Bremen Voller Einsatz

Die Begegnungsstätten für ältere Menschen sind im Wandel. Im Bremer Norden gibt es sechs Treffpunkte für sie.
04.07.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Sylvia Wörmke

Die Begegnungsstätten für ältere Menschen sind im Wandel. Im Bremer Norden gibt es sechs Treffpunkte für sie. Hinzu kommt eine privat organisierte Begegnungsstätte im Vegesacker Bürgerhaus. In unserer Serie „Das zweite Zuhause“ beschäftigen wir uns mit den Menschen, die sich dort engagieren, und ihren Gästen. Im vierten Teil sind wir zu Besuch in der Begegnungsstätte Eva-Seligmann-Haus in Farge.

Eigentlich wollten Dorothea Freiheit und Marianne Schendel vor 16 Jahren nur singen, in der Eva-Seligmann-Begegnungsstätte in Farge. Die beiden Frauen amüsieren sich über diese Formulierung. „Ja, wir wollten nur singen“, wiederholen sie. Auch die anderen Frauen am Tisch lachen. Es ging nämlich ganz schnell, da hatten sie die Leitung des Singkreises übernommen. Die haben sie immer noch. Wir sind da reingerutscht, wie es so unsere Art ist“, sagt Dorothea Freiheit auf ihre trockene Art.

Öfter mal lachen die ehrenamtlich Tätigen laut auf, wenn sie einen Kommentar von sich gibt. Sie zählt zu den Urgesteinen im Team, ist 80 Jahre alt, Marianne Schendel 76. „Das sind unsere Azubinen“ stellen die beiden Rosemarie Meyer, sie ist 60 Jahre alt, und Hannelore Selig (72) vor. Zum Ältestenrat um Begegnungsstättenleiter Franz-Peter Wenta gehört auch noch Helga Bruns, die Jüngste im Bunde mit 56 Jahren. „Das ist der harte Kern“, sagt der 73-jährige Wenta. Das Alter der Ehrenamtlichen liegt zwischen 56 und 86 Jahren.

Mit ihm zusammen kümmern sie sich um die Programmgestaltung, die Finanzen und organisieren Veranstaltungen. Bei der praktischen Umsetzung sind aber noch zahlreiche andere Helfer, vor allem aber Helferinnen, im Boot. Sie decken und dekorieren vor Veranstaltungen die Tische, meist schon am Vorabend, leisten die Küchenarbeit vom Kochen und Brötchenbelegen bis zum Beladen der Geschirrspülmaschine. Sie backen, ­stricken und basteln für Basare. „60 Paar Socken stricke ich im Jahr“, schätzt Dorothea Freiheit und erzählt, dass sie für die Basare im Schnitt 130 Gläser Marmelade ­einkocht.

Die Wäsche im Haus, also Geschirr- und Handtücher wie Tischdecken, muss auch gewaschen werden. Jetzt nimmt Rosemarie Meyer sie regelmäßig mit nach Hause. Die Kurse und Gruppen müssen geleitet werden. Helga Bruns kümmert sich beispielsweise um das Angebot Nähen, Schneidern und Co und betreut zusammen mit der 86-jährigen Elfriede Flieshardt den Spielenachmittag. „Allein“, sagt Hahn im Korb Franz-Peter Wenta, und strahlt seine Frauen an, „wäre ich aufgeschmissen“. Er zögert keine Minute, um zu bestätigen: „Die Ehrenamtlichen sind das Rückgrat der Begegnungsstätten.“ Für seine Leitungsfunktion hat er 8,5 Stunden zur Verfügung, bezahlt als Geringverdiener mit 450 Euro. In den wenigen Stunden könnte Wenta die anfallenden Aufgaben gar nicht schaffen. Darum hält er sich ständig im Haus auf. „Die Begegnungsstätte ist mein zweites Zuhause“, sagt der Rentner, der früher zur See gefahren ist, als Dreher und später als Ingenieur und auch als Hausmeister tätig war. Wenn etwas kaputt geht, repariert er es. „Ich kann doch nicht jedes Mal einen Fachmann holen.“ Hilfe kommt auch aus dem Besucherkreis, der sich aus ganz unterschiedlichen Altersgruppen zusammensetzt, wenn ein Radstand gebaut werden muss oder als die Boule-Bahn angelegt werden sollte.

