Internationale Kooperation Video-Projekt mit Bremer Beteiligung zur Pariser Commune

Michael Zachcial hat ein Gemeinschaftsprojekt mit Beteiligung von internationalen Künstlern und Wissenschaftlern auf den Weg gebracht. In dem setzen sie sich mit der Pariser Commune auseinander.
08.04.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Video-Projekt mit Bremer Beteiligung zur Pariser Commune
Von Sigrid Schuer
Herr Zachcial, Ihnen und Ihrer Band Die Grenzgänger liegen ja generell politisch bewegte Themen am Herzen. Also lag es für Sie auf der Hand, dass Sie sich auch künstlerisch mit 150 Jahren Pariser Commune auseinandersetzen wollten?

Michael Zachcial: Ja, Geschichten, die vom Kampf um Demokratie und Menschenrechte handeln, sind für uns von großem Interesse. Auch Bertolt Brecht hat sich neben vielen anderen ja mit den Errungenschaften der Pariser Commune beschäftigt.

Welche Errungenschaften sind das gewesen?

Vor 150 Jahren trat der frisch gewählte 'Rat der Kommune' in der Zwei-Millionen-Weltstadt Paris zusammen, um erstmals in der Geschichte die Trennung von Staat und Kirche, die kostenlose allgemeine Schulbildung, das Recht auf Scheidung und auf gleiche Löhne für Frauen und vieles mehr einzuführen. Oder das Privileg der Verbeamtung auf Lebenszeit abzuschaffen.

Die US-amerikanische Professorin Kristin Ross hat gerade unter dem Titel „Luxus für alle“ ein Buch über die Kommunarden veröffentlicht. Trifft die Autorin damit den Kern der gesellschaftspolitischen Utopie?

Ja, ich denke schon. Denn einige dieser fortschrittlichen Ziele sind bis heute nicht umgesetzt worden. Zum Hintergrund: Die Schere zwischen Glanz und Elend ging im Paris der beginnenden Belle Epoque unglaublich weit auseinander, einerseits wurden Prachtbauten wie die Pariser Oper, das Palais Garnier realisiert, andererseits mussten sich die Menschen in den Arbeitervierteln von Ratten und Katzen ernähren. Bis heute vielfach missverstanden und fehlinterpretiert steht die Pariser Commune für eine selbst verwaltete und weltoffene Stadt.

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Die Revolution dauerte genau 72 Tage, vom 18. März bis 28. Mai, bevor sie blutig niedergeschlagen wurde. Sie widmen diesen Tagen der Commune täglich im Netz ein Video und nennen das ganze Projekt ein Chanson-Geschichten-Spektakel. Wie sieht das konkret aus?

Für dieses Projekt haben wir namhafte Musikerinnen und Musiker, aber auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz und den USA gewinnen können, ganz besonders geht es dabei um die Lieder der Commune. Viele dieser Lieder werden bei uns erstmals auf Deutsch zu hören sein. Die beiden wohl bekanntesten stammen von den Komponisten, die gleichzeitig Mitglieder im Rat der Kommune waren: „Die Internationale“, getextet von Eugène Pottier und „Le Temps de Cerise“, die „Zeit der Kirschen“ von Jean-Baptiste Clément. Der amerikanische Musiker, Schauspieler und Theater-Regisseur Daniel Kahn wird dieses Lied auf Jiddisch singen.

Und die Geschichten der Commune werden von wem erzählt?

Beispielsweise von der Sozialwissenschaftlerin Jutta Ditfurth, die den Roman „Die Himmelsstürmerin“ über die Pariser Commune und eine ihrer Vorfahrinnen geschrieben hat, die als Kommunardin aktiv gewesen ist. Aber auch Michael Fischer, Historiker und Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik Freiburg, steuert einen Beitrag bei.

Wie sieht es mit bremischem Lokalkolorit bei diesem Projekt aus?

Wir haben beispielsweise das 1. Bremer Ukulelen-Orchester dabei oder die Neue Bühne Beverstedt, die Szenen aus ihrem Stück über die Pariser Commune spielt, das wegen Corona nicht aufgeführt werden konnte. Und die gebürtige Französin Aline Barthelemy, pensionierte Lehrerin aus Bremen, hat zwei Texte von Louise Michel vertont, die als Ikone der Bewegung gilt. Gustave Charpentier hat übrigens über Michel die Oper „Louise“ geschrieben, die im Jahr 1900 an der Pariser Opéra-Comique uraufgeführt wurde. Sie gehörte zu den meistgespielten Opern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist aber heute so gut wie vergessen.

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Was ist von der Utopie der Pariser Commune geblieben?

Ich denke, unsere Gesellschaft könnte auch heute noch so einiges von der Debattier-Kultur auf Augenhöhe, die es vor 150 Jahren in den sozialen Clubs gab, lernen. Da ist nicht die Herkunft entscheidend gewesen oder der gesellschaftliche Status, sondern das bessere Argument. Davon könnten wir uns heute etwas abgucken. Eine ganz große Rolle spielte damals kostenlose und erstklassige Bildung für alle, wie ja später auch in Deutschland in den Arbeiterbildungsvereinen.

Ende Mai, zum Ende der Gedenktage, planen Sie ein Doppelalbum mit den Liedern der Commune herauszubringen. Wo können sich diejenigen, die sich dafür interessieren, informieren?

Auf unserer Website www.tage-der-kommune.de ist es möglich, die CD vorzubestellen. Dort sind auch alle Videos zu finden. Und man kann das Projekt auch mit einer Spende unterstützen.

Das Gespräch führte Sigrid Schuer.

Info

Zur Person

Michael Zachcial

ist Sänger und Gitarrist. Er gründete 1988 nach vielen Jahren als Straßenmusiker und Liedermacher die Folk-Band Die Grenzgänger und ist hauptsächlich verantwortlich für das künstlerische Konzept.

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