Zwischen den Welten

Vom Flüchtling zum Neurochirurgen

Ajmal Zemmar kam als Flüchtling aus Afghanistan und wuchs in Bremen-Huchting auf. Seine Startbedingungen waren nicht die besten - doch heute macht er Karriere als Neurochirurg. Ein Leben in zwei Welten.
12.11.2018, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Vom Flüchtling zum Neurochirurgen
Von Alice Echtermann
Vom Flüchtling zum Neurochirurgen

Ajmal Zemmar vor dem Mehrparteienhaus in Huchting, in dem er aufgewachsen ist.

Shirin Abedi

Ajmal Zemmar kann durch Huchting schlendern und darüber plaudern, einen Querschnittsgelähmten mit moderner Medizin erfolgreich zu operieren, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Im nächsten Moment zeigt er auf einen Graben, kaum mehr als eine mit nassem Herbstlaub gefüllte Senke, und sagt: „Da haben wir als Kinder gespielt.“ So mühelos wie er als Kind über den Graben neben den Haus sprang, wechselt er zwischen den Themen. Zwischen den Welten.

Zemmar ist 35 Jahre alt. In Afghanistan ist er geboren, Kind einer Akademikerfamilie. Der Großvater unterrichtete die Kinder des Schahs, des Königs. In Deutschland, in Bremen, war er Flüchtlingskind und Sohn eines Taxifahrers. Jetzt ist er einer, der es geschafft hat. Ein Neurochirurg mit Doktortitel. Zemmar will zeigen, dass Menschen wie er – Geflüchtete – nicht immer Protagonisten negativer Geschichten sind, wie sie die Medien derzeit oft beherrschen.

Diplome wurden nicht anerkannt

Das Interview war seine Idee. Treffpunkt Huchting, ein Reihenhaus im Ortsteil Sodenmatt. Zemmar trägt einen Rollkragenpullover, die schwarzen Haare sind zurückgekämmt. Er läuft auf Socken durch das Haus seiner Eltern. Für ein paar Wochen ist er zu Besuch aus Kanada eingeflogen; dort lebt er mit seiner Frau. „Für meine Eltern war es ein ganz großer Schritt, ein eigenes Haus zu haben“, erzählt er. Bevor er zum Studium auszog, lebten sie zu fünft in einer Zwei-Zimmer-Wohnung eines Mehrparteienhauses. Ein weißer Block, gepflegt, aber austauschbar. Das war Zemmars Welt, nachdem seine Eltern den Entschluss gefasst hatten, aus Afghanistan zu fliehen.

1989, nach dem Abzug der sowjetischen Truppen, brach in dem Land ein Bürgerkrieg aus. Zweimal erlebte die Familie in Kabul einen Raketenangriff mit, bevor die Mutter mit dem sechsjährigen Ajmal das Land verließ. Sein Vater konnte zunächst nicht mitkommen; er war in die Armee eingezogen worden, erzählt Zemmar. Zwei Jahre lebten er und seine Mutter allein in Deutschland. „Sie konnte nur ein- oder zweimal die Woche mit ihm telefonieren. Ich erinnere mich, dass sie oft am Fenster saß – als sie dachte, dass ich schon eingeschlafen bin – und weinte.“

Keine Probleme mit Rassismus

Auch als sein Vater nachkam, sei für seine Eltern alles viel schwerer gewesen als für ihn, sagt Zemmar. In Kabul hätten sie ein gutes Leben gehabt. „Hier waren sie niemand.“ Ihre Diplome, die sie in der Sowjetunion erworben hatten, seien in Deutschland nicht anerkannt worden. Sie nahmen jeden Job an. Toiletten putzen, Früchte pflücken. Sein Vater begann, als Taxifahrer zu arbeiten. Ein paar Jahre später wurde Zemmars Schwester geboren und dann noch ein Bruder, der heute 18 Jahre alt ist. „Wir hatten keine Probleme mit Rassismus in der Schule“, sagt Zemmar. Aber bei den Älteren sei das anders gewesen, seinen Eltern habe das Anderssein sehr zu schaffen gemacht.

