Verein Burg Blomendal präsentiert einen Vortrag über Kapitän Eduard Dallmann und die Blütezeit Blumenthals Vom Leben der Seefahrer

Blumenthal. Einst war die Kapitän-Dallmann-Straße eine der wichtigsten Einkaufsstraßen Blumenthals. Das ist lange her.
17.02.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Doris Friedrichs

Blumenthal. Einst war die Kapitän-Dallmann-Straße eine der wichtigsten Einkaufsstraßen Blumenthals. Das ist lange her. Aus den meisten Geschäfts- wurden Wohnhäuser, viele alte Kahnschifferhäuser mussten dem Straßenausbau weichen, andere Häuser verfielen im Laufe der Zeit. Von der Blütezeit der Kapitän-Dallmann-Straße und ihrem Namensgeber berichteten jetzt Klaus Peters und Jürgen Peters vom Verein Burg Blomendal in der Burg. Bei den Zuhörern wurden Erinnerungen geweckt.

An drei Tagen hatte der Vorstand des Vereins Burg Blomendal zu einer Ausstellung und zu Vorträgen eingeladen. Dazu gab es Shantys und Forebitters der Seeleute aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, vorgetragen von der Gruppe Logger’s Men. Sie eröffnete auch die Veranstaltung mit einem Lied aus dem Jahr 1839, „His em up“, in helgoländischem Platt. Arbeitslieder aus der Zeit bis 1870 bilden das Repertoire der sieben stimmgewaltigen Sänger. „Frauen, Schnaps, Pleite, wieder an Bord“, skizzierte „Frontmann“ Walter Grefe das wenig fröhliche Leben der Seefahrer früherer Jahrhunderte.

Das bestätigte anschließend auch Klaus Peters, Vorsitzender des Vereins Burg Blomendal, in seinem Vortrag über Kapitän Eduard Dallmann. „Romantisch war die Seefahrt nicht.“ Anhand der Biografie von Dallmann werde schnell deutlich, was es auch für die Familien hieß, wenn der Versorger drei bis fünf Jahre auf See blieb.

Eigentlich habe Dallmann alles Erlebte für sich behalten wollen. „Diesen Wunsch äußerte er 1883 in einem Brief“, erklärte Klaus Peters. Erst kurz vor seinem Tod im Jahr 1896 habe er seine Meinung geändert und aufgeschrieben, was ihm in seinem Berufsleben widerfahren ist. Dass die Menschen in Blumenthal fast zu 100 Prozent von der Seefahrt lebten, belegte Peters anhand von Zahlen. So existierten um 1844 23 Seeschiffe im Ort, 51 Kahnschiffer, zwölf Werften und viele Handwerksbetriebe, die für die Schifffahrt arbeiteten – und das bei 1300 Einwohnern.

Dallmann, 1830 geboren, fuhr schon als 15-Jähriger zur See. Mit 19 Jahren besuchte er die Seefahrtschule in Vegesack und wurde Obersteuermann. Dann ging es wieder hinaus aufs Meer auf dem Walfangschiff „Otaheite“, 39,7 Meter lang. „Ständige Eiseskälte, ständig klatschnass, ständig Salzwasser, die Hände waren von Salzwasser zerfressen, Skorbut war an der Tagesordnung“, beschrieb Klaus Peters das Leben der Seefahrer. „Sie fuhren zur See, weil sie ihre Familien ernähren mussten. Da war wenig Abenteuerlust.“

Mit 29 Jahren war Dallmann bereits Kapitän. Nachdem er 1859 seine hochschwangere Frau verlassen hatte, so Peters, blieb er die nächsten fünf Jahre auf See. Die Familie musste in der Zeit mit wenig Geld auskommen, verwaltet von einem männlichen Verwandten, der es ihr zuteilte. „Wenn es alle war, musste die Frau beim Kaufmann anschreiben lassen und hoffen, dass ihr Mann von See wiederkam. Sonst war sie bettelarm. Ihre Familie kam für ihre Schulden nicht auf.“ Viele Frauen habe die Situation in die Depression getrieben. Ein Schicksal, das auch der Frau Dallmanns bestimmt war. Sie starb 1882 in einem Heim in Hildesheim.