Zwar ist die Begegnungsstätte in Frauenhand, das betrifft Gäste wie Team, doch beim Computerkursus, bei Veranstaltungen und wenn Unterstützung gebraucht wird, sind auch Männer anzutreffen. Wie auf Stichwort steht Horst Bollweg in der Tür. Er gehörte gerade bei der „Frühstücksrunde für Senioren und Singles“ zum Arbeitsteam. Keine Chance, er kann nicht gleich wieder gehen. Er muss seine Jacke ausziehen und sich zu den Frauen setzen. Schließlich ist er einer von ihnen: ein Ehrenamtlicher.

Entweder sind die Mitglieder des Teams über die Teilnahme an Veranstaltungen in ihre Aufgabe reingerutscht oder über Bekannte und Ehepartner. „Die Männer sind Schuld“, stellen Hannelore Selig und Rosemarie Meyer gespielt entrüstet fest. Ihre Ehemänner spielen im Haus Skat. Die beiden Frauen sind inzwischen genauso eingespannt wie die beiden älteren Kolleginnen in der Runde der Ehrenamtlichen, die nun kürzertreten wollen. Der Druck sei einfach zu groß, sagen sie.

Auch die Jüngeren sprechen von Stress. „Ich schlafe schon nicht mehr“, sagt Rosemarie Meyer, die auf gut 20 bis 30 Stunden Arbeit pro Woche in der Begegnungsstätte kommt. Es liegt vor allem am eigenen Anspruch. Auch Hannelore Selig hat Probleme damit.

Die Frauen sind vor Veranstaltungen aufgeregt, ob sie an alles gedacht haben. Nach der Arbeit fragen sie sich, ob sie alles richtig gemacht haben. „Ich kann nicht runterkommen“, erzählt Hannelore Selig. „Das ist der Druck“, sagen alle. Darum wollen die älteren Frauen auch kürzertreten. Dann aber besinnen sie sich, als die 80-jährige Dorothea Freiheit sagt: „Wenn jemand sagt, das war wieder so lecker, geht doch das Herz auf.“ Nach dem kurzen Ausflug in die Ernsthaftigkeit wird übereinstimmend festgehalten: „Freude und Spaß überwiegen.“

Ob Team oder Leiter, alle sind mit Herzblut in ihrer Begegnungsstätte engagiert. Und schon wird wieder gelacht und gescherzt. Manchmal wird im Singkreis auch mehr gesabbelt als gesungen, erzählen die Frauen. „Das muss auch sein“, meint Rosemarie Meyer. „Mir würde persönlich sehr viel fehlen“, unterstreicht sie die Bedeutung der Begegnungsstätte für sich. Auch die anderen würden den Verlust dieser Anlaufstation als „große Lücke“ in ihrem Leben empfinden. „Wir kämpfen für unsere Begegnungsstätte“, sagt die 80-Jährige, die anderen Frauen nicken. Das Kämpfen war auch mal sehr notwendig. Als die Arbeiterwohlfahrt finanziell in Bedrängnis kam, bestand auch für den Treffpunkt in Farge die Gefahr der Schließung. Dann wurde zur Rettung der Begegnungstätten der Verein Aktive Menschen Bremen gegründet, der in Bremen-Nord drei Begegnungsstätten (Farge, Rönnebeck und Grambke) übernahm. Wenta wurde zu Awo-Zeiten gefragt, ob er die Leitung übernehmen will. Er gehörte seit 1984 zur hauseigenen Band „Jekami“. Das stand für: Jeder kann mitmachen. Es sei nicht viel zu tun, hieß es. Er lacht nun darüber. Die Realität sah und sieht anders aus.

