Offene Ateliers beim Kulturspazierung Schwachhausen Vom Mozartkonzert zur Malwerkstatt

Schwachhausen. „Das ist ja der Hit!“, ruft eine Frau begeistert durch schallendes Gelächter und so viel tosenden Applaus, wie ihn rund 25 Leute im Stuhlkreis hervorbringen können. Damit kann sie sowohl die Veranstaltung „Poesie-Los“ meinen, bei der die Autorin Olivia Douglas von den Zuhörern per Los gezogene Gedichte liest, als auch die Lyrik, die das Publikum lachen, nachsinnen oder zustimmen lässt.
15.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von KRISTINA BELLACH

„Das ist ja der Hit!“, ruft eine Frau begeistert durch schallendes Gelächter und so viel tosenden Applaus, wie ihn rund 25 Leute im Stuhlkreis hervorbringen können. Damit kann sie sowohl die Veranstaltung „Poesie-Los“ meinen, bei der die Autorin Olivia Douglas von den Zuhörern per Los gezogene Gedichte liest, als auch die Lyrik, die das Publikum lachen, nachsinnen oder zustimmen lässt. Das wahrlich Zauberhafte aber ist, dass sich von den Anwesenden die allerwenigsten kennen, und trotzdem fast so etwas wie Vertrautheit zwischen ihnen herrscht.

Beim Kulturspaziergang Schwachhausen an diesem ersten Juni-Wochenende schafft es Olivia Douglas – oder besser ihre Poesie – im Nu, dass sich die Anwesenden nicht mehr fremd vorkommen. Das Gedicht Nummer 59 mit dem Titel „Verkleidung“, das von einem akrobatisch-kletternden Eichhörnchen handelt und mit dem schönen Wort „Frohsinn“ endet, lässt nicht nur die Frau, die das Los gezogen hat, sondern den gesamten Kreis in spontanes Lachen ausbrechen. Das nächste Gedicht, Los 49, heißt „Sonne“. Trautlind Klara Schärr hat es gezogen und ist entzückt: „Wunderbar, ich hab mir so sehr Sonne gewünscht, jetzt ist sie draußen und hier drinnen.“ „Der Gedanke kommt, es arbeitet einfach in mir“, berichtet Olivia Douglas von ihrer Gabe, das Wesen der Dinge präzise und schön zugleich in Worte zu fassen. Sie wolle nicht nur dastehen und frontal lesen, sondern die Zuhörer einbinden.

Der Kulturspaziergang erreicht mit dieser Lesung Großes: Er bringt Menschen einander näher. „Mir ging es auch so“, erinnert sich Olivia Douglas, die zugleich Sprecherin des Kulturkatasters Schwachhausen und Koordinatorin des Ereignisses ist, an ihren ersten Kulturspaziergang. „Ich bin mit offenen Armen aufgenommen worden.“ Neben dem Austausch der Künstler untereinander – „wir sind ein Netzwerk, keine Einzelkämpfer, und je mehr wir netzwerken, desto mehr passiert“ – habe der Nachmittag genauso mit Integration zu tun. „Es gibt viele Künstler mit Migrationshintergrund, die ihre Sorgen und Nöte in der Kunst verarbeiten. Hier kann man sich auf ganz anderer Ebene begegnen.“

Gerahmte Reizwäsche

Mit dem bunten Programm, das diesmal noch umfangreicher und vielfältiger als in den Vorjahren ist, öffnen Kulturschaffende an 19 Orten die Türen ihrer Ateliers und Werkstätten. Allein in der Beletage der Akademie Steinreich, in der auch Douglas liest, erleben Besucher verschiedene Darbietungen wie Comedy mit dem Überraschungskünstler Tim Verbarg, elfische Klänge auf den Harfen von Jutta Grix und Martin Eilers oder Bremer Märchen und Mythen, vorgetragen von Brigitta Wortmann.

Trautlind Klara Schärr aus der Neustadt hat eine kulturelle Rundreise durch Schwachhausen hinter sich, dabei „einen fröhlichen, besinnlichen Sonntag verbracht und diverse Geschenke eingekauft“, wie sie sagt. Die Werke Sigi Brüns aus der Ateliergemeinschaft am Dammweg haben es Schärr besonders angetan. Die Siebdrucke mit in Russland verbotener Reizwäsche seien unglaublich originell: „Gerahmt sieht das toll aus.“

Die Kinderbücher der Autorin Anja Brinckmann in der Wachmannstraße, die zusammen mit den Bildern der Malerin Csilla Kudor ausgestellt sind, oder das Mozartkonzert in der Beletage – das alle sei „unglaublich schön“, sagt Schärr, die selbst Musikerin ist. „Das bringt Inspiration, man trifft Leute und stellt fest, man hat die gleiche Wellenlänge.“ Das bringe Schwachhauser zusammen, die sonst nie miteinander in Kontakt kämen.

Weniger Besucher als im Vorjahr

In einem unscheinbaren Hinterhof in der Buchenstraße 8a hat sich eine ehemalige Mercedes-Werkstatt in die Malwerkstatt verwandelt. Das Atelier, das noch immer industriellen Charme hat, teilen sich vier Frauen, die als Hobbykünstlerinnen abstrakt und informell arbeiten. Ruhig verläuft der Kulturspaziergang hier in diesem Jahr, mit rund 80 Besuchern waren weitaus weniger da als im Vorjahr. Die Malerin Antje Friede aus St. Magnus schiebt es auf das gute Wetter und die zahlreichen Veranstaltungen in Bremen an diesem Wochenende. Sie sieht die Ruhe positiv: „Das gibt uns mehr Raum und Zeit, mit den Interessierten ins Gespräch zu kommen.“ Vor allem kämen andere Künstler vorbei, die ihren Horizont erweitern wollen.

„Es geht darum, einen Teil von mir nach draußen zu bringen“, sagt die Findorfferin Ursula Häckell von der Ateliergemeinschaft, die wie die alten holländischen Maler mit selbst gemischtem Ei-Tempera arbeitet: „Ich bin sonst nirgendwo so mutig wie in der Kunst. Dann ist es berührend, wenn andere Menschen herkommen und meine Bilder schön finden.“ Die Malerinnen Ingrid Kemnade aus Findorff und Gisela Meyer-Strüvy aus Schönebeck sehen den Nachmittag zudem als Werbung, sodass „die Menschen sich unsere Namen merken und wiederkommen“.

In Kürze wollen die Künstlerinnen ein Sommerfest mit den beiden Ateliers vom Hinterhof veranstalten, berichten die Frauen. Eine Idee, die beim Kulturspaziergang entstanden sei. Auch das Atelier 8a von Rosita Jahns-Höher, in dem diesmal Sigrid Sander mit ihrer Acrylmalerei auf Oldtimer-Radkappen zu Gast ist, soll dabei sein. Sander findet viel Lob für den Kulturspaziergang Schwachhausen, der ihr viele neue Kontakte gebracht habe: „So etwas ist immer wichtig für Menschen, die miteinander leben wollen. Gegeneinander haben wir genug.“

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