Als Deutschland sich 1872 aus dem aktiven Walfang zurückzog, berichtete Klaus Peters weiter, „weil da schon die Meere überfischt waren“ und Erdöl zunehmend den Tran der Wale ersetzt hatte, sei Dallmann auf Frachtschiffen gesegelt. „Wenn Kapitäne um die 50 Jahre alt waren, haben sie keinen Reeder mehr gefunden, der sie anstellte. Da waren sie schon zu alt. Dallmann wollte aber zur See fahren.“ Er habe es selten länger als ein halbes Jahr an Land ausgehalten. So ging er 1872 mit einem Polarschiff auf Forschungsreise in die Antarktis. Nebenbei seien noch Wale für die Niederlande und Norwegen gefangen worden, die den Walfang weiter betrieben hätten.

Dallmann fuhr noch lange Jahre zur See. Eine Krankheit, die ihn auf einer seiner Forschungsreisen nach Neu-Guinea ereilte, zwang ihn zu einer zweijährigen Pause. Nach seiner Rückkehr in die Heimat wollte er wieder hinaus aufs Meer. Doch dazu kam es nicht mehr. 1896 starb er mit 66 Jahren in Blumenthal. Viele Entdeckungen, die er unter anderem in der Antarktis gemacht hat, tragen seinen Namen, diverse Inseln hat er benannt. Einst standen zwei Bronzetafeln mit seinem Namen sowie seinem Geburtsdatum und Todestag in der Kapitän-Dallmann-Straße, eine davon rettete der Verein Burg Blomendal für sein Archiv.

Burgarchivar Jürgen Peters berichtete anschließend aus jener Zeit, als der Blumenthaler Marktplatz und die Kapitän-Dallmann-Straße, die bis 1929 Lange Straße hieß, noch von vielen Geschäften und Unternehmen geprägt war. So erfuhren die Besucher im Saal der Burg beispielsweise, dass die Bremer Wollkämmerei die Blumenthaler Straßen über Jahre mit Strom versorgte, bis 1904 am Müllerloch ein E-Werk entstand, das 1927 abgeschaltet wurde, als das Kraftwerk Farge in Betrieb ging. Der Bildervortrag präsentierte den Marktplatz mit der Friedenseiche, mit der ersten öffentlichen Telefonzelle des Ortes aus dem Jahr 1927, mit dem Blick auf die Mühle an der Mühlenstraße und dann aus dem Jahr 1952 von oben auf das Zentrum mit dem Finanzamt, dem Kindergarten der Wollkämmerei, dem Holzhandel Lohmüller und einer Mühle ohne Flügel.

Im Hotel Zur Glocke an der damaligen Langen Straße seien die ersten Stummfilme gezeigt worden, erzählte Jürgen Peters. Das Hotel sei viele Jahre später abgerissen worden, um dort den Parkplatz für das Modehaus Nordenholz zu bauen. Wo einst das Textilhaus Pawlik seinen Standort hatte, ist vor einigen Jahren die Blumenthaler Bücherstube eingezogen. Wie lange es sie noch gebe, wisse er nicht, denn das Grundstück, das bis zur Mühlenstraße reiche, gehöre der Freien Waldorfschule und das Gebäude wolle die Schule nutzen.

Fotos vieler weiterer Geschäfte und Wohnhäuser wurden gezeigt: Photo Ohrner, Bäckerei Belmer/Inthoff, Kaiser’s Kaffeegeschäft, Klempner Haesloop und die Alte Apotheke, heute am Müllerloch beheimatet. Das Wohnhaus von Kapitän Dallmann, in dem zuletzt eine Nichte von ihm gewohnt habe, verfalle leider zusehends, so Jürgen Peters, der noch eine heitere Anekdote über das Schmuggelgeschäft eines Johann Philipp Bahr beisteuerte. Der war Gastwirt und bei ihm kehrten auch die Zöllner ein. Bahr schenkte ihnen ordentlich ein und zog, sobald sie weg waren, eine rote Laterne am Haus hoch, sodass die Schmuggler wussten, dass sie ihrem Gewerbe wieder ungehindert nachgehen konnten.

„Romantisch war die Seefahrt nicht.“ Kaus Peters, Verein Burg Blomendal
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