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Zemmar hat über sein Leben viel nachgedacht. Wie alles so gekommen ist. Die Geschichte seiner Eltern hat ihn geprägt, glaubt er. Wie es sie kaputtmachte, auf einen Schlag alles zu verlieren. Das Medizinstudium war eine Entscheidung für Sicherheit und Status. „Ich wollte einen sicheren Job, den ich überall auf der Welt ausüben kann.“ Er wollte nicht hilflos dastehen, sollte er eines Tages gezwungen sein, ebenfalls zu fliehen. Als Kind habe er erlebt, dass Stabilität nicht selbstverständlich sei. Vielleicht ist er deshalb so ehrgeizig. Wenn er in der Schule mal nicht der Beste war, nervte ihn das: „Bester zu sein, war wie ein Sport für mich.“

Nur zwei Auswege

Huchting ist einer der Stadtteile mit dem höchsten Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund. Als Kind fühlte Zemmar sich deshalb nicht fremd. Erst als Teenager merkte er, dass er als Huchtinger und Ausländer in eine bestimmte Ecke gestellt wurde. In die Ecke derer, „aus denen nichts wird“. Seine Noten waren zwar gut, aber lange Zeit hatte er kein klares Ziel, was er studieren wollte. Er und seine Freunde waren zudem keine „Vorzeigekinder“. „Ich war eher einer von den Bösen“, sagt er mit einem Augenzwinkern. In der Schule bekamen sie oft Ärger. Manchmal treffe er heute noch seine alte Lehrerin. Sie erzähle ihm dann Geschichten, die ihn selbst erstaunen – über das, was er und seine Freunde an Unsinn anstellten.

Es wäre sicher leicht gewesen, den richtigen Weg zu verlieren. Er kannte in Huchting auch einige, die kriminelle Pfade eingeschlagen hatten, sagt er. „Menschlich waren die nicht anders als andere, man konnte mit denen reden.“ Doch seine Eltern hätten ihm stets eingebläut, es gebe nur zwei Wege, hier rauszukommen: „Entweder du wirst kriminell – oder du kümmerst dich um deine Bildung.“

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Zemmar entschied sich für Letzteres. Er verließ Huchting und studierte sechs Jahre Medizin in Frankfurt. Im ersten Semester sagte ein Kommilitone zu ihm: „Leute wie du, die überleben hier sowieso nicht.“ Aber eine echte Hürde sei seine Herkunft nie gewesen, erzählt Zemmar. Seine praktische Ausbildung absolvierte er im Ausland, in den USA, in England und Südafrika. In New York machte er 2007 ein Praktikum bei dem renommierten Neurowissenschaftler Rodolfo Llinás. „Das hat mein Leben umgekrempelt.“ Seine Doktorarbeit zum Thema Hirnforschung schrieb er in Zürich, danach machte er seinen Facharzt in Neurochirurgie.

„Ich bin dankbar“, sagt Zemmar. Deutschland habe ihm viel gegeben, in Ländern wie Kanada sei es für Migranten teilweise schwerer. Heute ist die Welt für Zemmar grenzenlos. Beruflich pendelt er zwischen China und Kanada. „Die Welt wächst zusammen", sagt er. Er fühle sich als Deutscher und Afghane. Jeden Morgen nach dem Aufstehen liest er im Internet die Nachrichten aus Deutschland.

"Ich habe Afghanistan anders in Erinnerung"

Über Afghanistan liest er weniger. Er weiß nicht, was er glauben kann. Und es macht ihn traurig. „Ich habe Afghanistan anders in Erinnerung“, sagt er. Die Frauen seien nicht verschleiert gewesen. „Kabul war eine moderne Stadt mit Bars und Kinos.“ Wenn er genug Geld hätte, würde er in Afghanistan eine Schule bauen. Seit der Flucht hat er keinen Fuß mehr in das Land gesetzt. Nach dem Abitur wollte er einmal hin, aber seine Eltern waren dagegen.

Zemmar möchte noch eine Runde durch Huchting drehen, zeigen, wo er aufgewachsen ist. Sein Lieblingsort war der Deich an der Bäke, ein kleiner Fluss an der Grenze zu Niedersachsen. „Ich bin ein Grenzgänger“, sagt der 35-Jährige. Als Arzt sei er auch deshalb erfolgreich, weil er gut mit allen Menschen auskomme. Das ist etwas, was er in Huchting gelernt hat. Seine fünf besten Freunde – bis heute – kennt er aus der Schulzeit. Täglich schreiben sie sich in einer Chat-Gruppe auf Whatsapp, lachen über die alten Zeiten. Die meisten hatten kein akademisches Elternhaus, aber sie hätten alle etwas aus sich gemacht, sagt Zemmar.

Und wenn er an diesem kühlen Herbsttag durch den Stadtteil streift, schlafwandlerisch, als kenne er jede Ecke und jedes Haus aus­wendig, dann hört sich seine Stimme sehnsüchtig an. „Das Huchtinger Gefühl, das kriegt man nirgends auf der Welt“, sagt er. Er hat es rausgeschafft. Aber seine Heimat, die ist hier.

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