Am 1. Januar 2002 war Wenta der Boss und fand ein Programm mit folgenden Angeboten vor: „Kaffee, Klönschnack, Tanzen.“ Die Gestaltung der Angebote bis zum heutigen Tag trägt seine Handschrift. Ob Hans Koschnick, Henning Scherf, Jens Böhrnsen, Carsten Sieling, der Chef der Kunsthalle Bremen – „ich habe sie alle hier gehabt“. Der Renner war vor Kurzem der Vortrag der Landesarchäologin Uta Halle. „Die Leute haben sogar im Flur gesessen“, erzählt er nicht ohne Stolz. Über 50 Gäste kamen zu der Veranstaltung.

Das Angebot reicht von Lesungen über Vorträge, Gedächtnistraining, PC-Schulungen bis zu Feiern jeglicher Art. Besonders das Stammpublikum über 80 mag die Geselligkeit. „Essen und feiern“ sind die liebsten Angebote, erzählt das Team. Wenta nickt. Ihn stört, dass sich Besucher nur einzelne Angebote herauspicken und nicht öfter kommen. Wenta weiß aber, dass dafür auch finanzielle Gründe eine Rolle spielen. In den Kursen aber, bei der Gymnastik beispielsweise, liegt der Altersdurchschnitt bei 60 bis 70 Jahren. „Wenn richtig was los ist, bekommen wir das Haus voll“.

So um die 7000 Besucherinnen und Besucher hat er 2015 im Treffpunkt gehabt. Vor zwei Jahren aber gab es einen richtigen Einbruch. „Das war der Altersstruktur geschuldet.“ Die Hochbetagten waren nicht mehr mobil oder gestorben. Nach und nach habe die Begegnungsstätte Gäste aus Rönnebeck, Rekum und Bockkhorn verloren. „Ich habe mich bemüht, das Haus mit Aktionen zu beleben.“ Das gelang über das Programm. So kam die Einrichtung auch zu einem Boule-Platz.

Es gibt noch viele Ideen, die er umsetzen möchte. Der Koch-Workshop wurde aber schon vor fünf Jahren ins Leben gerufen. Die Idee war, dass Besucherinnen zusammen Hausmannskost kochen. Jetzt machen das die Mitglieder des Ältestenrates und bieten immer am letzten Freitag im Monat ein Mittagessen in der Begegnungsstätte an. Den Älteren im Kochteam war dieses Projekt zu anstrengend geworden. Nicht nur für dieses Angebot sucht der Chef der Begegnungsstätte weitere Unterstützung. „Wir sind immer auf der Suche nach Ehrenamtlichen“, sagt er. Was er braucht, sind Männer und Frauen wie seine Leute im Team, „die nicht lange fragen, sondern anpacken“.

Es wird hektisch. Die Damen haben es eilig. Marianne Schendel erwartet den Gärtner zu Hause. Hannelore Selig hat ihren Mann Horst zum Hosenkauf überredet. Sie muss los, damit er sich das nicht anders überlegt. Noch schnell umarmen und herzen sie Franz-Peter Wenta – dann sind sie weg.

50. Geburtstag im September Die Begegnungsstätte Farge, Eva-Seligmann-Haus, Farger Straße 136, Telefon 04 21 / 68 23 85, wird am 30. September 50 Jahre alt. Träger ist der Verein für Aktive Menschen Bremen (Ameb). Es gibt regelmäßig in der Woche feste Termine für Gruppen und Kurse wie Gymnastik und Singen, das Erzählcafé und die Skatrunde sowie ein wechselndes Programm mit beispielsweise Kino, Frühstücksrunden, Gedächtnistraining, Konzerten, Lesungen und Informationsveranstaltungen. Öffnungszeiten: montags, dienstags, mittwochs, donnerstags, 14.30 bis 17.30, freitags von 9 bis 13.30 Uhr. In den Sommerferien wird bis zum 29. Juli kein Programm angeboten, die Kurse und Gruppen laufen in dieser Zeit aber weiter.
„Die Ehrenamtlichen sind das Rückgrat der Begegnungsstätten.“ Fanz-Peter Wenta, Treffpunkt-Leiter
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+