leben in Findorff betrat, konnte sich dort „inspirieren lassen von der Schrecklichkeit des Findorfftunnels“, wie es Ulf Jacob von der Initiative Leben in Findorff (LiF) ausdrückt: Ein achtminütiger Film veranschaulichte die beklemmende Atmosphäre in der zentralen Unterführung – der einzigen Verbindung zwischen Findorff und der Innenstadt.

Gemeinsam mit der neuen Genossenschaft Bürger Energie Bremen (BEGEno) und dem Recyclinghof Findorff will LiF mit der Aktion für dringend notwendige konkrete Verbesserungen der (Tunnel-)Verbindungen in die Innenstadt im Rahmen des Innenstadtkonzeptes werben.

Mehr Licht und Farbe könnten die Situation entscheidend verbessern, ist Klaus Prietzel vom Recyclinghof überzeugt. Die „Tunnelblick“-Organisatoren sind bereits mit Künstlern vom Güterbahnhofsgelände oberhalb des Tunnels im Gespräch und hoffen, dass diese sich kreativ mit dem Tunnel auseinandersetzen könnten. Auch andere Verbindungen wie etwa der Gustav-Deetjen-Tunnel und der Tunnel Münchener Straße als Verbindung nach Walle müssten dringend attraktiver werden, unterstrichen sie bei ihrer Aktion.

Mit von der Partie war beim „Aktionstag für mehr Leben auf der Straße“ auch die Waller Mitte. Seit 2010 kämpft die Bürgerinitiative für den Erhalt des ehemaligen BSV-Platzes als „Platz für alle“. Nachdem die Initiative ihre Vorschläge im Beteiligungsprozess nicht ausreichend berücksichtigt sah, hat sie sich angesichts des „offensichtlichen Desinteresses der Verwaltung“ nun dem bremenweiten Bündnis „Initiativen für Bremen“ angeschlossen. Seit dem 12. September sammelt dieses Bündnis Unterschriften für ein Volksbegehren, welches gesetzlich festlegt, dass bestimmte Flächen wie Parks, Naturschutzgebiete oder Kleingärten vor der Bebauung geschützt werden.

Dabei geht es darum, „der ungebremsten Vernichtung der letzten Bremer Grün-, Frei- und Sozialflächen gegen den Willen der Bremer Bürgerinnen und Bürger, Einhalt zu gebieten“, wie es auf der Webseite www.initiativen-fuer-bremen.de nachzulesen ist. 4000 Unterschriften werden für das Volksbegehren benötigt. „Wir haben heute angefangen zu sammeln, und die Resonanz ist gut“, erzählt Roderich Reidick, der mit dem mobilen Stand der Waller Mitte auf dem Osterfeuerberger Ring unterwegs ist.

Nur wenige Schritte entfernt diskutiert auf der Talkbühne Moderator Marco Heinsohn mit Verkehrssenator Joachim Lohse (Grüne), Wolfgang Jägers (SPD), Silvia Neumeyer (CDU), Klaus-Rainer Rupp (Linke) und Ralf Saxe (Grüne) über Bremens Verkehrspolitik. „Nur wenn es uns gelingt, einen perfekt abgestimmten Mix aus öffentlichem Personennahverkehr, Fahrradfahrern, Fußgängern und Autofahrern zu schaffen, hat Bremen eine Chance, dem Verkehrsinfarkt vieler Großstädte zu entgehen.

Entscheidenden Schritt getan

„Mit dem frisch verabschiedeten Verkehrs-Entwicklungsplan haben wir dazu gerade einen entscheidenden Schritt getan“, betont dabei Lohse, der für mehr Verständnis und Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer untereinander warb. Schließlich sei jeder Autofahrer ein Fußgänger, sobald er die Autotür hinter sich zumache – und könne sich außerdem über jeden Fahrradfahrer freuen, da dieser ihm schließlich keinen Parkplatz wegnehme.

Von den Waller Ortspolitikern, die das Volksfest in ihrem Stadtteil sichtlich genossen, gab es beim Autofreien StadTraum einen klaren Appell an den Verkehrssenator: „Wo heute ein großes Fest stattfindet, auf dem Osterfeuerberger Ring, wollen wir den Rückbau dieser überdimensionierten Straße umgesetzt wissen“, so der Waller Beiratssprecher Wolfgang Golinski (SPD), der unterstrich: „Wir haben bald zehnjähriges Jubiläum: 2007 hat die Diskussion um den Rückbau des Osterfeuerberger Rings angefangen, und wir hoffen, dass da bis 2017 etwas passiert.“

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